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SCHWABACH (stt) – Yusif spielt den zuvor eher sanften Vater wie einen Diktator. Leon legt die Mutter sehr viel verständnisvoller an als es im Drehbuch steht. Und Christina zeigt, mit welchen darstellerischen Mitteln man «mehr Erotik» in das Theaterstück bringen kann. Die Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen der Karl-Dehm-Schule dürfen beim Drama über Spielsucht nicht nur zusehen. Sie sollen auch aktiv in die Handlung eingreifen.
Schließlich verfolgt das Stück der Nürnberger Theatertruppe «Thevo» eine pädagogische Absicht. Es problematisiert «Spielsucht» nicht nur. Es will auch Ursachen und Gegenstrategien aufzeigen.
Der «Kick» am Automaten
In der Bundesrepublik gibt es etwa 300 000 Spielsüchtige. «Sie sind Dopamin-Junkies», erklärt Karen-Heike Matthes von der Beratungsstelle für Glücksspielsucht der Diakonie Roth-Schwabach. Dopamin ist eine körpereigene Substanz, die im Volksmund als «Glückshormon» bezeichnet wird. Für die Süchtigen bringt es also einen spürbaren Kick, wenn sie am Automaten stehen.
Im Falle des Verbots folglich auch körperliche Entzugserscheinungen. «Unkonzentriertheit, Schweißausbrüche, Zittern», schildert Matthes die Symptome.
Oft beginne es mit einem bedeutenden Gewinn. Danach bilde häufig die Spannung zwischen der Möglichkeit eines großen Gewinns auf der einen und des Verlust des gesamten Vermögens auf der anderen Seite die Motivation, so Matthes.
«Verspiel nicht Dein Leben», heißt die vor wenigen Tagen angelaufene bayernweite Aktion verschiedener Wohlfahrtsverbände und der Landesstelle für Glücksspielsucht in Bayern. Mit Plakaten, Flyern, Radiospots und Aktionen an Schulen soll auf die Gefahren der Spielsucht aufmerksam gemacht werden.
«Richtig krass mit 18»
«Es fängt in der Regel in der Pubertät an», sagt Karen-Heike Matthes. «Richtig krass wird’s bei vielen dann mit 18.» Sie kenne Spielsüchtige, so die Expertin, die ihre gesamte Existenz verspielt hätten. «Es ist die Sucht mit der höchsten Selbstmordrate», weiß die Sozialpädagogin. Außerdem sei sie am schwersten zu bearbeiten. Manche werden sogar kriminell und landen im Knast.
«Thevo» zeigte an der Karl-Dehm-Schule ein interaktives Forumtheater. In «traumhaft» geht es um Träume, Sehnsüchte, Drogen und Sucht. «traumhaft» zeigt schlaglichtartig kurze Szenen aus dem Leben der vier Jugendlichen Sarah, Franzi, Kämpfer und Sean. «Thevo» begleitet sie an die Orte und in den Situationen ihres Lebens: Alleine, mit Freunden, Eltern, Mitschülern. Die Schüler sehen ihr jeweils ganz unterschiedliches Suchtverhalten, das teilweise ganz offen zu Tage tritt und teilweise im Verborgenen liegt. Dabei durchbrechen die Darsteller die Grenzen des konventionellen Theaters, indem sie das Publikum zum Mitmachen auffordern.
Die Zuschauer greifen aktiv ein, können das Verhalten der Charaktere unterbrechen und eigene Lösungsvorschläge sofort in der Geschichte auf der Bühne ausprobieren.
Anregung zum Nachdenken
«Thevo» will keine Patentlösungen zeigen, sondern stellt dem Publikum Fragen, regt zum Nachdenken und Diskutieren an, schärft den Blick für soziale Interaktion und die Konsequenzen von individuellen Verhaltensänderungen.
Manches ist für die 14- bis 16-jährigen allerdings nicht einfach nachzuvollziehen, weil es schwer auf die Bühne zu bringen ist. An manchen Stellen fehlt auch die Zuspitzung. Yusif nützt die Bühne wohl auch deshalb mehr zur Selbstdarstellung als zur ernsthaften Auseinandersetzung.
Dennoch fanden die meisten das Stück gut und fühlten sich angesprochen. Einige zogen Parallelen zum eigenen Leben. «Meine Eltern sind ganz anders», sagte ein Mädchen.
Suchtberatung der Diakonie Roth-Schwabach, Münchener Str. 33a, 91154 Roth. Telefon (0 91 71) 9 62 70. www.diakonie-roth-schwabach.de. |