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Ein vergessenes Krankenhaus

 Ein vergessenes Krankenhaus
VON JAN STEPHAN
GUNZENHAUSEN – Hier unten, in den 4 000 Quadratmetern unterirdischer Gänge und Kammern, ist der Kalte Krieg noch am Leben. Allerdings riecht er schon ziemlich streng. Nach Schimmel, Moder und altem Papier. Der atombombensichere Bau unter der Berufsschule in Gunzenhausen war das erste sogenannte Hilfskrankenhaus der Bundesrepublik. Es dürfte das einzige sein, das heute noch in kompletter Ausstattung auf einen Notfall wartet, der nicht mehr eintreten wird. Ein einzigartiges Zeugnis der Zeitgeschichte.
Ein kompletter OP-Tisch steht im Raum. An den Wänden stapeln sich Kisten im Militäroliv der Bundeswehr. «OP-Instrumente, Kasten 22», steht auf einem. Kamran Salimi öffnet ihn: Spritzen, Sonden, Narkosetropfer, Knochensägen. Alles da, noch originalverpackt. «Das müsste man nur sterilisieren und dann ab in den OP», meint Salimi und klopft bewundernd auf den Operationstisch: «Der steht seit 40 Jahren hier unten im Feuchten und keine Spur von Rost.»
Salimi und Patrick Preller haben das Relikt des Kalten Krieges in Gunzenhausen aus dem Dornröschenschlaf geholt. Die beiden sind im Verein «Fürther Untergrund» aktiv, der sich unter anderem um den Erhalt eines Hilfskrankenhauses in Nürnbergs Nachbarstadt kümmert. Bei der Durchsicht alter Verzeichnisse stieß Salimi, der selbst Arzt am Klinikum in Fürth ist, auf den ABC-sicheren Bau in Gunzenhausen.
Als er im Sekretariat der Schule anrief, stiftete er vor allem eines, Verwirrung. «Ja», ein Krankenhaus gebe es in Gunzenhausen schon, aber sicher nicht unter der Schule, antwortete die Sekretärin. Bald war aber jemand an der Leitung, der sich im Gunzenhausener Untergrund auskannte, und Salimi hörte mit Staunen, dass sich in dem Bau noch die komplette medizinische Ausrüstung aus dem Jahr 1965 befindet, bis hin zu Schnullern und Babybekleidung. Die Fürther griffen zu und bestückten mit einer kleinen Auswahl des Inventars eine Ausstellung in ihrem Hilfskrankenhaus in Fürth.
Der Hausmeister und die Nässe
Dort stieß dann der Bayerische Rundfunk auf die Aktivitäten des Fürther Vereins und das Kuriosum Gunzenhausen. Für einen Beitrag im Magazin «Freizeit» öffnete der Landkreis erstmals seit Jahren wieder den Bunker. Seit 1996 ist das Hilfskrankenhaus offiziell nutzlos und das ursprünglich 3,6 Millionen DM teure Bauwerk ging in den Besitz des Landkreises über. Im Moment firmieren die 13 800 Kubikmeter unterirdischer Raum in den Ordnern der Landkreisverwaltung noch als «Schutzräume».
Immerhin, der Bauunterhalt macht Martin Rieger, zuständig für den Katastrophenschutz beim Landkreis, keine großen Sorgen: «Das sollte eine Atombombe aushalten, das hält schon noch ein bisschen», sagt er und klopft gegen die massiven Wände des Bunkers. Hausmeister Stephan Fackelmeier absolviert jeden Tag einen Rundgang durch die verwaiste Unterwelt seiner Schule. Eine Viertelstunde braucht er, bis er durch das Labyrinth ist. Er sieht in den OP-Sälen nach dem Rechten, dem Röntgenraum, der Intensivstation, der Teestube und in den Patientenzimmern mit Betten für 600 Menschen.
Einziger Begleiter auf seinen stillen Rundgängen ist die Nässe, die sich durch Dehnungsfugen in das Gebäude drückt und die Farbe blättern lässt. «Wie sich das anfühlt? Naja, man gewöhnt sich dran», meint er achselzuckend. Er hat sich sogar einen kleinen Schreibtisch für den Papierkram in ein Zimmer des Bunkers gestellt.
Dass heute noch die Inventarlisten «Stand April 1965» in den prall mit medizinischem Material gefüllten Kisten liegen, ist vor allem ein gigantischer Glücksfall. Die Benutzung des Bunkerkrankenhauses hätte eine Katastrophe bedeutet. Mit welcher man in der heißen Phase des Kalten Krieges vor allem gerechnet hat, lässt ein Blick ins Inventar schnell erkennen. «Strahlenschäden des Menschen durch Kernwaffen», liegt als Broschüre einigen Kisten bei.
Gigantische Lachnummer
Generatoren, ein eigenes Belüftungssystem mit Unterdruck und ein Brunnen hätten den Menschen nach einem Atomschlag hier einige Wochen Zeit verschafft. Dann hätten auch sie wieder nach oben gemusst. Angesichts des Ausmaßes einer solchen Katastrophe eine gigantische Lachnummer. Zeichen für die Hilflosigkeit im Umgang mit der unvorstellbaren Gefahr.
Dass heute noch die Inventarlisten mit «Stand April 1965» in den vollbepackten Kisten liegen, ist aber auch der Hartnäckigkeit Friedrich Eichingers geschuldet. Der früher für den Katastrophenschutz am Landratsamt zuständige Beamte verhinderte, dass das Material wie das der anderen 220 Hilfskrankenhäuser in Deutschland in den 90er-Jahren an die GUS-Staaten und Kuba gegeben wurde.
Eichinger hat den Kalten Krieg im Gunzenhausener Untergrund also am Leben erhalten. Mittlerweile ist das Bunkerkrankenhaus ein Ort der Zeitgeschichte. Allerdings einer, der im Moment noch nicht genutzt wird. Vor allem Versicherungsfragen stehen regelmäßigen Besichtigungen entgegen. Am Samstag, 28. November, aber gibt es zwei einmalige Sonderführungen. Eichinger und der frühere Hausmeister der Schule, Franz Mrasek, werden je 25 Personen durch den Krankenhausbunker führen. Danach versinkt der Bau zumindest vorübergehend wieder in die Stille.
Anmeldungen für die Führung sind nur per Mail an info@fraenkischeseen.de möglich. Wer sich das Hilfskrankenhaus lieber im Fernsehen ansieht, hat dazu am Donnerstag, 12. November, Gelegenheit. Um 21.15 Uhr beginnt das Magazin «Freizeit» im Bayerischen Fernsehen.
6.11.2009 16:03 MEZ
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