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Anwälte müssen reden können. Gute Anwälte müssen besonders gut reden können. Der Amerikaner Steven T. Wax ist so einer: Ihm ist es gelungen, zwei unschuldig inhaftierte Guantánamo-Häftlinge zu rehabilitieren. Mit welcher Leidenschaft und Rhetorik der staatlich bestellte Pflichtverteidiger aus Oregon das geschafft hat, lässt sich leicht nachvollziehen, sobald man ihn reden hört: Auch in Nürnberg, wo er auf Einladung des hiesigen Menschenrechtszentrums und des Inhabers des neu entstandenen Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik, Professor Heiner Bielefeldt, vor kurzem Station machte, griff seine Begeisterung für Freiheit und Demokratie auf das Publikum über.
Überaus interessiert lauschten die Besucher seinen unglaublichen Geschichten, die er in dem umstrittenen Gefangenenlager auf Kuba erlebte. Nicht umsonst hat der Jurist seine fast irrealen Erlebnisse nun unter dem Titel «Kafka in Amerika» als Buch veröffentlicht.
Tatsächlich erinnern die Schilderungen sehr stark an kafkaeske Situationen. Etwa der Leidensweg seines Mandanten Brandon Mayfield. Der Amerikaner – wie Wax ebenfalls Jurist in Portland (Oregon) – wurde im Mai 2004 vom FBI verhaftet. Nach den Bombenattentaten von Madrid am 11. März 2004 galt der zum Islam übergetretene US-Bürger wegen eines ihm (fälschlicherweise) zugeordneten Fingerabdrucks auf einer Plastiktüte, die man nahe des Unglücksorts fand, als verdächtig. Mit perfiden Methoden begann das FBI schon Wochen vor der Festnahme die Wohnung und die Familie auszuspionieren: Mal ließ sich die Haustür nicht aufschließen, ein anderes Mal blinkten in den Zimmern die Uhren: «Irgendjemand musste also eingebrochen und den Strom gekappt haben», erzählte Wax. Brandons Ehefrau konnte sich die Vorgänge nicht erklären: «Is it real or is it not real» (Ist das Realität oder nicht?) habe sie sich damals gefragt.
Der bis dahin unbescholtene Mayfield, der in Kansas, also im Herzen Amerikas aufgewachsen war, geriet mehr und mehr in die Fänge des FBI. Den Patriot Act, mit dem Ex-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Bürger- und Freiheitsrechte massiv eingeschränkt hatte, spürte Mayfield am eigenen Leib: Er wurde bis ins Detail ausgehorcht, Telefon und PC überwacht.
Sogar als die spanischen Behörden die Verwechslung bereits richtiggestellt hatten, ließen die Amerikaner nicht locker. Nicht nur der islamische Glaube erweckte das Misstrauen der Geheimdienste, sondern auch die ägyptische Ehefrau. Zudem hatte Mayfield sich im Internet über die Madrider Anschläge informiert. Diese Vermutungen reichten den US-Geheimdiensten aus, um Brandon Mayfield am 6. Mai 2004 festzunehmen und nach Guantánamo zu bringen.
Auch das Schicksal von Wax’ zweitem Guantánamo-Mandanten mutet unheimlich an: Der Sudanese Adel Hamad wurde mitten in der Nacht in seiner Wohnung in Peshawar festgenommen und verschleppt. Der Ingenieur ging in den 80er Jahren nach Pakistan, um dort für eine Hilfsorganisation Flüchtlinge des afghanisch-sowjetischen Krieges zu betreuen. Auch er war nach den Anschlägen vom 11. September ins Visier der Geheimdienste geraten – obwohl ihn seine Kollegen als völlig unpolitisch beschrieben. Drei Jahre hatte Adel Hamad in dem Gefangenenlager verbracht, bevor er einen Anwalt bekam: «Wir waren die ersten freundlichen Gesichter, die er seit drei Jahren gesehen hat», erinnert sich Wax an die erste Begegnung.
Ohnehin empfand der für sein Engagement bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Wax die Ankunft in Guantánamo als äußerst merkwürdig: «Das Erste, was mir aufgefallen ist, waren die Gefangenen mit Ketten an den Füßen und junge GIs, die die Sicherheitsvorschriften überprüften.» Die Anlage habe einer typischen US-Ortschaft oder Garnisonstadt geglichen: «Es gab McDonald’s, Subway und Burger King, die den amerikanischen Lebensstil symbolisierten.»
Zu diesem «American Way of Life» gehören für Wax aber auch Werte wie Freiheit und Demokratie. Und diese wollte er auch für Guantánamo zurückgewinnen: «Ich kämpfte für das Gesetz, das Recht auf Verteidigung und einen fairen Prozess», sagte er. Das hat er geschafft. Brandon Mayfield und Adel Hamad sind längst rehabilitiert – finanziell entschädigt wurden sie jedoch noch nicht.
Steven T. Wax: Kafka in Amerika – Wie der Krieg gegen den Terror Bürgerrechte bedroht, Hamburger Edition, 496 S., 29,90 Euro.
Sharon Chaffin |