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Der Kollaps droht

 Der Kollaps droht
WEISSENBURG – Mit den Bezeichnungen werden auch die Erwartungen kleiner: 2008 gab es noch einen «Milchgipfel», der den Milchbauern Hilfe versprach im Kampf gegen existenzbedrohende Erzeugerpreise. Das aktuelle Krisentreffen wollte Agrarministerin Ilse Aigner nur mehr als «Runder Tisch» verstanden wissen. Die Ergebnisse machen den Landwirten auch in Weißenburg-Gunzenhausen wenig Mut, und so werden sie immer müder, gegen Windmühlen zu kämpfen.

Denn sie haben schon vieles versucht: zum Beispiel die Milchlieferung verweigert, um Druck auszuüben auf Politik und Wirtschaft. Beide haben versichert, ihr Möglichstes zu tun. Nun ist die Situation so schlimm wie nie zuvor. Jeder Liter verkaufter Milch ist ein Draufzahlgeschäft für dessen Erzeuger. Wer aufhören kann, hört auf. Aber viele Landwirte haben in neue Milchställe investiert. Sie können nicht einfach in Rente gehen – die Anlagen müssen sich amortisieren,
der finanzielle Kollaps droht. Also muss man weitermachen, auf Gedeih und Verderb.

Eine schmale Gratwanderung «zwischen Resignation und Zukunft», erklärt Kreisbäuerin Helga Horrer, «die Angst sitzt tief in unseren Familien.» BBV-Kreisobmann Friedrich Rottenberger bringt es noch deutlicher auf den Punkt: «Wenn nicht schnell Verbesserungen eintreten, dann werden wir erleben, dass viele Betriebe ihre Hoftore für immer schließen» – trotz der getätigten Investitionen.

Durchhalten

Gründe für die prekäre Lage gibt es viele: Die Förderung der Überproduktion durch die EU, die sinkende Nachfrage, die Folgen der Finanzkrise, Währungsschwankungen, rückläufige Exportmengen und vieles mehr erschüttern den Milchmarkt aufs Äußerste.
Langfristig aber ist klar: Die Nachfrage steigt weltweit, die Marktchancen für Milchbauern wären somit optimal. Zumindest für diejenigen, die mit langem Atem die aktuelle Krise überleben. Und das ist nicht leicht: «Das derzeitige Milchproduktpreisniveau ist für alle Beteiligten desaströs», sagt auch Christian Schramm, Leiter des Milcheinkaufs bei der Großmolkerei Zott. Er moniert: «Die Politik muss ihrer Verantwortung gegenüber den Milcherzeugern gerecht werden und den Ausstieg aus der Milchmarktstützung sensibler begleiten, als dies derzeit der Fall ist.»

Die Lage sei dramatisch, weiß auch der Weißenburger CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Wägemann. «Allerdings ist es für uns in Bayern extrem schwierig, auf politischem Weg tatsächlich helfen zu können, da alle bisherigen Versuche der CSU und der Bayerischen Staatsregierung weder auf deutscher und schon gar nicht auf europäischer Ebene auch nur annähernd eine politische Mehrheit fanden.» Genau das ist das Problem – zumindest für die Bauern im Freistaat. Denn landwirtschaftlich so kleinstrukturiert wie Bayern ist kein weiteres Bundesland, föderalistische Schützenhilfe aufgrund der divergierenden Interessenslagen also unwahrscheinlich.

Wenn politisch nichts geregelt werden kann, greifen die blanken Marktgesetze – und die halten den Preis im Würgegriff, da das Angebot die Nachfrage weit übersteigt. Dieser Umstand «wird insbesondere seitens des Einzelhandels ausgenutzt», beklagt Wägemann. Mangels Aussicht auf Erfolg von Protestaktionen bleibt derzeit auch der landwirtschaftliche Berufsstand verhältnismäßig ruhig.

Mal abgesehen von den rund 200 Bäuerinnen, die kürzlich vor dem Kanzleramt demonstrierten. Initiiert hat diese Aktion der BDM, der vor wenigen Wochen noch vor einem zweiten Milchlieferboykott warnte. Mittlerweile aber «stehen wir Bauern mit dem Rücken zur Wand», schildert BDM-Kreisvorsitzender Bernhard Tober. Dass in absehbarer Zeit kein Milchstreik in Europa losbricht, «dafür kann niemand garantieren».

Es könnte der letzte verzweifelte Akt der zahllosen Landwirte werden, die ohnehin ihren Betrieb aufgeben müssen – und das zumindest nicht kampflos tun wollen. Die politischen Hebel indes scheinen zu klemmen: Bayerns Engagement lässt Bund und EU kalt, die beide wiederum nur geringen Einfluss auf die Welthandelsorganisation WTO haben.

In einem allerdings ist man sich einig: «Wenn das Milchmarktproblem nicht an der Wurzel gepackt wird, dann wird die Misere sich weiterentwickeln und die Existenz zahlreicher Betriebe und damit zahlrei-
cher Arbeitsplätze gefährden», meint SPD-Landtagsabgeordnete Christa Naaß. Sie fordert: «Die gängige Praxis der Lebensmitteldiscounter, Grundnahrungsmittel wie Milch und Milchprodukte unter Produktionspreis zu verkaufen, muss verboten werden.» Ein hehres Ziel – das allerdings politisch kaum bis gar nicht durchsetzbar sein dürfte.

Verschämt

So engagiert sich jeder auf seine Weise, und jedem scheinen auf seine Weise die Hände gebunden. Es bleibt wohl doch bloß die Marktbereinigung durch Höfesterben als Hauptstrategie eines brachialen Strukturwandels. Wer ihn nicht überlebt, spricht davon nicht gerne – die Stalltüren werden heimlich geschlossen. Wessen Betrieb überlebt, schämt sich fast. Auf die Anfrage des Weißenburger Tagblatts, die verfahrene Situation auf dem Milchmarkt an ihrem Beispiel darzustellen, schütteln die Betroffenen nur den Kopf. Reden will keiner in der Öffentlichkeit.

Nur gegenüber Volker Schmiedeke sind die Bauern bereit, sich zu öffnen. Schmiedeke ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Familienberatung in der Evangelischen Landeskirche (ein ähnliches Angebot gibt es auch seitens der katholischen Kirche). Bei seinen seelsorgerlichen Gesprächen sieht er sich immer mehr mit finanziellen Problemen in den bäuerlichen Familien konfrontiert. Immer öfter muss er mit seinen Klienten zu den Banken marschieren, um andere Zinskonditionen auszuhandeln oder Kredite verlängern zu lassen. Viele kleine und Nebenerwerbsbetriebe hätten dem Druck mittlerweile nachgegeben und die Milchwirtschaft sein lassen, sagt Schmiedeke. Was die Betriebsoptimierung anbelange, sei «bei sehr wenigen noch Luft drin», gibt er zu bedenken.

Wer die meiste Luft für den längsten Atem hat, gewinnt. Und wenn es der Importeur ist, der die Milchpreise kräftig nach oben schrauben kann, wenn er erst einmal in Deutschland keine heimischen Milcherzeuger als Konkurrenz mehr fürchten muss.

JάRGEN LEYKAMM
14.5.2009 15:58 MEZ
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