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ROTHENBURG o.d.T. - In einer Zeit, in der Währungsräume immer internationaler werden, erleben Zahlungsmittel eine Renaissance, die nur in eng begrenzten Gebieten Gültigkeit haben: Das Regiogeld - die lokale Antwort auf die globalen Herausforderungen.
Beim täglichen Gang zum Metzger, Bäcker oder zum Getränkemarkt können die Einwohner in Rothenburg o.d.Tauber oder Creglingen auf Euro im Geldbeutel getrost verzichten. Aber auch beim Friseur, im Buchladen , in Gaststätten oder in der Apotheke reicht es, wenn man hier mit «Tauber-Franken« bezahlt.
Verbraucher gewinnen
Anfang 2008 wurde das Regiogeld hier in Umlauf gebracht, aber noch ist Landwirtschaftsmeister Peter Striffler mit seinen Mitstreitern im Tauber-Franken-Verein nicht zufrieden. «Wir versuchen, immer mehr Verbraucher für unsere Idee zu gewinnen, aber es ist gar nicht so einfach, das zu erklären.« Nach seinen Angaben sind aktuell 6000 Tauber-Franken im Umlauf - einige mehr sollten es aber schon sein.
Ob Tauber-Franken, seit Anfang des Jahres auch Hohenloher Franken (in der Region um Schwäbisch Hall), Chiemgauer, Sterntaler (im Berchtesgadener Land), Roland (Bremen), Carlo (Karlsruhe) oder Alto (im Hamburger Stadtteil Altona) – schon seit Jahren gibt es in verschiedenen Regionen Deutschlands immer mehr regionale Währungen. Die Planungen für rund drei Dutzend weitere Regiowährungen laufen bereits.
30 Prozent regional beziehen
Als Regiogeld werden Gutschein-Systeme bezeichnet, die nur jeweils in einer geografischen Region unter den Teilnehmern als Zahlungsmittel akzeptiert werden. «Untersuchungen haben ergeben, dass eine Familie bis zu 30 Prozent ihres laufenden Bedarfs regional beziehen kann«, betont Franz Galler von der Initiative Sterntaler im Berchtesgadener Land.
Heimatverbunden
Viele Regionalwährungssysteme sind als Gegenbewegung zur Globalisierung entstanden. Mit einer regionalen Komplementärwährung, so der Gedanke, arbeitet das Geld in der Region und stärkt dort die regionalen Wirtschaftskreisläufe Durch den eng umgrenzten Raum, in dem die Gutscheine umlaufen, bleibt die Zahlung für damit getätigte Geschäfte in der Region, statt ins Ausland oder in andere Finanzmärkte abzuwandern.
Durch die Stärkung der regionalen Vernetzung und einen direkteren Kontakt zwischen Herstellern und Endverbrauchern erhoffen die Befürworter darüber hinaus, ein geringeres Transportaufkommen, das so die Umwelt entlastet, eine bessere Kontrolle der Produktionsbedingungen in Bezug auf Umweltverträglichkeit und soziale Standards sowie eine Verbesserung der Zahlungsmoral zwischen den Teilnehmern.
Keine Vorteile durch Zurückhalten
Denn durch das Zurückhalten der Regionalwährung ergeben sich keine Vorteile. «Wir brauchen Regio ergänzend zum Euro«, fordern die Verantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen, «um ungenutzte Ressourcen, Fähigkeiten und ungedeckte Nachfrage in der Region zusammen zu bringen, um die regionale Liquidität zu erhalten und zu erhöhen und damit die regionale Entwicklung besser vor den Unwägbarkeiten globaler Finanzspekulation geschützt ist.«
Im Chiemgau haben Schüler einer Waldorf-Schule gemeinsam mit ihrem Wirtschaftslehrer die regionale Währung, den Chiemgauer, eingeführt. Inzwischen ist diese Regionalwährung zum Star unter den Regio-Geldern geworden: 2008 wurden mehr als eine Million Euro in Chiemgauer umgetauscht. Damit die Scheine wirklich von einer Hand zur anderen wandern, ist die Regionalwährung so gestaltet, dass die Kunden sie nicht lange behalten mögen, denn als Währung verliert der Chiemgauer alle drei Monate zwei Prozent seines Wertes.
Geld wird weniger Wert
Durch das Horten von Tauber-Franken, Chiemgauern, Sterntalern oder anderen Regionalwährungen wird das Geld also im Laufe der Zeit weniger wert. Um den Umlauf zu sichern und zu fördern, wird in regelmäßigen Zeitabständen eine «Abwertung« vorgenommen.
«Der eingebaute Umlaufimpuls macht auch den Tauber-Franken ausschließlich zu einem Tauschmittel. Untersuchungen belegen, dass eine Regionalwährung bis zu 40mal schneller zirkuliert als normales Geld,« betont Peter Striffler.
Nutzen bezweifelt
Kritiker bezweifeln den Nutzen einer solchen Umlaufsicherungsgebühr, weil damit der Konsum gegenüber dem Sparen bevorzugt wird. Andererseits sind sich Wirtschaftsexperten in der heutigen Situation darin einig, dass alle deflationären «Geiz-ist-geil«-Ansätze und «Angstsparen« der konjunkturellen Entwicklung in Deutschland schaden. Die Verantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen hoffen auf zahlreiche andere Regiogeld-Projekte, «damit die ökonomischen und gesellschaftlichen Vorteile eines anderen Geldsystems praktisch erlebt und verstanden werden.«
Noch lassen die Deutsche Bundesbank und die Europäische Zentralbank die Regionalwährungen in Frieden, denn die regionalen Komplementärwährungen stellen als Zahlungsmittel keine Bedrohung für den Euro dar. Die obersten europäischen Geldhüter dürften ohnehin aktuell ganz andere Problemen haben.
Horst Peter Wickel |