MÜNCHEN - «Adel verpflichtet» lautet ein geflügeltes Wort. Vor genau 90 Jahren wurde er zwar mehr oder weniger entmachtet – zumindest was die rechtlichen Privilegien angeht. Denn die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 sorgte dafür, dass die vielen «Vons» und «Zus» nur noch Bestandteil des Namens waren – abgesehen von meist ganz beträchtlichen Besitztümern, die blieben. Doch scheinen eben diese klingenden Namen wenig von ihrem Glanz und ihrer Faszination verloren zu haben – egal ob in der Medienbranche oder in der Politik. Die linksgerichtete Berliner «Tageszeitung» (taz) provozierte vor dem Hintergrund der großen Popularität von «Baron zu Guttenberg» sogar mit der Frage, ob «Deutschlands politische Klasse» wieder mehr Adel brauche.
Spätestens seit dem Beliebtheitsboom des Wirtschaftsministers Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) wird in Deutschland wieder über die Macht des Adels gesprochen. Guttenbergs Vater Enoch befeuerte den Mythos vom edlen Adel kürzlich, als er in der «Süddeutschen Zeitung» sagte: «Wir sind so erzogen worden, dass man für das, was man für richtig hält, zur Not auch sterben können muss.» Nach längerer Zeit wurde damit die geistige Tradition des Adels wieder ein öffentliches Thema. Dass es sich bei diesen Worten nicht um leeres Pathos handelt, zeigt der wesentlich von Adeligen getragene Widerstand gegen die Nazi-Diktatur.
Meistens tauchen Adelige heute vor allem in der Regenbogenpresse auf. Dort ist dann gerne von pompösen Hochzeiten in den Familien Hohenzollern, Bismarck oder Schaumburg-Lippe zu lesen. TV-Sendungen wie «Gräfin gesucht – Adel auf Brautschau» bedienen zusätzlich jenen Voyeurismus, dem der Adel stets besonders ausgesetzt war. Berühmtes Personal in der Adelsberichterstattung: die inzwischen für ihre streng-katholischen Überzeugungen bekannte Gloria Fürstin von Thurn und Taxis oder Ernst August Prinz von Hannover, dessen «Schlagfertigkeit» immer wieder auch die Gerichte beschäftigt.
«Berichtenswert sind oft die Adeligen, die sich skurril präsentieren», sagt die RTL-Society-Expertin Frauke Ludowig. «Es gibt aber auch jede Menge Adelige, die ein ganz normales Leben führen.» Bei Herrn zu Guttenberg sei das Erfolgsgeheimnis ganz einfach: «Bei seiner Frau und ihm haben viele Leute das Gefühl, dass die beiden sich so benehmen, wie man sich benehmen sollte. Sie sind einfach elegant.» Leute mit klingenden Namen sind auch selber Beobachter im Gesellschaftszirkus – man denke etwa an Journalisten und Autoren wie Tita von Hardenberg, Maja Prinzessin von Hohenzollern oder aber den «Bild»-Kolumnisten Alexander von Schönburg. Und der Kabarettist Eckhart von Hirschhausen ist zurzeit Deutschlands Bestseller-Autor und lakonischer Ratgeber Nummer eins («Glück kommt selten allein . . .»).
Der Geschäftsführer des Deutschen Adelsverbandes, Heiko Nowak Graf von Roit, findet es gut, dass die Standesprivilegien des Adels abgeschafft sind: «Zeitgemäß hat unser Verband die Aufnahmekriterien liberalisiert und bietet ausnahmslos allen Trägern adeliger Namen, so auch Künstlern, die einen Adelsnamen als Pseudonym führen, die Möglichkeit, in das Adelsregister aufgenommen zu werden.»
Die Feindbilder und Vorurteile gegen den Adel funktionieren dennoch: Der Linke-Politiker Bodo Ramelow wertet den Wirtschaftsminister als «Prototyp eines allzeit gut gegelten Politikers» ab – offenbar sei das Ansehen der Herrschenden so tief gesunken, dass sich mancher wieder nach einer Zeit zurücksehne, in der Titel und Besitz durch Geburt und nicht durch Leistung erworben wurden.
Vera Gräfin Lehndorff (70), ehemaliges Topmodel, sieht die Sache gelassener: «Adel ist keine Garantie für Intelligenz, politische Erfahrung oder umsichtige Führungskraft, meint sie. Einzig entscheidend in der Politik sind Klugheit, Entscheidungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit.» Adelige Herkunft muss dafür freilich kein Hindernis sein, wie die jüngere deutsche Geschichte zeigt. dpa |