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Plädoyer für die Familie

 Plädoyer für die Familie
WEISSENBURG (rr) – Ein Plädoyer für die Familie als Lebensform hat die Bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei der Weißenburger Kolpingsfamilie gehalten. Die CSU-Politikerin zeichnete dabei allerdings kein Heile-Welt-Bild, sondern sprach auch Problemfelder an.

Bei vielen Mitgliedern der Weißenburger Kolpingsfamilie im gut gefüllten Hospiz-Saal stießen ihre Gedanken auf breite Zustimmung. Der kirchliche Verein feiert im kommenden Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Bereits seit Oktober, als er einen Familiengottesdienst feierte, befasst er sich mit der Thematik Familie, erläuterte Vorsitzender Siegfried Vogl. Seine Fortsetzung fand das Programm nun mit dem Besuch der Landtagspräsidentin, die nach eigenem Bekunden selbst seit Jahrzehnten Kolpingmitglied ist.

Die Kolpingsfamilie Weißenburg hat ihr Jubiläum komplett unter das Motto «Familie» gestellt. Und auch im allgemeinen Leitbild des Kolpingwerkes findet sich immer wieder der Bezug auf die Familie, berichtete Vogl, der Barbara Stamm «als überaus kompetente Referentin» zum Thema Familie vorstellte. Sie sei schließlich gelernte Erzieherin, Ehefrau, Mutter dreier Kinder sowie ehemalige Bayerische Familienministerin. Und sie sei mittlerweile fünffache Großmutter, fügte Stamm gleich zu Beginn ihrer rund einstündigen Rede an.

In der sparte sie nicht mit Lob für Kolping. Familie und Familienarbeit seien «Kernstücke» des Verbandes. Und die Kolpingsfamilien sowie ihre Einrichtungen seien «beste Beispiele für Familienhilfe». Und die brauche
es immer häufiger. «Das Aufwachsen in glücklichen, geordneten Familienverhältnissen, das Erleben harmonischen Familienlebens auf der Grundlage überzeugten Christentums – das waren Urerfahrungen, die Adolph Kolping für sein ganzes späteres Wirken entscheidend geprägt haben», verdeutlichte sie Grundsätze des Verbandes, die auch heute noch gelten. Zugleich erinnerte sie mit diesen Worten an Pfarrer Adolph Kolping, der 1813 in Kerpen bei Köln zur Welt kam und 1865 in Köln verstarb. Der katholische Priester wird vielfach auch als «Gesellenvater» und «Apostel der Familie» bezeichnet. An letzteren Beinamen erinnerte auch Barbara Stamm, als sie skizzierte, welch «unersetzliche Bedeutung» Kolping der Familie beimaß.

Nach Meinung der Landtagspräsidentin ist auch heute noch und «allen Unkenrufen zum Trotz die
Ehe mit Kindern kein Auslaufmodell». Rund 80 Prozent der 17 Millionen Kinder in Deutschland lebten «in sogenannten Normalfamilien». Aber alternative Lebensformen seien «vehement auf dem Vormarsch». Stamm: «Nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Alleinerziehende sind fester Bestandteil des Strukturwandels bei Familien und sie sind Lebenswirklichkeit in unserem Land, unabhängig davon, was wir als Idealfall einstufen.» Dabei ist der CSU-Politikerin eines besonders wichtig: «Ein ,Ja‘ zur Familie und Ehe bedeutet keine Geringschätzung anderer Lebenssituationen.»

«Kinder sind kein Ehe-Kitt»

Denn: Ein Kind zu bekommen, sei «kein Garantieschein für immerwährendes Glück» einer Familie und «erst recht kein Kitt für eine Ehe, die bereits seit geraumer Zeit die gemeinsame Grundlage verloren» habe. Alleinerziehende und Ein-Eltern-Familien verdienten daher größte Anerkennung.

Nicht übersehen werden dürfe, dass es in Deutschland immer weniger Kinder gebe. Nur noch in jedem vierten Haushalt in Bayern sei noch Nachwuchs im Alter unter 18 Jahren zu Hause. Gleichzeitig wachse die Zahl der Senioren stetig. Ältere Menschen seien freilich auch eine Bereicherung für die Gesellschaft und gestiegene Lebenserwartung sei eine erfreuliche Tatsache. Stamm: «Unser Thema ist aber trotzdem, dass wir zu wenig junge Menschen in unserer Gesellschaft haben.»

Daher müssten Familie und Erwerbstätigkeit besser vereinbar sein. Vor allem aber fordert Stamm mehr Investitionen in Bildung. «Bildung ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts», lautete ihr Credo, und sie fuhr dabei auch Politikerkollegen aus den eigenen Reihen in die Parade, die gerne darauf verweisen, dass die Bildungspolitik in Bayern besser als im übrigen Deutschland sei: Die CSU-Politikerin: «Ich glaube nicht, dass wir so gut sind, dass wir sagen können, wir müssen nichts mehr tun.»

Explizit sprach sie sich in diesem Zusammenhang für «eine kontinuierlich gute Ganztagsbetreuung» und gegen ein Bildungsgutscheinsystem nach dem Motto «Gebt Eltern kein Geld in die Hand, die können nicht damit umgehen» aus. Natürlich gebe es Eltern, die ihrer Verantwortung nicht nachkämen, aber allen das Zeugnis auszustellen, sie würden ihren Pflichten nicht nachkommen, könne nicht angehen.

Bei allem Lob für die Lebensform Familie, räumte Stamm ein, dass es Familien gibt, «die kein sicherer Ort für Kinder» sind. Doch gerade in Situationen, «in denen Kinder und Eltern nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen», sei die Verantwortung der Gesellschaft gefragt.

Dies ist ein Punkt, den sie in ihren Rahmenbedingungen für das Zusammenleben mit Kindern nannte. Weitere sind finanzielle Unterstützung, Netzwerke für Familien, Hilfe für Alleinerziehende und die Familienfreundlichkeit als Maßstab bei allen Entscheidungen. Stamm: «Bei der Gestaltung von Bebauungsplänen, von Spiel- und Freiflächen, von Wohnumfeld und Verkehrswegen müssen die Verantwortlichen die familienpolitische Brille aufsetzen.»

Bei aller Verbesserungswürdigkeit bleibt die Familie für die Landtagspräsidentin die beste Lebensform. Barbara Stamm: «Entscheidend ist dabei, dass die Familie nicht zum bloßen Schlafplatz, zur Unterkunft mit Halb- oder Vollpension verkommt, sondern der Ort ist und bleibt, wo Kinder und Jugendliche Vertrauen, Zuneigung, Anerkennung und Zugehörigkeit erleben.»
1.12.2009 7:58 MEZ
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