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Wenn der Job die Seele frisst

Immer mehr Arbeitnehmer werden psychisch krank
 Wenn der Job die Seele frisst
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Seit über einem Jahr steht Manuela K. nur noch unter Druck. Abends kehrt sie wie erschlagen nach Hause zurück. Sie schläft schlecht. Morgens kommt sie kaum aus dem Bett, die Sorgen schlagen ihr schon vor dem Frühstück auf den Magen.

Die Folgen der Wirtschaftskrise kennt die 41-jährige Bankangestellte nicht nur aus der Zeitung und dem Fernsehen: Der Stress im Job ist fast unerträglich geworden. Ihre Chefs sind ungeduldig, die Kollegen nervös. Und ständig gibt es Besprechungen über neue Strategien, Kunden zu gewinnen. Krankgemeldet hat sich Manuela K. noch nicht - und ihren richtigen Namen möchte sie auch lieber nicht in der Zeitung lesen.

Deutsche Arbeitnehmer sind in den Jahren 2008 und 2009 so selten zu Hause geblieben wie noch nie seit die Krankenstand-Statistik im Jahr 1970 eingeführt wurde. Steigert die Wirtschaftskrise die Arbeitsmoral oder schleppen sich Menschen aus Furcht vor Jobverlust ins Büro? Für die steigende Belastung in ihrem Büro hat Manuela K. jedenfalls kein Ventil. Weil sie abends über den Job grübelt, hat sie keine Lust mehr, auszugehen und ihre Freunde zu treffen. Oft begnügt sie sich mit dem Fernseh-Programm.

Dass Leistungsdruck und die Angst um den Arbeitsplatz die Seele belasten können, bestätigen Studien von Krankenkassen und Gewerkschaften seit langem. Psychiater und Psychologen hören es jeden Tag in ihren Sprechstunden. Arbeitsmediziner warnen längst davor, dass die Beschleunigung und der Wettbewerbsdruck immer mehr Arbeit mit sich bringen. Doch auch der Finanzdruck auf die Unternehmen steigt: Trotz wachsender Belastung wird in vielen Branchen stetig Personal abgebaut. Die Globalisierung hat uns die weltweite Konkurrenz aufgedrängt, ob es uns passt oder nicht. Und sie hat die Arbeitsbedingungen verschärft.

Unser Alltag spielt in einer lauten, blinkenden Welt: Bilder, Nachrichten, ständige E-Mails, neben dem Festnetz liegt das Handy - doch statt uns zu helfen, nötigt uns die Elektronik dazu, noch flexibler zu sein, noch schneller und immer erreichbar. Statt in der Mittagspause zu entspannen, wird hastig im Büro ein Brötchen verzehrt. In den letzten Jahren haben Studien, etwa der Techniker Krankenkasse und der Deutschen Angestellten Krankenkasse gezeigt, dass sich jeder zweite Beschäftigte in Deutschland ständig starkem Termin- und Leistungsdruck ausgesetzt fühlt. Inzwischen hat die Leistungsgesellschaft eine vermeintliche, vielleicht sogar gefährliche Lösung gefunden.

Etwa 800 000 Beschäftigte, so meldet das Deutsche Ärzteblatt, nehmen regelmäßig Psychopharmaka, um sich der Arbeitsbelastung besser gewachsen zu fühlen. Jeder fünfte Beschäftigte hält es für vertretbar, wenn gesunde Menschen Medikamente einnehmen, um im Job leistungsfähiger zu sein.

Kreative, die Kokain schnupfen, Berufsmusiker, die mit Beta-Blockern zittrige Hände vermeiden wollen - Doping für den Job kennt keine Grenzen. Eine 50-jährige Kundenberaterin aus Schwabach fing mit Vitaminkapseln aus der Apotheke an, schluckte dann pflanzliche Beruhigungsmittel und ließ sich schließlich Chemie-Keulen vom Arzt verschreiben. «Wie ein Sportler habe ich mich fit gemacht», erzählt die Frau. Tagsüber funktionierte sie, abends versteckte sie sich, weinte heimlich, als ihre Familie die Schilderungen aus der Firma nicht mehr hören wollte. Vor einem Jahr hat sie gekündigt und ihr Familienleben gerettet, heute wird sie von ihrem Mann bei einer Therapie unterstützt. Doch im Gespräch räumt sie ein: Für ihren Abgang aus der Firma schämt sie sich noch immer .

Die gesellschaftliche Stimmung ist längst auch in den Kanzleien der Arbeitsrechtler spürbar, bestätigt Anwalt Armin Goßler. Zeitweise zu klotzen, wenn viele Aufträge reinkommen, sei für viele motivierend. Doch für Engagement wird Sicherheit erwartet - und das funktioniert in Zeiten der Wirtschaftsflaute nicht mehr. Nicht jeder steckt diese Erkenntnis so einfach weg. Goßler betreut derzeit einen Mandanten, der auf dem Weg zur Arbeit anhalten muss, um sich am Straßenrand zu übergeben. Auch die Anwältin für Arbeitsrecht, Christine Roth, berichtet, dass immer mehr ihrer Mandanten unter den dünner werdenden Personaldecken in den Betrieben leiden. Sie beuten sich selbst aus - das Haus muss schließlich abbezahlt werden - und vertrauen auf die stillschweigende Abmachung, so den Arbeitplatz nicht zu verlieren.

