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Die nachts durch verlassene Höhlen kriechen

«Geocaching» in der Fränkischen Schweiz: Mit GPS-System schlagen sich Schatzsucher durchs Unterholz
 Die nachts durch verlassene Höhlen kriechen
Foto: privat
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Der moderne Abenteurer sucht sich seine Touren im Internet aus: Beim «Geocaching», einer Art Schatzsuche per Satellitensignalen, ziehen Menschen mit Karte, Kompass und GPS-Empfänger (Global Position System) durch Wald und Flur. Weltweit gibt es rund 860 000 dieser Verstecke. In der Fränkischen Schweiz, wo etwa 300 Caches liegen, sind Nacht- und Höhlen-Touren bei den Schatzsuchern beliebt. Die NN begleiteten vier Erlanger beim «Geocaching».

STREITBERG - Kurz vor 22 Uhr hält ein Auto auf dem leeren Parkplatz zwischen Streitberg und Muggendorf. Rechts liegt das abgeerntete, schemenhaft erkennbare Erdbeerfeld brach, auf dem Hügel dahinter thront die Ruine Neideck. Der Fahrer schaltet die Scheinwerfer aus, es herrscht Finsternis.

Mit Stirn- und Taschenlampen ausgerüstet steigen vier Erlanger aus dem Wagen: Michael (27), Florian (26), Susanne (25) und Anna (27) (Namen von der Red. geändert). Sie wollen «Geocachen», also sich zu einer Zeit, da andere ins Bett gehen, auf Schatzsuche begeben. Michael und Anna packen ihre GPS-fähigen Handys aus und tippen die Startkoordinaten ein.

Runen weisen den Weg

Am Parkplatz findet sich nur ein Schild mit einer Übersichtskarte des Wandergebietes. Die vier bücken sich, drehen Grasbüschel um, leuchten das Schild mit der Taschenlampe ab. Sie finden einen eingeschweißten Zettel an einer kleinen Schnur. Darauf ist zu lesen: «Am Fuße des Nebelberges / Ihr jetzt seid / Zu neuen Abenteuern / seid Ihr bereit» - dazu eine Rune und eine Wegbeschreibung, die zum nächsten Hinweis führen soll.

Die Gruppe läuft den breiten Wanderweg in Richtung Nordosten. Es wird nass von oben, Michael zieht seine Kapuze über den Kopf. Im Kegelschein der Taschenlampe wirken die Nebeltröpfchen wie Staubkörner, die im Luftstrom tanzen. Die jungen Leute folgen einem Multi-Cache, einer Schatzsuche mit mehreren Verstecken und Hinweisen, der seit 2006 gelegt ist.

Die Tour heißt «Mittelerde VI - Gollum’s Home». Die Geschichte der Schatzsuche lehnt sich an J.R.R. Tolkiens «Herr der Ringe» an, in dem der Hobbit Gollum den sagenhaften Ring in einer Höhle versteckt und diese nie mehr verlässt. Den Cache hat sich ein Mann, der sich «123Maine» nennt, mit seiner Frau ausgedacht: Laut der Online-Suchstatistik hat er in fünf Jahren bereits 3390 Caches in 13 Ländern weltweit gesucht.

Erstmals in der Höhle

Ganz so viele hat Michael noch nicht - bei ihm sind es 74. Vor einem Jahr hat er sich ein GPS-Handy gekauft, «um bei der Technik ganz vorn dabei zu sein». Auf der Suche nach Einsatzmöglichkeiten stieß er irgendwann aufs Geocachen - und begab sich auf Schatzsuche in Erlangen-Tennenlohe, in der Fränkischen Schweiz, in Bremen. Heute Nacht macht er seinen ersten Höhlen-Cache.

Der zweite Tipp weist auf einen steilen Weg in südlicher Richtung. Der Fußmarsch auf den Streitberg entpuppt sich als anstrengend, verregnet und matschig. Die Taschenlampen sind auf Schulterhöhe in den Wald gerichtet. Wegweiser mit «Muschelquelle», «Guckhüll». Sonst weit und breit nichts zu finden. Auf dem Berg geben die Bäume den Blick in einen klaren Sternenhimmel frei. «Hier ist nichts.», ruft Michael und schlägt den Abstieg vor.

Ein Blick auf den Kompass verrät: Die vier sind nach Norden, nicht nach Süden gelaufen. Sie biegen in einen schmalen Pfad ein. Plötzlich blinkt etwas im Wald. An einem Baumstamm steckt ein kleiner Reflektor und weist den Weg. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so über ein Metallplättchen freuen würde», verkündet Michael.

Mitternacht. Die Cacher sind den GPS-Koordinaten gefolgt und bei einem Felsvorsprung angekommen. Jeder Tritt könnte in die Tiefe führen. Michael hält sich an saftigen Ästen fest, umklammert einen Baum. Auf der Rinde krabbeln zwei verschreckte Kellerasseln davon. «Hey, schaut mal hier», ruft er den anderen zu. Ein kleines daumengroßes Gerät mit einem blauen Knopf ist an die Rückseite des Stamms geklebt.

Michael drückt drauf, etwa zehn Meter weiter läutet es. In einem Felsspalt wird er fündig: eine Tupperbox, die einen Zettel mit dem nächsten Hinweis und weiteren Runen enthält. Das Rätsel ist schnell gelöst, und mit einem weiteren Versteck halten sie eine Karte in der Hand: die Schönsteinhöhle, in deren Mitte Gollums Versteck sein soll.

Dunkler als der Wald

An der Einstiegsstelle müssen die Abenteurer etwa zwei Meter hinunterkraxeln. Nur Anna trägt einen Bergsteigerhelm, Michael improvisiert mit der Fahrrad-Ausführung. Wer bis hierher glaubte, es geht nicht dunkler als der Wald, der irrt. Im Bauch des Berges ist verloren, wessen Batterie versagt.

Die Karte weist den Weg durch ein Loch, das nur bäuchlings durchquert werden kann. Florian stellt seinen Rucksack ab, richtet die Stirnlampe aus und kriecht hindurch. Die anderen folgen ihm. Der Gang führt in einen Höhlenraum, in dem man gebückt stehen kann. Die Lampen spiegeln sich glitzernd im Wasser eines flachen Sees.

Die Cacher springen von Stein zu Stein zur anderen Seite und leuchten von dort die Höhle aus. Glatt gewaschene Wände und eindrucksvolle Tropfsteine präsentieren sich im Lichtkegel. Sofort tasten die vier Einbuchtungen in den Wänden ab, auf der Suche nach dem Schatz.

Kälte und stickige Luft

Anna ist am hartnäckigsten: Auf Knien rutscht sie über den Fels, krabbelt in die kleinsten Spalten und leuchtet jeden Winkel aus - erfolglos. Fast eine Stunde lang suchen sie zu viert die Höhle ab. Die Kälte und die stickige Luft zerren gehörig an den Nerven.

Gegen drei Uhr morgens brechen die Abenteurer ihre Schatzsuche ab. Susanne verteilt Käsebrötchen und Würstchen. Der Abstieg schmerzt in den Knien.

Auf der Rückfahrt schauen sie nochmals auf die Karte, diskutieren die Wegpunkte. Kurz vor Erlangen, gegen fünf Uhr morgens, glaubt Anna, die Lösung gefunden zu haben. Zu spät. Die Cacher müssen sich wohl noch einmal in einer anderen Nacht auf die Suche begeben.

Petra Sorge
25.8.2009
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