Nachrichten und Informationen aus FrankenNuernberger Nachrichten aktuellNuernberger Zeitung aktuell Kleiner großer Lehrer
   
 

Kleiner großer Lehrer

2010 ist ein «Melanchthon-Jahr»
 Kleiner großer Lehrer
Foto: AKG, epd
Bitte Bild anklicken!
Foto: AKG, epd
Bitte Bild anklicken!
Foto: AKG, epd
Bitte Bild anklicken!
Der Mann war klein, sehr klein. Gerade mal 1,50 Meter maß dieser Philipp Melanchthon. Der «kleine Grieche», so wurde er daher auch genannt. Klein, das war klar. Grieche, das kam von seinem ins Griechische übersetzten Namen: Denn Melanchthon wurde am 16.Februar 1497 als Philipp Schwarzerdt geboren, in Bretten in der Kurpfalz, als erstes von fünf Kindern. Der Vater war Geschützgießer und wurde später kurfürstlicher Rüstmeister, die Mutter stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie.

Als der Junge elf Jahre war, starben sein Vater und Großvater, der sich um die Ausbildung des Jungen gekümmert hatte. Der Knabe wurde rasch zum Mann: Schon mit zwölf studierte er mit herausragenden Ergebnissen an der Universität in Heidelberg. Mit 15 wollte er dort sein Examen ablegen, doch die Prüfer lehnten ihn ab - so ein Wicht sei als Lehrer nicht tragbar. Worauf Melanchthon nach Tübingen wechselte, wo er ein Jahr später sein Examen glänzend bestand.

Der Kirchenhistoriker Bernd Moeller schreibt: «Selbst in diesem Zeitalter, in dem die Jugend etwas galt und das an vielen Orten jugendlichen Aufbruch sah, fiel die stupende geistige Regsamkeit und Leistungsfähigkeit des blutjungen Tübinger Magisters auf.»

1517 fiel der Blick dieses jungen Gelehrten erstmals auf Martin Luther: Dessen Thesen-Anschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg sorgte für Aufsehen. Im April 1518 fand an Melanchthons Heidelberger Hochschule eine Disputation über Luthers Forderungen an die - ebenfalls zu reformierende - Universität statt. Melanchthon war schwer beeindruckt von den Ideen des einstigen Mönches - und machte sich auf den Weg nach Wittenberg, zu Luthers Wirkungsstätte. Dort sollte er der Mann werden, der des Reformators eher vage Bildungs-Vorstellungen präzisierte, konkretisierte und in eine handfeste Erneuerung des Schulwesens umsetzte. Melanchthon erhielt in Wittenberg einen Lehrstuhl für Griechische Sprache. Am 28. August 1518 hielt er in der Schlosskirche seine Antrittsvorlesung - und begeisterte seine Zuhörer, darunter auch Luther. Der schwärmte von dem «kleinen Griechen», der «mich auch in der Theologie übertrifft». Kirchengeschichtler Bernd Moeller fasst Melanchthons Rede so zusammen: «Der junge Professor entwarf ganz im Geist des Erasmus ein großzügiges Programm zur Erneuerung des Lebens durch Erneuerung der Studien.» Luther war stark bewegt von dieser Rede und dem Mann, der «wie ein David gegen den Goliath der Scholastik» auftrat - gegen ein verzopftes, zu kirchennahes und weltfremdes Schulwesen.

In Wittenberg wurde Melanchthon zum Theologen und betrieb sprachwissenschaftliche Studien. Kirchenhistoriker Moeller: «Die Schriften der nächsten Jahre zeigen, wie er Zug um Zug die reformatorischen Erkenntnisse Luthers ergriff.» Zugleich beeinflusste Melanchthon wiederum auch Luther. Denn er konnte, wie Luther ihm später nachrühmte, «den Sachen nachdenken und sie fein kurz fassen». Es war kein spannungsfreies Verhältnis: Hier der lebensfrohe, eher polternde, 14 Jahre ältere Luther, dort der stets eher ernste, nachdenkliche Kopf-Mensch Melanchthon, der unter der teils groben, aggressiven Art des Reformators oft litt. Dennoch wurde Melanchthon nach Luthers Tod 1546 der führende Kopf des Protestantismus.

Kein Wunder: Der «kleine Grieche» half Luther maßgeblich bei dessen Bibel-Übersetzung, er vertrat ihn auch während seiner Haftzeit auf der Wartburg bei zentralen Treffen. 1529 war Melanchthon der Wortführer der Reformation auf dem Reichstag zu Speyer, weil Luther als Geächteter nicht teilnehmen durfte.

