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NÜRNBERG - Seit Thomas M. Müller seine inzwischen weitgehend beigelegte Auseinandersetzung mit dem Sozialamt öffentlich gemacht hat, erfährt er nicht nur Unterstützung, er wird auch auf die übelste Art und Weise beschimpft und beleidigt.
«Das ist kein Einzelfall«, sagt der 44-Jährige gegenüber der Lokalredaktion, der sich seit langem mit Problemen von Hilfebedürftigen beschäftigt.
Verschiedene Krankheiten
Vor knapp zwei Wochen hatten die NN über Müller berichtet. Er kämpft mit unterschiedlichen Leiden. Dazu gehören die Schlafkrankheit, Depressionen, schweres Asthma, Schmerzattacken und posttraumatische Belastungsstörungen. Man sieht ihm diese Krankheiten auf den ersten Blick nicht unbedingt an, er ist aber zu hundert Prozent erwerbsgemindert, sein anerkannter Grad der Behinderung liegt bei 50 Prozent.
Weil die Miete des 44-Jährigen, die das Sozialamt trägt, die Obergrenze übersteigt, hatte ihn die Behörde zum Gesundheitsamt geschickt. Es sollte seine Umzugstauglichkeit prüfen. Von den Amtsärzten fühlte er sich aber so schlecht und unmenschlich behandelt, dass er die Zusammenarbeit mit ihnen einstellte. Von anderen Experten ließe er sich jederzeit begutachten, aber nicht mehr von den Medizinern im Gesundheitsamt. Wegen «fehlender Mitwirkung« kündigte das Sozialamt daraufhin an, die Hilfe zum Ende des Monats komplett einzustellen. Diese Drohung ist seit einigen Tagen aber vom Tisch. Sie wurde zurückgezogen.
Anonyme Pöbeleien
In Thomas M. Müllers Briefkasten landen seither aber anonyme Zettel. «Stinkfaule fette Sau! = T. Müller« steht zum Beispiel darauf, oder einfach «Du A...!«. Auch in der Lokalredaktion kamen namentlich gezeichnet Briefe ähnlichen Inhalts an. «Wenn man die provozierende Geschichte gegen das Sozialamt liest, geht 90 Prozent aller Bürger das Taschenmesser in der Hosentasche auf«, heißt es etwa in schlechtem Deutsch. Müller sei ein «notorischer Faulenzer«.
Der Autor fragt auch, woher der 44Jährige sein Übergewicht hat - es ist hormonell bedingt. Die prompte Antwort: «Vom guten Essen und wenig Bewegung! Er ist zu faul zum Umziehen.« Außerdem liege die Behinderung des Mannes bei «nur 50 Prozent, den Mann muss man umschulen«.
Ein anderer Schreiber drückt sich gewählter aus: «Nach meinem Gefühl haben die Nürnberger Ämter richtig gehandelt. Dieser Herr Müller scheint nach der Beschreibung ein Hypochonder nach Georg Lichtenbergs Definition zu sein, schlimmstenfalls aber ein übler Sozialschmarotzer, der jeden Paragrafen zu seinem Vorteil ausnutzt... Dass diesem Herrn Müller die Unterstützung entzogen wird, kann ich nur begrüßen.« Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht absehbar, dass das Sozialamt seine Haltung ändern würde.
Online aktiv
Für Thomas M. Müller sind solche Äußerungen noch nicht einmal die gemeinsten. Er beschäftigt sich seit einiger Zeit in einem Internet-Forum für Erwerbslose mit sozialen Fragen, tauscht dort mit anderen Erfahrungen aus und gibt Tipps. Er verwendet dabei einen sogenannten Nick, also einen erfunden Spitznamen, den er immer wieder ändert.
«In einer Mail wurde ich schon aufgefordert, doch endlich Selbstmord zu begehen«, erzählt Müller, «später kam noch ein Zusatz: Wenn du das nicht freiwillig tust, können wir auch ein wenig nachhelfen.« Er hat das Gefühl, solche Angriffe kommen, weil er sich selbst wehrt oder weil er anderen hilft. Inzwischen hat Thomas M. Müller Anzeige erstattet.
Michael Kasperowitsch |