Nachrichten und Informationen aus FrankenNuernberger Nachrichten aktuellNuernberger Zeitung aktuell Stars ohne Publikum
   
 

Stars ohne Publikum

Das deutsche Weltmeisterpaar im Eiskunstlauf kann eine stolze Bilanz aufweisen, aber sein Sport steckt hierzulande in der Krise
 Stars ohne Publikum
Foto: AP/Sekretarev, dpa/Göbel
Bitte Bild anklicken!
Foto: AP/Sekretarev, dpa/Göbel
Bitte Bild anklicken!
Ich frage mich, ob wir jemals so gut waren, wie die Leute heute glauben, dass wir es gewesen sind …», sagte Hans-Jürgen Bäumler vor fünf Jahren nachdenklich in einem Interview. Das Traumpaar auf dem Eis, Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, kennt heute noch jedes Kind. Die beiden waren Sportidole der 60er Jahre. Sie waren das perfekte Paar - sportlich erfolgreich, schön und fotogen.

Zehntausende bevölkerten die Stadien, wenn das Paar auftrat, ihnen wurde gehuldigt, wie man heute noch Superstars huldigt, sie standen überall im Mittelpunkt, hatten Fanclubs und bekamen Unmengen Fanpost. Als sie 1962 bei der Weltmeisterschaft in Prag stürzten, hielt die Nation den Atem an, und wenn sie um 20 Uhr bei einem Wettbewerb auftraten, wurde sogar die Tagesschau verschoben.

Heute weisen die Weltmeister Aljona Savchenko und Robin Szolkowy mit sechs Landesmeistertiteln, drei Europameister- und zwei Weltmeistertiteln eine ähnlich erfolgreiche sportliche Bilanz auf – und doch kennt sie kaum einer. ARD und ZDF senden keine Eislaufwettbewerbe mehr live, die großen privaten Fernsehanstalten kämpfen mit Skilanglauf, Biathlon, Rodeln und Skispringen um Einschaltquoten. Nach und nach verschwanden von allen Kanälen auch beliebte Shows wie die «Neujahrs Eislaufgala» aus Garmisch-Partenkirchen. Eiskunstlauf-Fans in Deutschland sind heute auf den Nischensender Eurosport angewiesen.

Aber wer ist eigentlich Schuld an der Misere? Warum schwindet das öffentliche Interesse an diesem doch so wunderschönen Sport?

Als Katharina Witt ihren umjubelten Tod als Carmen auf dem Eis bei den Olympischen Winterspielen in Calgary 1988 starb und mit Gold dafür belohnt wurde, da war die Welt des deutschen Eiskunstlaufens in der DDR und im Westen noch in Ordnung. Hüben wie drüben gab es Nachwuchs, Funktionäre und Verbände waren zufrieden. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Probleme und Reibereien, Ungereimtheiten, ehrgeizige «Eislaufmütter» und Intrigen gab es auch damals, aber wenn Norbert Schramm, Rudi Cerne und Co. auftraten, da war das öffentliche Interesse hoch und die Medien berichteten ausführlich.

Mit der Wende begann für die DDR-Sportler und Trainer in den meisten Sportarten und eben auch im Eiskunstlauf die Zeit der Abrechnungen. Dopingvorwürfe und gegenseitiges Anschwärzen wegen der Stasi-Vergangenheit. All das beschäftigt Verbände und Funktionäre immer noch – zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer. Katharina Witt, die sich in der Heimat als «Rote Socke» beschimpfen lassen musste, fand ihr Heil in der Flucht über den Ozean. Erst nach Jahren kam sie als erfolgreicher Weltstar aus den USA zurück. Andere, etwa Gabriele Seyfert, Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Winterspiele in Grenoble 1968 und langjährige Leiterin des Eislaufballetts am Friedrichstadtpalast Berlin, gaben entmutigt das Eislaufen auf. Weiterzumachen wagten nur Sportler ohne tückische Verstrickungen der Vergangenheit, oder die, die hofften, unentdeckt davonzukommen.

Sportlich gesehen, ist die Grenze verschwunden. In den Leistungszentren in Chemnitz, Berlin und Erfurt trainieren Läufer aus allen Teilen Deutschlands. Michael Huth aus Dresden, der im Leistungszentrum Oberstdorf die Top-Läufer betreut, hat seinerzeit bei der legendären DDR-Trainerin Jutta Müller in Chemnitz die größten Erfolge als aktiver Sportler gefeiert. Die west- und ostdeutschen Blöcke in den Verbänden haben sich längst aufgelöst.

Überdies hatte der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs auch einen katalysierenden Effekt auf den Eislaufsport. Das kleinkarierte Nationendenken hat sich überlebt. Heute präsentieren sich in der ganzen Welt Eislaufpaare aus urspünglich verschiedenen Nationen zusammen. Warum soll es im Eiskunstlaufen nicht so wie im Fußball gehen?

