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ERLANGEN - Experten und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, warnen vor zunehmender Computerspielsucht. Ab wann ist die Arbeit oder das Spielen am PC bedenklich? Das fragten wir Dr. Angela Rischer, Leitende Psychologin an der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen.
NZ: Frau Rischer, Computer stehen in jedem Kinderzimmer und in allen Büros. Wo hört der Spaß auf, und wann beginnt die Sucht?
Angela Rischer: Aus dem Spaß wird eine Sucht, wenn die Nutzer unwiderstehlichen Drang entwickeln, ins Internet zu gehen, ein Kontrollverlust eingetreten ist, es Entzugserscheinungen gibt und soziale, schulische oder berufliche Verpflichtungen auch dann vernachlässigt werden, wenn ernste Konsequenzen drohen.
NZ: Wurde das Problem zu lange unterschätzt?
Rischer: In den Betrieben hatte die Internet-Nutzung von Sexseiten während der Arbeitszeit in den 90er Jahren derart überhandgenommen, dass inzwischen mit fristlosen Kündigungen reagiert wird, um das Problem überhaupt noch in den Griff zu bekommen. Vorher galt es eher als Kavaliersdelikt. Auch die Bemühungen, bestimmte Seiten zum Beispiel für Kinder sperren zu lassen, sind ja eher halbherzig verfolgt worden.
NZ: Auf welche Anzeichen sollten Eltern achten?
Rischer: Das Kind hat ja keine Alkoholfahne oder andere äußeren Merkmale, an denen man «sicher« solche Anzeichen zur Internet-Sucht erkennen könnte. Manchmal fallen Kinder oder Jugendliche durch Übermüdung auf, wenn sie bis tief in die Nacht im Internet sind. Manche Eltern finden es fast normal, dass ihr Kind nicht mit anderen spielt, nicht draußen herumtobt, in keiner Clique ist und nicht viel lacht. Schön wäre es, wenn sich Eltern kritisch fragen, ob sie wissen, was ihr Kind in seiner Freizeit macht und mit wem es zusammen ist. Sie sollten nicht immer glauben, dass nur für das Schulreferat gegoogelt wurde.
NZ: Wie zeigt sich die Sucht bei Erwachsenen?
Rischer: Wenn jemand nicht mehr begrenzen kann, wie lange er im Internet surft, spielt, Pornografie nutzt und chattet, und es ihm egal wird, ob er darüber die eigenen Kinder vernachlässigt, arbeitslos wird oder Schule oder Studium abbricht, dann ist die Grenze überschritten.
NZ: Bei anderen Drogen spielt der Reiz des Verbotenen mit. Wo liegt die Faszination am legalen PC?
Rischer: Jeder kann sich ja an die eigene Faszination beim Ausprobieren des Internets erinnern: Wie einfach das geht, welche scheinbaren Freiheiten hier liegen, und wie man scheinbar anonym auch mal etwas Verbotenes «aufrufen« und sogar Beziehungen knüpfen kann, ohne sich mit wirklichen Menschen herumärgern zu müssen. Eine nochmal ganz andere Qualität und «Faszination« hat für manche die menschenverachtende Gewaltverherrlichung und -pornografie. Das Internet war ja lange Zeit ein fast rechtsfreier Raum, mit genug Platz für Verbrechen wie snuff-Videos und Kinderpornografie. Dafür gibt es einen großen Markt.
NZ: Wo ist der Unterschied zu «normalen« Süchten, gibt es auch beim PC eine Art Rauschzustand?
Rischer: Exzessive Internetuser reagieren mit körperlichen Reizreaktionsmustern, wie sie auch bei Rauschmitteln bekannt sind. Und: Genau wie bei Alkohol-, Tabletten- oder Drogensucht kann das süchtige Verhalten die Funktion bekommen, das Leben für den Betroffenen erträglich zu gestalten und Stress oder «negative« Gefühle in den Griff zu bekommen.
NZ: Wann brauchen Betroffene Hilfe?
Rischer: Wenn sie merken, dass sie beginnen, unter den Schattenseiten der Internetnutzung zu leiden, und ernste soziale Konsequenzen drohen. Das kann allerdings lange dauern. Ich weiß von einem Fall, in dem sich ein Jugendlicher über zwei Jahre aus der realen Welt verabschiedet hatte, und seine Mutter sehr um ihn kämpfte. Manchmal ist es auch hilfreich, sich über Selbsthilfegruppen für Internetsüchtige Rat zu holen. Manche suchen eher unfreiwillig Hilfe: Das sind meist Männer, deren Onlinepornosucht von der Partnerin entdeckt wurde, da steht dann oft die Trennung im Raum.
NZ: Wie sieht eine Therapie aus?
Rischer: In der Psychotherapie würde man mit dem Betroffenen untersuchen, welchen «Job« die Internetsucht gerade übernimmt, und wer oder was diesen Job stattdessen ausfüllen könnte. Manchmal ist es für den Betroffenen zunächst besser, internetsüchtig als depressiv oder einsam zu sein. Die Frage ist: Ändern oder so lassen? Wird die Frage mit «ändern« beantwortet, hat jede Therapierichtung ihr eigenes Repertoire an Veränderungsanregungen.
NZ: Zum Beispiel?
Rischer: In der Verhaltenstherapie etwa geht es darum, Selbstkontrollstrategien zu lernen und neue Verhaltens- und Erlebnisweisen zu trainieren, die das Bedürfnis nach Kontakt, Selbstwertsteigerung oder rauschhaftem Kick anders befriedigen können.
Fragen: Sharon Chaffin |