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Der «Säurefraß» bedroht auch Nürnberger Archiv

Bücher werden angefressen – irgendwann sind sie sauer!

 Bücher werden angefressen – irgendwann sind sie sauer!
Das Gedächtnis der Kultur- und Bürokratie-Nation Deutschland ist in Gefahr: Ein Großteil der nach 1840 hergestellten Bücher und Dokumente droht zu zerfallen, bestätigte das bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst jetzt dem kulturpolitischen Sprecher der Grünen im bayerischen Landtag, Sepp Dürr. Grund: Ab 1840 bis in die Gegenwart wird säurehaltiges Papier verwendet, das sich mit der Zeit zersetzt.

Die Geschwindigkeit des Zerfallsprozesses ist wesentlich größer als das Tempo, mit dem die Bücher und Archivalien durch technische Verfahren «entsäuert», verfilmt oder digitalisiert werden, stellte Dürr nach der «erfreulich offenen» Antwort des Ministeriums fest.

Der Säurefraß stellt das weitaus größte Risiko für die Archivgüter dar. Demgegenüber sind die anderen Gefahren wie Schädlings- oder Schimmelbefall oder Tintenfraß vernachlässigbar.

Zu der Anfrage veranlasst wurden die Grünen durch den spektakulären Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor einigen Monaten. Die U-Bahn, auf deren Bau das Unglück von Köln zurückgeführt wird, kommt auch in Nürnberg dem kommunalen Archiv nahe, räumt Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) ein.

Überwachung durch «Rissmonitore»

Dort führe die Trasse der neuen U-Bahnlinie 3 sogar unter dem unterkellerten Magazinbau des Staatsarchivs Nürnberg hindurch. Zwischen dem tiefsten Punkt des Baus und der U-Bahn-Röhre liegen sechs Meter Sandstein, der sich deutlich von dem in Köln vorhandenen «Flussschwemmland» unterscheide. Die Risse, welche der 1880 entstandene Magazinbau aufweise, würden vorsichtshalber aber mit Hilfe von «Rissmonitoren» überwacht.

Doch kein Einsturz und auch nicht der Brand der Weimarer Anna-Amalia Bibliothek vom September 2004 können so viel Schaden anrichten wie der galoppierende Säurefraß, stellte Kulturpolitiker Dürr fest. Zur Sanierung und Datensicherung fehlten erhebliche Mittel. Allein die Erfassung der in Bayern vorhandenen insgesamt 42,7 Millionen Archivalien, die 229 Regalkilometer füllen, werde noch Jahre dauern. Parallel dazu müssen Neu- und Erweiterungsbauten geschaffen werden, denn allein in den Jahren 2007 und 2008 sind 8,2 Regalkilometer neuer Behörden- und Gerichtsakten hinzugekommen.

Wollte man die gefährdeten Bestände aller bayerischen Bibliotheken und Archive einerseits durch Sicherheitsverfilmung und andererseits durch Digitalisierung schützen, bedeute dies eine finanzielle Herausforderung von «mehreren Hundert Millionen Euro», sagte Dürr. Michael Stephan, Leiter des Münchener Stadtarchivs, schätzte, dass zurzeit ein bis zwei Prozent der zum Schutz erforderlichen Summe jährlich zur Verfügung stehen.

Dass Bayern mit dem Schutz der Archivgüter allein überfordert ist, sehen auch die Grünen ein. Die Staatsregierung müsse daher wesentlich mehr als bisher auf Bundes- wie europäischer Ebene auf Kooperation drängen. Freilich müsse der Freistaat auch seine eigenen Anstrengungen ausweiten, so Dürr. Die Grünen werden daher demnächst in einem Parlamentsantrag einen «Mehrstufenplan» für die Rettung und Finanzierung der Archiv- und Bibliotheksbestände drängen. Ralf Müller
1.8.2009
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