Anwältin Roth rät in solchen Fällen zur Psychotherapie. «Manchmal zieht es einem die Schuhe aus, wie Leute behandelt werden - sie haben mehrere Jahrzehnte ihre Haut zu Markte getragen und auf einmal genügen sie den Anforderungen nicht mehr», schimpft sie auf unsensible Vorgesetzte und kurzsichtige Firmenpolitik: «Gut gelaunte und motivierte Mitarbeiter leisten weit mehr als unsichere Menschen.»

Tatsächlich: Laut einer Studie des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen leidet jeder achte Beschäftigte in Deutschland unter arbeitsbedingten psychischen Gesundheitsbeschwerden. Das sind fast fünf Millionen Menschen. Nicht eingerechnet sind Magenschmerzen, wie sie Manuela K. drücken oder der Bandscheibenvorfall, der den 50-jährigen Kurt H. quält.

Er arbeitet in einem «Tendenzbetrieb», in einer Firma also, die nicht nur Geld verdienen will, sondern auch, so formuliert es der Gesetzgeber, politische, erzieherische, wissenschaftliche oder künstlerische Ziele verfolgt. Gewerkschaften, Kirchen, aber auch Parteien oder ein Presseunternehmen sind solche Betriebe. Kurt H. - auch er will seinen echten Namen nicht verraten - arbeitet seit Jahren weit über 60 Stunden die Woche.

Nach Feierabend ging er privat nicht einmal mehr ans Telefon, wenn sich einer der Freunde meldete. Nun kam die Quittung: Angstzustände und Depressionen, seinem Arbeitgeber und den Kollegen verschweigt er die Diagnose. Er schiebt alles auf seine Bandscheiben, die ohnehin schon längst ruiniert sind.

«Waren 1990 die drei größten Leiden der Menschheit noch Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen und Kindstod, wird die Reihenfolge im Jahr 2020 so lauten: Herzinfarkt, Depression, Angststörung und Verkehrsunfälle», warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO.

«Die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem vermischen sich», erläutert Günter Voß. Der Professor forscht an der Technischen Universität Chemnitz im Bereich Arbeits- und Industriesoziologie. Er beobachtet seit vielen Jahren, dass die Arbeitszeiten immer flexibler werden und sich die Bindung an einen festen Arbeitsort auflöst. Viele Beschäftigte erledigen ihre Aufgaben außerhalb der Bürozeiten, unterwegs oder zu Hause.

«Gerade ehrgeizige Arbeitnehmer lassen sich verführen: Sie erhalten Freiräume und Verantwortung. In der Konsequenz hängen sie sich mehr rein und verwischen selbst ihre Grenzen.» Wird der Einsatz honoriert, ist das motivierend. Wird die Leistung nicht anerkannt, kann das Verhalten des Arbeitnehmers krankhaft werden. Voß verweist auf eine amerikanische Studie. Die Soziologin Arlie Hochschild zeigt, dass diese Beschäftigten sogar ihr Familienleben zuletzt als Stress empfinden, nur in der Arbeit blühen sie auf.

Die einstige «Manager-Krankheit» Stress trifft längst Beschäftigte aller Bereiche: Seit Jahren boomt die Leiharbeit, immer mehr Minijobs entstehen. «Etwa bei Gebäude-Reinigern wird grundsätzlich mit Angst gearbeitet», weiß Thomas Depner, in Nürnberg Gewerkschaftssekretär bei der IG Bau. Und in besonders qualifizierten Berufen erhöht ausgerechnet die ausgebeutete «Generation Praktikum» den Druck: Der Nachwuchs ist bissiger, jünger, billiger.

«Die Belegschaften entsolidarisieren sich, Mobbing wird zur Überlebensstrategie», glaubt Arbeitsrechtler Armin Goßler, auch wenn Mobbing vor Gericht kaum nachzuweisen ist. Die Betroffenen fühlen sich ohnmächtig, und irgendwann führt die Angst um den Arbeitsplatz zum inneren Rückzug, gar zur inneren Kündigung.

Auch für die Wirtschaft hat das schlimme Folgen. «Präsentismus», erklärt Professor Hans Drexler, Arbeitsmediziner an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, nennen es Mediziner, wenn sich Arbeitnehmer auch krank in den Betrieb schleppen.

Die Industrie hat dieses Verhalten bislang kaum zur Kenntnis genommen, sich lieber mit dem «Absentismus», dem Krankfeiern beschäftigt. «Die Unternehmen konzentrieren sich auf die Senkung der Fehltage", so Arbeitsmediziner Drexler. Dabei sind die Kosten, die der Wirtschaft durch kranke, aber trotzdem arbeitende Mitarbeiter entstehen, enorm - höher noch als die Kosten des Absentismus. Die finanziellen Ausfälle seien jedoch schwer zu beziffern, sagt Drexel: «Da ist die unfreundliche Verkäuferin, die Kunden verprellt oder der Arbeiter, der jedes zweite Werkstück versaut».

Statt der Situation hilflos gegenüber zu stehen, versuchen es manche Unternehmen nun mit Hilfe von Außen: Coaching. Neben etlichen anderen Anbietern veranstaltet auch Elke Nürnberger mit ihrem Team Seminare und Coachings für Unternehmen, hat bereits Banken, Kliniken, die Pharmaindustrie und Schraubenhersteller beraten. Ziel sei es, dass die Mitarbeiter wieder mehr Vertrauen zu ihren Chefs fassen. Und im besten Falle kommen ihnen Belastung und Stress schließlich deutlich geringer vor.

Ulrike Löw
30.1.2010
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