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LOKALMELDUNGEN - NÜRNBERG  
Die Macht der Täter reicht bis in die Gegenwart

Über das Projekt «Entlastung durch Verstehen»

 Über das Projekt «Entlastung durch Verstehen»
Foto: Gerullis
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Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Eine Forderung, die der Frauennotruf unterstützt. Die Hilfseinrichtung initiierte dafür unter anderem das Projekt «Entlastung durch Verstehen», das sich vor allem an Seniorinnen richtet, denen der erste Schritt zur Aufarbeitung von Gewalterfahrungen sehr schwer fällt.

Zehn Jahre ist es her, dass Gertraud Müller Frauen im Kosovo traf, von denen nicht wenige Vergewaltigungen erlebt hatten. Müller, heute Dekanin des Fachbereiches Sozialwesen an der Evangelischen Stiftungsfachhochschule in Nürnberg, fragte sich, warum man in Deutschland nie etwas über die Frauen hörte, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls den Siegern ausgeliefert waren.

Vergewaltigungen deutscher Frauen galten besonders in den 50er Jahren als Tabuthema: Es war politisch unangemessen, zu äußern, dass Täter auch Opfer werden können. In der Bundesrepublik der Nachkriegsjahrzehnte galt die Parole «Nach vorn blicken!», das Wirtschaftswunder tat sein Übriges. Auch Gewalt in der Ehe wurde geheim gehalten. Hartnäckig hielt sich lang die Ansicht, die Frauen seien selbst schuld an sexuellen Übergriffen. In der DDR verbot sich die Aufarbeitung, weil die russischen Besatzer auf Staatsgeheiß hin als «Freunde» zu betrachten waren.

Tat wird immer wieder neu durchlitten

Müller begann zu recherchieren und stellte fest, dass nur fünf deutsche Frauen in den 90er Jahren Kriegsopferentschädigungen erhielten. Und das auch nur, weil die erlittenen Vergewaltigungen massive körperliche Schäden nach sich gezogen hatten.

Viele Frauen waren der Meinung: «Wir haben es ja überlebt. Es hat uns ja nicht geschadet», was der Autor Hartmut Radebold als «pathologische Normalität» beschreibt. Dabei hatten die Erlebnisse unterschwellig gewaltige Auswirkungen auf die Biografien der Opfer. Ein Drittel von ihnen leidet nicht, ein Drittel wenig, ein Drittel schwer – unter Stresserkrankungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen wie Bindungsstörungen, Angstattacken, Aggressionen, Suchtverhalten oder Selbstverletzungen. Das Nürnberger Projekt «Entlastung durch Verstehen» griff die Ergebnisse Müllers vor zwei Jahren auf. Einen weiteren Anstoß gab der Film «Anonyma» aus dem Oktober 2008, der die Vergewaltigungen deutscher Frauen nach dem Krieg ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Die Psychologinnen Hedwig Faußner und Esther Burkert leiten das Projekt. Sie konnten nur hoffen, dass sich die Frauen ab 60 mit ihren Gewalterfahrungen überhaupt auseinandersetzen wollen. Sie standen Fragen gegenüber wie: Warum alte Wunden aufreißen? Oder: Warum soll man Pflegende auch noch damit belasten? Antworten darauf geben Faußner und Burkert in Einzel- und Gruppentherapien, durch Öffentlichkeitsarbeit oder in Fortbildungen für Pflegekräfte – auch direkt in den Betreuungseinrichtungen.

Etwa ein Dutzend Frauen habe von sich aus das Therapieangebot angefragt, so Faußner. In Einzel- und Gruppengesprächen versuchen sie, ihr Trauma zu verarbeiten. «Vor allem erkennen sie, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind.» Es zeige sich oft: Die schrecklichen Erlebnisse lassen sich nicht einfach wegwischen. «Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen normalem und posttraumatischem Erinnern», erklärt Müller. Normale Erinnerungen sind willentlich abrufbar und der Vergangenheit zugeordnet. Posttraumatische Erinnerungen hingegen tauchen plötzlich und unwillkürlich auf – ausgelöst durch Reize wie Gerüche oder Sprache. Außerdem durchlebt sie der Traumatisierte immer wieder neu.

Verdrängung hat es den Frauen der Nachkriegsgeneration ermöglicht, mit dem Erlittenen zu leben. Dabei müssen sie nicht einmal selbst Opfer der Gewalt geworden sein, eine Traumatisierung erfolgt auch dadurch, dass ein Kind Zeuge einer Gewalttat wird oder später erfährt, dass es bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde. Die Frauen werden im Alter von der Vergangenheit eingeholt. Durch Verluste, zunehmende Hilflosigkeit, nachlassende geistige Kraft oder Demenzerkrankungen wird die dauerhafte Verdrängung immer schwieriger.

Nach der Erfahrung von zwei Jahren will der Frauennotruf das kostenlose Therapieangebot und die Schulung von jungen Pflegekräften vorantreiben. Sie sollen erfahren, wie die Generation der heute über 60-Jährigen in ihrer Jugend lebte, welche Rollenbilder es gab. Denn viele wissen nicht, dass es Frauen erst seit 1977 möglich ist, ohne Erlaubnis ihres Mannes eine Arbeit anzunehmen oder dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar ist.

Kontakt: 28 44 00. Eine Fortbildung zum Thema findet am 5. Februar, 13 bis 17.30 Uhr, beim Frauennotruf Nürnberg, Ludwigsplatz 7, statt. Um Anmeldung wird gebeten.

Claudia Urbasek
25.11.2009
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