Und dennoch findet das aktuelle Weltmeisterpaar aus Deutschland so schwer Sponsoren. In der Fernsehwerbung treten Fußballspieler, Ski- und Biathlonstars zur besten Sendezeit auf, das Thema Eiskunstlauf dagegen wird, wenn überhaupt, grundsätzlich erst nach Mitternacht behandelt. Aber warum ist das so? - fragen sich die Fans. Liegt es daran, dass Aljona eine vor erst fünf Jahren eingebürgerte Ukrainerin ist? Dass Robin einen dunkelhäutigen Vater hat? Nein, da summieren sich viele Probleme: zu wenig Verbandsunterstützung, kaum Medieninteresse, dürftiges professionelles Management. Der Dauerstreit des Trainers der beiden, Ingo Steuer, mit der Deutschen Eislaufunion wegen seiner Vergangenheit als Stasi-Spitzel. Oder der Dauerärger - zuletzt bei der Europameisterschaft in Tallinn - über die Wertungsnoten der Preisrichter, die von den Zuschauern oft nicht nachvollziehbar sind.

Die in dieser Saison einstudierte neue Kür von Savchenko/Szolkowy und auch das Kurzprogramm mit einem charmanten Clownskostüm haben das Potenzial für einen Olympiasieg. Durchaus denkbar, dass die energiegeladene Aljona und der sanfte Robin in Vancouver für Deutschland die erste olympische Goldmedaille im Paarlaufen gewinnen. Aber würde das an den grundsätzlichen Problemen etwas ändern?

Natürlich kann ein Weltklasse-Paar allein nicht aus dieser hausgemachten Misere heraushelfen. Fachleute fordern heute: eine optimierte Förderung des Nachwuchses sowie Klarheit und Transparenz in der Verbandsarbeit. In den einschlägigen Verbänden, so klagen Insider, gibt es viel zu viele Querelen und obendrein auch finanzielle Probleme. Erst deren Beseitigung könnte eine stabile Basis schaffen für die Arbeit vieler engagierter Trainer und Betreuer in den Eislaufzentren.

Hinzu kommt: Junge Talente sind heute nicht mehr so leicht bereit, große Opfer für ihren Sport zu bringen. Ein Umzug in eine Talentschmiede ist kaum jemandem zuzumuten. Trainer und Kostüme kosten auch viel Geld.

Über all das kann Familie Pöhlmann aus Landshut, deren zehnjährige Tochter als großes Talent gilt, ein Lied singen. Nachdem Gianna Pöhlmann mit fünf Jahren ein Paar winzige Schlittschuhe geschenkt bekommen hatte, lernte sie in ihrer Heimat Landshut voller Begeisterung Eislaufen. Ihre Liebe zu diesem Sport ist so groß, dass sie einen Traum hat: erfolgreiche Eiskunstläuferin zu werden.

Vor zwei Jahren beschlossen ihre Eltern, eine Wohnung in Oberstdorf zu nehmen, damit Gianna im dortigen Leistungszentrum trainieren kann. Mama zog mit um, Papa und Geschwister besuchten die beiden an den Wochenenden. Giannas Ziel war es, möglichst schnell alle Sprünge zu lernen und die Technik zu verbessern, denn für Gianna zählt nur eines: perfekt zu werden. Der Erfolg stellte sich schon bald ein, nach einem harten Trainingsjahr beherrschte sie alle Sprünge zweifach und schaffte die anspruchsvolle Leistungsstufe Kürklasse 6. Aber: Irgendwie gelang das Einleben nicht: Ständig plagte sie das Heimweh nach Geschwistern und Schulfreunden.

Nun, nach einem zweiten Umzug, trainiert Gianna beim RC Regensburg mit einem hervorragenden Trainerteam. Und was für Gianna wichtig ist, sie kann wieder zuhause wohnen mit ihren Geschwistern. Die einstigen Freunde und Schulkamaraden, die vertraute Umgebung geben ihr Halt. Drei Stunden Training täglich an fünf Wochentagen, davon eine Ballett- und eine Athletikstunde wöchentlich, ist neben Schule und Hausaufgaben ein enormes Pensum. Um abzuschalten, spielt Gianna Nintendo oder geht mit ihrem Hund spazieren.

Sie liebt das Eis, aber der Weg zur Spitze ist hart und voller Stürze, blauer Flecken und Rückschläge. Nur mit einem intakten Umfeld und einer immensen Motivation schaffen es Kinder wie Gianna, sich zu verbessern.

Der Weg zu den Olympischen Spielen ist für die Kleine noch sehr weit. Nach ihren Vorbildern gefragt, antwortet Gianna ohne zu zögern: Katharina Witt. Aber Aljona und Robin mag sie ganz besonders. Gianna: «Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen für die Spiele in Vancouver».

Marianne Lehmann
6.2.2010
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NORDBAYERN.DE