Nachrichten und Informationen aus FrankenNuernberger Nachrichten aktuellNuernberger Zeitung aktuell «Es wird einfach zu viel Gewalt geduldet«
   
LOKALMELDUNGEN - NÜRNBERG  

«Es wird einfach zu viel Gewalt geduldet«

FDP–Fachforum zu den Ursachen des Amoklaufs - Killerspiele und Talkshow-Häme
 «Es wird einfach zu viel Gewalt geduldet«
Solln
Bitte Bild anklicken!
NÜRNBERG - «Tickende Zeitbomben? Gewalt von und an Kindern und Jugendlichen«: Drei Tage nach dem Amoklauf in Ansbach, eine Woche nach dem Mord an einem couragierten Geschäftsmann in München lud die FDP zu einem lange geplanten Fachforum ein, dem die erschütternden Ereignisse unerwartete Brisanz verschafften.

Einfache Antworten auf die Frage nach den Ursachen dieser Gewaltexzesse konnten die Fachleute allerdings nicht geben. Wer verstehen wolle, warum Kinder und Jugendliche derart ausrasten, der müsse sich die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, ganz genau anschauen, so die Experten. Und die Gewalt von Kindern sei ohne einen Blick auf die Gewalt an Kindern auch nicht zu erklären.

«Es wird einfach zu viel Gewalt in der Gesellschaft geduldet«, sagt zum Beispiel Ingo Hertzstell, Leiter der städtischen Schulpsychologie, und verweist auf eine aktuelle Studie, der zufolge Gewalt in den Medien eben doch die Aggressivität fördere. «Viele Amokläufer haben Killerspiele gespielt.« Doch Mediengewalt fängt für Hertzstell schon bei den vermeintlich so harmlosen nachmittäglichen Talkshows an, «in denen andere öffentlich fertiggemacht werden«.

Sendungen fördern Mobbing

Seiner Ansicht nach fördern derartige Sendungen das Mobbing, das laut Hertzstell enorm zugenommen hat. «Vor allem das Cybermobbing hat sich explosionsartig entwickelt.« Fast 60 Prozent der Schüler hatten nach einer Untersuchung der Universität Landau bereits als Täter oder Opfer mit dieser Form der üblen Nachrede zu tun. «Und das kann auch nicht mehr an der Schule geregelt werden.« Allerdings wünscht sich Hertzstell bei den Lehrern mehr Verständnis für die psychischen Narben, die das Mobbing hinterlässt. Bietet er Infos zum Thema an, kommen zwar die Eltern, doch das Interesse der Pädagogen sei eher mau.

Hertzstell fordert mehr Prävention in Kindergarten und Schule, und zwar regelmäßig. «Einmal reicht sicher nicht aus.« Außerdem solle sich die Schule nicht nur auf Fachinhalte konzentrieren, sondern zu Mitmenschlichkeit und sozialer Verantwortung erziehen – «die Pisa-Platzierung ist weniger wichtig«.

«Kultur des Hinsehens«

Immerhin, was die Erwachsenen anbetrifft, freut sich Frank Schmidt vom Jugendamt über eine neue «Kultur des Hinsehens«. Seit dem tragischen Tod des kleinen Kevin 2006 in Bremen haben sich die Hinweise auf vernachlässigte oder gefährdete Kinder verdoppelt, so Schmidt, der sich für seinen Arbeitsbereich ein besseres Image wünscht. «Die Jugendämter werden zu oft als Eingriffsbehörde wahr genommen.« Dabei stehe doch die Hilfe im Vordergrund – auch beim Frühwarnsystem, dessen Aufbau wieder einen Schritt weiter ist: Seit zwei Wochen sind zwei Kinderkrankenschwestern auf den Entbindungsstationen unterwegs und bieten ihre Unterstützung an.

Allerdings hofft die stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes, Dr. Katja Günther, dass sie demnächst, wie geplant, zwei weitere Schwestern und eine Ärztin einstellen kann. «Sonst fehlt uns das Personal für die Anschlussbesuche.« Die Angst, dass die Kommune aus der Not heraus den Rotstift an der falschen Stelle ansetzen könnte, treibt auch Hertzstell um. Dass der Kämmerer am Ausbau der Schulsozialpädagogik sparen will, findet er «erschreckend«. Wenn ein Sozialpädagoge oder Schulpsychologe im Haus sei, falle es den Kindern deutlich leichter, die Hilfe im Anspruch zu nehmen. «Beide haben auch gelernt, genau hinzusehen.« Und schon jetzt liegt die Wartezeit auf einen Termin beim Schulpsychologen laut Hertzstell bei acht bis zwölf Wochen.

Der Amokläufer von Ansbach war in Behandlung, doch warum ihn das nicht von seinen Plänen abbringen konnte, weiß Hertzstell nicht zu sagen. Wie schnell oder langsam eine Therapie wirke, hänge eben vom Einzelfall ab. «Wir haben leider nicht die Macht, das Verhalten unserer Patienten zu kontrollieren«, ergänzt die Kinderärztin und Psychotherapeutin Dr. Gudrun Jecht-Henning.

Silke Roennefahrt
21.9.2009
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NÜRNBERGER NACHRICHTEN