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Bräuche haben es im Kommerz zuweilen schwer

Es lebe der Zauber der Weihnachtszeit!

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NÜRNBERG - Am Heiligen Abend wird es wieder ganz schön laut werden im Berchtesgadener Land. Denn auch in diesem Jahr werden die Schützen ihre großkalibrigen Handböller in die Luft recken und die Ankunft des Christkindes auf ohrenbetäubende Weise heraufbeschwören. Danach wird wieder für ein Jahr Schluss sein – immerhin nach einer Woche des täglichen Böllerns. Denn das so genannte Christkindlschießen und Weihnachtsschießen gehört schon seit Jahrhunderten zu der Region in Oberbayern und soll bereits im 17. Jahrhundert jede ordentliche Vorweihnachtszeit ausgezeichnet haben.

Während sich so mancher in Berchtesgaden andächtig die Ohren zuhält, feiern die Menschen in Ringelai im Bayerischen Wald in diesen Tagen ihre «Christkindlwallfahrt», zeigen die Bamberger stolz ihre Jahrhunderte alte Tradition des Ausstellen von Krippen und locken die Menschen aus Neunkirchen am Sand (Kreis Nürnberger Land) in diesem Jahr mit beinahe hundert Krippen in ihr Dorf.

Denn so mancher gute und typische bayerische Brauch hat die Zeit überdauert und durfte im Kommerz überleben. Und so ist es bis heute in vor allem katholischen Gebieten gute alte Sitte, am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, einen Zweig abzuschneiden und ihn in eine Vase zu stellen. In der Hoffnung, er möge bis Heiligabend blühen. «Dieser Brauch symbolisiert den Glauben, dass aus einem scheinbar toten Zweig Leben entspringen kann», erklärt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege in München den Brauch, den zum Beispiel die Menschen in der Fränkischen Schweiz bereits seit dem 19. Jahrhundert pflegen. Und um manchen Christbaum findet sich am 24. Dezember noch immer das so genannte Paradiesgärtlein, welches die Parallelität von Altem und Neuen Testament demonstrieren soll, wie Ritter erklärt.

Verloren gegangen sind hingegen andere Bräuche. Etwa der so genannte Klopfersbrauch, bei dem die Kinder einst von Haus zu Haus zogen, um für Gaben zu bitten. Wer sich hier an Halloween erinnert fühlt, der irrt sich bei dem so genannten Heischebrauch. «Dieser Brauch hatte einst eine soziale Ausgleichsfunktion in der dörflichen Gemeinschaft», sagt Ritter. Da sich alle Kinder zu Weihnachten Geschenke wünschten, dies aber gerade bei armen Kindern ein Problem darstellte, ermöglichte dieser Brauch, dass auch die «Klopferskinder» zu einer schönen Gabe zur Weihnacht kamen.

Bis ins 20. Jahrhundert hielt sich dieser Brauch in manchen Dörfern. «Doch die Lebenssituationen haben sich komplett verändert, und mit Halloween hat dieser Brauch auch nichts zu tun, der sich mit den Sternsingern fortsetzt und der bis heute den Armen zugute kommt.»

Dass die tatsächliche (christliche) Bedeutung bei so mancher alter Sitte in den Hintergrund getreten ist, bedauert Ritter zutiefst. «Sicher verändern sich Bräuche und sollen auch nicht statisch sein. Doch wenn die Bedeutung von Bräuchen und Traditionen in Vergessenheit gerät, dann verliert der Mensch auch etwas», sagt Ritter.

Heute weiß jedes Kind, was ein Adventskranz ist. Doch warum es ihn gibt und dass er einst 24 Kerzen hatte, ist im Laufe der Zeit und im Zuge des nicht stillstehenden Kommerz verloren gegangen. Auch wissen viele von uns nicht, dass der Adventskranz keine Jahrhunderte alte Tradition besitzt und er in manchem bayerischen Dorf erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den Stuben auftauchte. Dennoch gehört heute zu jedem Advent auch ein Kranz. So, wie es eben Brauch ist.

Denn Bräuche sind mehr als nur schmückendes Beiwerk, sie sind auch ein wichtiger Bestandteil in unserem Leben. «Sie geben den Menschen eine Bindung, regionale Orientierung und dem Jahr einen Rhythmus und sie bilden Höhepunkte im Leben», sagt Michael Ritter. Insofern hätten sie eine wichtige soziale und gesellschaftliche Funktion.

Manche kennen die Bedeutung gar nicht

Auch wenn so manches nostalgisch verklärt wird. Längst ist einiges zur Masseninszenierung verkommen. Das so genannte Klausentreiben, bei dem Anfang Dezember Männer in schaurigen Kostümen und mit Ruten bewaffnet lautstark durch die Ortschaften ziehen und dabei den Zuschauern einen gehörigen Schrecken einjagen, war einst ein so genannter Rügebrauch, der wegen seiner öffentlich dargestellten Kritik eines einzelnen stets umstritten war. «Heute ist das eben eher eine Touristenattraktion, bei der kaum jemand mehr weiß, worum es eigentlich geht», so Ritter.

Hinzu kommen die Einflüsse von außen. Längst droht der Weihnachtsmann das Christkind zu verdrängen und so mancher setzt Santa Claus mit dem Nikolaus gleich. «Die Globalisierung hat eben auch vor dem Brauchtum nicht halt gemacht», sagt Ritter. Und so glaubt manches Kind eben nicht ans Christkind, sondern an den Weihnachtsmann. Wenn überhaupt.

Denn das Schlimmste ist wohl, dass wir das Staunen verlernt haben. Das heimische Bäumchen im Wohnzimmer kann nun mal kaum mit den bombastisch licht-beladenen Bäumen in den Fußgängerzonen mithalten. Und ein Nikolaus, der nach der Bescherung sein Gewand ablegt und sein wahres Gesicht zeigt, damit die Kinder keine Angst davontragen, der bleibt in der Erinnerung stets der verkleidete Nachbar oder Hausmeister – und eben keine Person voller Zauber.

Michael Ritter hingegen versucht sich «den ganzen Konsum vom Leib zu halten», wie er es ausdrückt. Auch wenn er freilich in die Stadt geht, um Geschenke zu kaufen. «Doch für mich ist der Heilige Abend der Höhepunkt der ganzen Zeit.» Und dessen Zauber erliege er bis heute.

Vielleicht hilft im allgemeinen Trubel auch, einmal Luft zu holen, zwischen dem einen und dem anderen Geschäft einmal innezuhalten, sich zu überlegen, warum man eigentlich mit hängender Zunge durch die Fußgängerzone spurtet – und stattdessen zu riechen und zu schauen. Die Lichter und der Duft von Glühwein sind ein gutes Mittel, um für einen Moment in wahre Vorfreude auf den Heiligen Abend abzutauchen. Dann, wenn es Zeit für gutes Essen ist, für ein paar Lieder, zum Geschenke- und Baum-Bestaunen und zum Vorlesen der Weihnachtsgeschichte. Auch das ist ein guter alter Brauch, der es verdient hat, überleben zu dürfen.

Irini Paul
12.12.2009
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