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LOKALMELDUNGEN - NÜRNBERG  
An der Peter-Vischer-Schule funktioniert die Zeugnisvergabe auch andersherum

Schüler bewerten Lehrer – ohne Hass und Rache

 Schüler bewerten Lehrer – ohne Hass und Rache
Foto: Iannicelli
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In einer Woche bekommen Bayerns Schüler Zwischenzeugnisse. An der Peter-Vischer-Schule gibt es die auch für Lehrer – verfasst von ihren Schülern. Seit Jahren macht man hier mit der freiwilligen Lehrerbewertung gute Erfahrungen. Nachahmer lassen jedoch auf sich warten.

Joe Ploog hat schon wieder Kreuzchen gesetzt, in Deutsch, Mathematik, Religion, Geschichte und Sozialkunde. Auf Fragebögen haben er und seine Mitschüler in den letzten Wochen Aussagen eingestuft. Etwa: «Meine Lehrerin/mein Lehrer erklärt den Stoff den schwachen Schülern gerne» oder «Meine Lehrerin/mein Lehrer ist bei der Notenvergabe gerecht». Sehr oft oder immer; oft; manchmal; selten oder nie? Sie haben auch Noten von 1 bis 6 vergeben, für Feststellungen wie «Der Lehrer nimmt mich ernst und traut mir etwas zu» und «Der Lehrer pflegt einen freundlichen Umgangston».

Joe, 17 Jahre alt und Schüler der Gymnasialklasse Q 11 der Peter-Vischer-Schule (PVS), darf die Qualitäten seiner Lehrer benoten, schon seit der fünften Klasse. Das heißt: Lehrer, die das wollen. 40 Prozent der Lehrer, schätzt er, machen mit bei der freiwilligen Maßnahme. Junge wie alte.

Meist am Ende des ersten Halbjahrs verteilen die Pädagogen die Formulare, die im Lehrerzimmer ausliegen, oder sie bringen selbst entworfene mit. Manche lassen die jüngeren Schüler auch selbst Zeugnisse schreiben. Die Jugendlichen bleiben anonym. Seit zehn Jahren gibt es diesen Brauch an der städtischen Peter-Vischer-Schule mit ihren 113 Lehrern – in diesem Ausmaß eine Seltenheit.

Nur zögerlich und vereinzelt öffnen sich die Kollegien in Bayern dieser Form von Qualitätskontrolle, obwohl deren Aussagekraft das umstrittene Lehrerbewertungs-Internetportal «Spickmich» in puncto Seriosität abhängt. Lehrer, die gegen «Spickmich» vor Gericht zogen, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte durch halb öffentliche Verunglimpfungen verletzt sahen, verloren bisher.

Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen setzen dem missliebigen Portal ein wissenschaftlich fundiertes entgegen: «Schüler als Experten für Unterricht», kurz SEfU, gewährt streng nur Schülern und ihren Lehrern Zugriff, lässt aber auch Humor vermissen. Bei den Kindern bleibt «Spickmich» beliebt; über das Portal «SchuelerVZ» ist es weitverbreitet. Auch Joe Ploog bewertet im Netz seine Lehrer – was für ihn die Schwarz-auf-Weiß-Variante im Klassenzimmer aber nicht ausschließt.

Diese «Feedback-Fragebögen» sind inzwischen Routine für ihn – die viel bringt. «Was man reinschrieb, wurde ernst genommen.» Lehrer verlangsamten ihre Diktate, dachten darüber nach, ob die neue Vokabelabfragetechnik sinnvoll war, wechselten öfter die Unterrichtsmethode. Zuletzt reagierte Joes Deutschlehrer auf die Kritik und schreibt jetzt wieder mehr an die Tafel, nachdem sich die Mehrheit von den rein mündlichen Ausführungen überfordert fühlte.

Dieser Deutsch-Fachbetreuer, Dieter Schaefer, hat den ersten Fragebogen der Schule vor einem Jahrzehnt mitentwickelt, als Maßnahme im hauseigenen Schulentwicklungsprogramm. «Man lernt so seine eigenen Stärken und Schwächen sehr gut kennen», findet der 62-Jährige. «Es ist wichtig, dass sich der Lehrer immer wieder am Riemen reißt.»

In diesem Auftrag sehen sich längst nicht alle. «Meist verwenden leider nur Lehrer die Fragebögen, die sowieso einen guten Draht zu den Schülern haben», sagt der Schülervertreter Joe Ploog. «Ich fände es gut, wenn alle mitmachen würden.» Anders gesagt: Wer als Pädagoge grundlegende Korrekturen nötig hätte, vermeidet die Befragung lieber stillschweigend.

Für verpflichtende Evaluation ist die Zeit an deutschen Schulen noch lange nicht reif. «Die Autonomie des Lehrers im Unterricht ist immer noch riesig», stellt Inge Spies fest, die Konrektorin der PVS. «Freiwilligkeit ist aber das Grundprinzip unserer Schulentwicklung. Der Bogen nützt ja nur etwas, wenn der Lehrer ihn auch nachher mit der Klasse besprechen will.» Dieter Schaefer meint: «Wenn etwas von oben angeordnet ist, betreibt man es weniger ernsthaft.» Die ausgefüllten Papiere bleiben beim Lehrer. Die Schulleitung will bewusst keine Ergebnisse wissen und erfragt auch nicht, welcher Mitarbeiter sich evaluieren lässt. Direktor Thomas Karl muss sein Kollegium selbst regelmäßig beurteilen und will dabei neutral bleiben.

Inge Spies hat es noch nicht bereut, ihren Mathematik- und Physikunterricht bewerten zu lassen. Dabei hat sie festgestellt, dass sie sich kritischer sieht, als ihre Schüler das tun. Wenn sie erfährt, dass sie die Klasse überanstrengt, versucht sie gegenzusteuern. Nur in absoluten Einzelfällen würden Schüler die Gelegenheit nutzen, mit Beleidigungen Frust abzulassen. Auch Deutschlehrer Schaefer sieht keinen Anlass zu Angst. «Die Schüler sind, was erstaunlich ist, sehr objektiv und fair. Sie legen es nicht auf schlechte Bewertungen an.»

Schaefer haben die Kinder schon vorgeworfen, seine «Lieblinge» zu oft aufzurufen und eine unleserliche Schrift zu haben. Andere wünschten sich mehr Diskussionen oder bescheinigten ihm Humor und Höflichkeit. In das Feld «Was mir am besten gefallen hat» malte ein Schüler bei Schaefer auch schon mal ein Herzchen und schrieb: «Ich mag Sie!»

Isabel Lauer
6.2.2010
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