Kennen Sie das Gefühl, wenn man glaubt, jemanden bei einem Rechtschreibfehler ertappt zu haben, und dann ist die Schreibweise desjenigen doch richtig? Mir ging es bislang immer so, wenn jemand die festen Wendungen «seit Langem» oder «bei Weitem» schrieb.
Letzte Woche las ich dies in einem Essay eines Kollegen, vom dem ich sonst sehr viel halte, und dachte bei mir: Sieh’ an, auch der Herr Pümpelmann (* Name von der Redaktion geändert) macht schon mal Fehler. Aber von wegen: «Seit Langem» steht schon seit Langem im Duden. Und das große «L» ist nicht nur kein Fehler, sondern aus Sicht des Duden sogar die bessere Variante gegenüber «seit langem».
Über den Fehler, der in Wirklichkeit gar keiner war, hat mich der Erlanger Germanist Theodor Ickler aufmerksam gemacht, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die neuen Ausgaben von Duden und Wahrig schrieb. Darin stellt er fest, dass es im Wahrig – dem konkurrierenden Rechtschreib-Wörterbuch aus dem gleichen Verlagshaus – anders ist als im Duden: Dort wird «seit langem» weiterhin so geschrieben, wie die Deutschen es in den letzten paar Hundert Jahren getan haben. Das gilt übrigens auch für viele andere Wendungen aus Präposition und artikellosem gebeugten Adjektiv wie von nahem, seit neuestem oder bei weitem.
Das Rechtschreib-Wörterbuch des Pons, im Internet unter www.pons.eu kostenlos verfügbar, hält übrigens beides für berechtigt, nennt aber «seit Langem» an erster Stelle – so wie auch im Duden neuerdings Präferenzen ausgedrückt werden.
Was wäre eigentlich, wenn man sich mal ganz unpolitisch fragen würde: Welche Schreibweise bringt denn den Ausdruck näher an den Sachverhalt? Da schneidet die Kleinschreibung des Kurzen eindeutig besser ab! Schließlich legt das große «K» ja nahe, dass dort ein Hauptwort oder Name versteckt ist. «Seit Adenauer werden die Renteneinkünfte falsch berechnet» – okay, aber wer bitteschön ist «Kurzem»? Funktional ist «seit Langem» also doch ein Fehler, wenn auch kein Duden-Fehler. Das beruhigt doch ungemein!
Stefan Brunn |