1530 verfasste Melanchthon beim Reichstag in Augsburg die «Confessio Augustana», die heute noch gültige Bekenntnisschrift der Lutheraner. Martin Luther selbst lobte Melanchthon denn auch über die Maßen: «Es gibt auf Erden keinen, den die Sonne bescheint, der solche Gaben hätte!»

Kaum zu unterschätzen ist seine Bedeutung für die Erneuerung von Schulen und Universitäten. «Lehrer der Deutschen» wurde er genannt - weil er ein grundlegend neues Bildungssystem durchsetzte. Fragen stellen, Antworten geben - Wissen nicht nur pauken, sondern sich durch logisches Denken erarbeiten: Darauf kam es ihm an. Und er schrieb zum Beispiel diese Sätze, die sich auch im Jahr 2010 hochaktuell lesen: «Die Jugend in den Schulen vernachlässigen, heißt nichts anderes, als den Frühling aus dem Jahr hinwegnehmen. Wahrhaftig, die nehmen den Frühling aus dem Jahre hinweg, welche die Schulen verfallen lassen. Und schreckliche Finsternisse werden in der ganzen bürgerlichen Gesellschaft die Folge sein, wenn man das Studium der Wissenschaften vernachlässigt.»

Die allgemeine Schulpflicht zum Beispiel ist ein bleibendes Ergebnis der Melanchthonschen Bildungsreformen, und auch das Humanistische Gymnasium als Fundament für ein wissenschaftliches Studium. Melanchthon gründete etliche Schulen dieses Typs - am bedeutendsten ist das später nach ihm benannte Gymnasium in Nürnberg. 1518 kam er erstmals in die Freie Reichsstadt, besuchte den Patrizier Willibald Pirckheimer. 1524 appellierte Luther «an die Radherren aller stedte deutsches landes das sie Christliche schulen auffrichten und hallten sollen» - und stieß damit bei den Nürnberger Ratsherren auf offene Ohren.

Am 18. Oktober 1524, vor dem Übertritt der Stadt zu Luthers Reformation, beschloss der Rat, Melanchthon für den Aufbau eines modernen Schulwesens zu gewinnen. Er lehnte erst ab, blieb in Wittenberg. Ein Jahr später kam die Zusage, und Melanchthon organisierte mit seinem Freund Joachim Camerarius - dem Gründungsrektor der Schule - deren Unterricht. Griechisch, Latein, Rhetorik und Dialektik, Mathematik, Religion, Musik und eine Art «kreatives Schreiben», das waren die Kernfächer.

Zur Eröffnung des Gymnasiums kam Melanchthon 1526 erneut in die Stadt. Am 23.Mai wurde die «Obere Schule bei St. Egidien» eröffnet. Melanchthon hielt eine programmatische Rede. Einige Kernsätze: «Für die Städte sind nicht die Bollwerke oder Mauern zuverlässige Schutzwälle, sondern die Bürger, die sich durch Bildung, Klugheit und andere gute Eigenschaften auszeichnen. Die Spartaner sagen, die Mauern müssen aus Eisen, nicht aus Stein sein. Ich aber bin der Meinung, dass eine Stadt nicht so sehr durch Waffen als durch Klugheit, Besonnenheit und Frömmigkeit verteidigt werden sollte.»

Der frühere Pastor Klaus von Mering skizzierte Melanchthon kürzlich treffend so: «Er weiß: Nur wer lernt, kann unterscheiden zwischen wirklich Wichtigem und dem, was nicht so wesentlich ist. Und so werden wir offen für beides: für den Glauben und für die Toleranz. Glaube schafft Vertrauen. Und Vertrauen erträgt gelassen verschiedene Meinungen.»

Am 19.April 1560 starb Melanchthon im Alter von 63 Jahren in Wittenberg nach kurzer schwerer Krankheit - ohne jede Angst vor dem Tod. In der Schlosskirche wurde er neben Luther begraben. In Wittenberg liegt ein Schwerpunkt der Feiern zu seinem 450. Todestag. Doch auch in Nürnberg gibt es ein umfangreiches Programm zum Melanchthon-Jahr, dessen Höhepunkt im April ansteht.

Infos zum Melanchthonjahr auch aus Nürnberg: www.melanchthon.com

Alexander Jungkunz
2.1.2010
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NORDBAYERN.DE