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CANNES - Der dänische Regisseur Lars von Trier, Gewinner der Goldenen Palme des Jahres 2000, hat beim Filmfestival in Cannes wieder einmal für Furore gesorgt. Mit seinem Schocker «Antichrist« stellte er die Strapazierfähigkeit des Publikums auf die Probe.
Pünktlich zur Festivalhalbzeit lieferte Lars von Trier mit seinem neuen Werk Stoff für heftige Kontroversen. Der seit je her radikalste aller Skandalregisseure inszeniert in «Antichrist« die Geschichte eines trauernden Ehepaars, das sich nach dem Tod seines Sohnes in eine entlegene Waldhütte zurückzieht, als Horrorfilm der besonderen Art. Was als kompromisslose Therapiesitzung beginnt, verdichtet sich zu einer angstbefeuerten Terror-Orgie. Die mündet schließlich in extremsten Gewaltexzessen, welche das Premierenpublikum immer wieder entsetzt aufschreien ließen.
Blutiger Krieg der Geschlechter
Kalt lässt dieser zwingend und mit bemerkenswerter Konsequenz umgesetzte Krieg der Geschlechter niemanden, sei es wegen seiner schonungslos pornografischen und vor allem ekelerregend blutigen Details oder aufgrund des fragwürdigen Männer- und vor allem Frauenbildes, das der dänische Filmemacher drastischer entwirft denn je.
Von der technischen Brillanz über den immer wieder aufblitzenden, diabolischen Humor von Triers bis hin zur Unbedingtheit, mit der sich ihm seine Schauspieler Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe ausliefern, gibt es in dem auch mit deutschen Geldern finanzierten «Antichrist« aber auch Enormes zu bewundern. Zumal das Publikum selbst bei einem Festival dieser Art nicht alle Tage Kino zu sehen bekommt, das so tiefe Spuren hinterlässt. Die Reaktionen in Cannes reichten von ratlosem Kopfschütteln bis hin zur Wut, aber auch Bewunderung für den Mut und die visuelle Kraft des Films war zu vernehmen.
Tränen der Rührung bei Mariah Carey
Zarte Tränen der Rührung hatte zuvor Mariah Carey vergossen - wegen der Standing Ovation für Regisseur Lee Daniels. In dessen Film «Precious«, der die Geschichte eines übergewichtigen Mädchens erzählt, spielt der Popstar überraschend überzeugend eine Nebenrolle. Fernab aller Körperflüssigkeiten wussten bisher aber auch andere Regisseure zu überzeugen. Jane Campion etwa mit «Bright Star«, einem bildschönen und tragischen Liebesdrama über den Dichter John Keats, Ang Lee mit liebevoller Nostalgie in «Taking Woodstock« sowie Ken Loach, der in «Looking For Eric« mit charmantem Witz statt sozialer Tristesse überrascht.
Dass allerdings noch ein Film die Strapazierfähigkeit in Cannes dieses Jahr so sehr auf die Probe stellt wie «Antichrist«, mag man sich kaum vorstellen. Zumindest, bis Quentin Tarantinos mit Spannung und Skepsis erwarteter «Inglorious Basterds« ins Rennen geht.
Patrick Heidmann |