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AUS DEN HOCHSCHULEN  
In der Erlanger Lebensmittelchemie kennt jeder jeden

Hier kann sich niemand verstecken

 Hier kann sich niemand verstecken
Foto: Iannicelli
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Ganz nach oben muss man, in den vierten Stock, über breite, prächtige Treppen mit verschnörkeltem Geländer. Auf den langen Gängen plaudern Studenten in blütenweißen Kitteln, denen Schutzbrillen um den Hals baumeln. Die letzte Treppe ist schmaler als die anderen. Man meint, nun auf dem Dachboden des herrschaftlichen Hauses angekommen zu sein.

Mit jeder Etage wurde die Luft etwas wärmer, hier oben ist sie schon fast ein wenig stickig. Von dem kleinen Flur mit blau-grau meliertem Linoleumboden führen Holzstiegen zu blau gestrichenen Türen hinauf. Friedlich ruhen ein ausgeblasenes Straußenei, ein Kästchen mit gelblichen, stumpfen Zähnen und knittrige Arzneibücher aus vergangenen Jahrhunderten in Glasvitrinen. Hinter einer Tür murmelt es eifrig.

In dem quadratischen Seminarraum, in den die Tür leitet, sitzen 14 Studenten an Tischen, die als großes U angeordnet sind. Ihre Professorin steht zwischen zwei grünen Wandtafeln und doziert über Schokolade. Dass hier über Schokolade geredet wird, kann jeden Tag vorkommen. Erstaunlich ist die Anzahl der Studenten, die dem Vortrag über Süßkram lauscht: ein gutes Dutzend, und mehr gibt es im Hauptstudium auch nicht.

«Der Lehrstuhl für Lebensmittelchemie lässt jedes Jahr zum Wintersemester zehn Studenten zu», erklärt Leiterin und Professorin Monika Pischetsrieder. Damit gehört die Lebensmittelchemie zu den kleinsten Lehreinheiten an der Universität Erlangen-Nürnberg. Während sich in der Betriebswirtschaftslehre über 1300 Studenten tummeln, sich für Rechtswissenschaften im vergangenen Jahr 350 Abiturienten eingetragen haben und sich in der Humanmedizin auch mal über 100 Studenten in einen Hörsaal quetschen, studiert man in der Lebensmittelchemie neun Semester lang etwa zu dreißigst. Knapp halb so viele Doktoranden kommen noch dazu.

«Mit den Assistenten ist man hier per Du», sagt Lucas Kilchenstein (23), dem sein Studium der Lebensmittelchemie besonders wegen des hohen Praxisanteils gefällt. «Aber die Chefin siezt man natürlich», fügt seine Kommilitonin Stephanie Gahrn mit einem Grinsen an. Die 23-Jährige ist als Quereinsteigerin aus der Chemie an den Lehrstuhl gekommen. «Mein Numerus clausus hat nicht ganz gereicht, aber nach dem Grundstudium konnte ich dann zur Lebensmittelchemie wechseln», erzählt sie. «Chemie war zwar ganz cool, aber hier ist doch alles realitätsbezogener.» Neben dem Praxisbezug schätzt sie vor allem, dass hier niemals ein Seminar überfüllt ist: «Es war schon sehr problematisch, in der Chemie einen praktischen Kurs zu kriegen. Da ging es vor allem um die Noten, so dass man manchmal ein Semester warten musste und nichts tun. Hier bekommt jeder sofort, was er will.»

Auch Monika Pischetsrieder, die alle ihre Studenten kennt, schätzt «die kurzen Wege» am Lehrstuhl: «Wenn es ein Problem gibt, kann man es sehr schnell lösen.» Mit einer Sekretärin, die halbtags arbeitet, und einem akademischen Rat gibt es nicht viele Instanzen, durch die eine Entscheidung erst langsam sickern müsste. «Es ist einfach ein tolles Arbeiten am Lehrstuhl», schwärmt die aufgeweckte Frau, deren zierliches Gesicht eine braune Ponyfrisur umrahmt.

Vorlesung über Schokolade

«Die Studenten lernen hier das Denken, nicht nur das Auswendiglernen. Mit solch einer kleinen Studentenzahl sind ganz andere didaktische Methoden möglich, ein Denkprozess läuft gemeinschaftlich ab.» Nach der Vorlesung über Schokolade schließt sich eine Übung über ein Schwarzer-Tee-Molekül an. Eine Studentin präsentiert ihren Vorschlag auf dem Overheadprojektor. Alle haben zu Hause Ideen zum Aufbau des verästelten Moleküls, das an die Wand projiziert wird, gesammelt und tüfteln nun gemeinsam an einer Lösung. «Solche intensiven Übungen wären mit einer größeren Anzahl an Studierenden gar nicht möglich», ist Pischetsrieder überzeugt.

Die Nachfrage nach Studienplätzen in der Lebensmittelchemie, die das Gebäude und das Grundstudium mit der Pharmazie teilt, ist groß. «Auf einen Studienplatz kommen meistens 20 Bewerber», sagt die Professorin. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind für die Uniabgänger sehr gut. Firmen, die nach Absolventen fragen, müsse sie des Öfteren leider vertrösten: «Nee, die sind alle schon weg.»

Warum der Fachbereich bislang trotzdem so klein blieb, kann sie sich nur mit den Lehrkapazitäten erklären: «Es gibt momentan nur diese eine Professorenstelle. Und der kann eben auch nur eine begrenzte Anzahl an Studierenden zugewiesen werden.» Es gäbe schon Vorhaben, den Lehrbereich auszubauen, um genau 50 Prozent. «Das sind dann eben 15 Studenten pro Jahr», sagt Pischetsrieder.

In solch einem kleinen Fachbereich kann sich aber auch keiner «verstecken». Mitarbeit ist von allen gefragt. «Das ist aber sehr praktisch», meint Stephanie Gahrn. «Jeder wird in den Seminaren miteinbezogen, und wenn man mal was Falsches sagt, ist das überhaupt nicht schlimm. Alle sind sehr fair.»

So gefordert jeder einzelne Student ist, so motiviert kennt die Professorin ihre Schützlinge auch: «Es gibt kaum Studienabbrecher. Eine Gruppe, die im ersten Semester gemeinsam startet, schließt das Studium meist auch geschlossen ab.» Und die Kurse seien auch fast immer voll besucht. Pischetsrieder würde den Lehrbereich ungern riesig ausgebaut sehen: «Denn dann würden wir verlieren, was wir haben.»

Inga Fötsch
27.5.2009
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