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NÜRNBERG - Worte wie Pflichtdienst, gestohlene Lebenszeit oder gar Zwang würde Dominik Rieker nie in den Mund nehmen. Seinen Zivildienst im Martha-Maria-Krankenhaus sieht er durchweg positiv. Seit ein paar Monaten leistet er dort Hilfe im OP. Wertvolle Erfahrungen seien das für das später anvisierte Medizinstudium, sagt er. Und entsprechend fällt auch sein Urteil zu einer von neun auf sechs Monate reduzierten Zivildienstzeit aus: «Das bringt doch nichts. Wenn man noch die Zeit für Lehrgänge und Urlaub abzieht, macht das keinen Sinn mehr. Weder für den Staat noch für junge Menschen.»
Im Gespräch mit dem Bundesbeauftragten für Zivildienst, Jens Kreuter, dem evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich und Leitern sozialer Einrichtungen in der Nürnberger Geschäftsstelle der Diakonie weisen Rieker und acht weitere Zivildienstleistende noch auf ein anderes Problem im Zuge einer Dienstverkürzung hin: Wer etwa nach dem Abitur ein Studium anstrebt, muss nach Wehr- oder Zivildienst jetzt schon weit über ein halbes Jahr überbrücken.
Künftig wären es elf Monate bis zum Studienbeginn zum Wintersemester, etwas anderes ist praktisch auch kaum mehr möglich. «Da wird man völlig aus seiner Lebensplanung herausgerissen», urteilt einer von ihnen, und auch Kreuter kennt das Problem: Praktika-Plätze oder Jobs zur Überbrückung der Leerlaufzeit seien in vielen Regionen kaum mehr zu bekommen. «Und nicht jeder Zivi kann bis zum Studium den Eltern auf der Tasche liegen.» Die Regierungsparteien FDP und Union sehen das für sich genommen wohl auch nicht anders. Aber in den Koalitionsverhandlungen ging es auch in dieser Frage im vergangenen Herbst schlicht um die Suche nach einem Kompromiss in einem Grundsatzstreit.
Eine Frage der Gerechtigkeit
Am Schluss stand folgende Rechnung: «Wehrdienst erhalten» (CDU/CSU) minus «Wehrdienst aussetzen» (Liberale) gleich bisheriger Wehrdienst abzüglich drei Monate. Und wenn ab 1. Januar 2011 die Rekruten nur noch für ein halbes Jahr eingezogen werden, wird aus Gerechtigkeitsgründen wohl auch der Zivildienst entsprechend angeglichen - auch wenn sich im Alltag niemand damit anfreunden kann, weder viele der deutschlandweit rund 90 000 Zivis im Jahr noch die Leiter der Einrichtungen, in denen sie arbeiten.
Zwar will in Nürnberg niemand von einer Katastrophe reden, sollte die Neuregelung tatsächlich so kommen. «Wir würden auch ganz ohne Zivildienstleistende nicht zusammenbrechen», so die Leiterin eines Altenheims. Aber für gewisse Bereiche vor allem in der Pflege würde sich eine Einarbeitungszeit von mehreren Wochen dann tatsächlich nicht mehr lohnen und auch die wertvolle Brücke ins Ehrenamt verloren gehen.
So sieht es auch Siegfried Kitzmann, Personalchef der Martha-Maria-Krankenhäuser und -Seniorenzentren. «Das Interesse, soziale Leistung zu erbringen, ist ja da», sagt er. Zwar würde das Diakoniewerk auch weiter Zivildienstleistende nehmen wollen, «aber viele Krankenhausleiter vor Ort sagen, dass sie das eigentlich nicht mehr mitmachen wollen.»
Um zu verhindern, dass die Zivis künftig überwiegend für Fahrdienste oder Hausmeistertätigkeiten eingesetzt werden, müsste deshalb dringend mehr Flexibilität her: Beispielsweise die Möglichkeit einer freiwilligen, mehrmonatigen Dienstverlängerung, wie es sie bei der Bundeswehr gibt, oder eine Kombination aus Zivildienst und Modellen wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr. Bischof Friedrich sieht «einen klaren Handlungsbedarf für die Politik». Ob und wie nachgebessert wird, bleibt abzuwarten.
Arno Stoffels |