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Kaffee: «Von den großen Röstern verhunzt«

Kleine Anbieter sind auf dem Vormarsch
 Kaffee: «Von den großen Röstern verhunzt«
Kaffee
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NÜRNBERG - Laut den letzten Daten trank jeder Deutsche 2008 im Durchschnitt rund 148 Liter Kaffee. Der Konsum von Mineral- und Heilwasser lag dagegen nur bei 134 Liter. Kaffee ist eines der großen Themen auf der BioFach in Nürnberg. Unsere Redaktion sah sich bei den Anbietern um.

«Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich den Duft der perfekten Tasse Kaffee vor - wie die wunderbaren Aromen aus frisch gerösteten Bohnen langsam den vollen Geschmack offenbaren«. Den Werbetext eines Anbieters könnten viele benutzen. Doch Kaffee ist nicht gleich Kaffee.

«Sechs bis acht Monate hat es gebraucht, bis die Kaffeebohne reif für die Ernte war, und die Bauern brachten viel Mühe auf. Bei uns wird die Frucht vielfach verhunzt«. Klaus Langen, Präsident der Deutschen Röstergilde, erklärt weiter: «Der Kaffee braucht Zeit, um sein Aroma zu entwickeln«. Die Gilde hat rund 40 Mitglieder und vergibt ein eigenes Siegel. Die Größeren (61 Röster und 13 Importeure) sind beim Deutschen Kaffeeverband organisiert.

Zwölf Minuten Röstzeit sei das Minimum, bei nicht mehr als 240 Grad. Bei den Großen in der Branche - dem «Industrie-Kaffee« - dauere der Vorgang oft nur vier bis fünf Minuten, bei 450 Grad. Je länger die Röstzeit, desto besser sei der Kaffee auch bekömmlich - weil die darin enthaltene Chlorogensäure verringert wird.

Langen betreibt selbst im Sauerland eine Rösterei, die sein Vater vor 50 Jahren gründete. Jahresproduktion: 160 bis 180 Tonnen. «Das macht Jacobs in einer Schicht«. Der Unterschied liegt in der Röstzeit - bei Langen an die 20 Minuten.

Einkauf in Mokcha

Kaffee auf der BioFach in Nürnberg - das Thema passt in die Stadt. Der Nürnberger Kaufmann Johan Sigismund Wurffbain gehörte zu den ersten Kaffee-Exporteuren aus Arabien. Wurffbain stand in Diensten der holländischen Ostindien-Kompanie. 1616 ereichten die Holländer auf einer Expedition vom indischen Stützpunkt Surat aus erstmals Mokcha (vom Städtenamen ist der Mokka abgeleitet). 1640 kam Wurffbain mit einer Schiffsladung Gewürzen, Porzellan, Tabak, Zucker und Blei von Surat aus in Mokcha an. Für den Erlös kaufte er 83540 Pfund Kaffeebohnen, die er zurück nach Surat brachte.

Der Kaffee-Strauch kam ursprünglich wohl aus Äthiopien. Richtige Kaffee-Kulturen wurden erstmals im heutigen Jemen angelegt. Spätestens in den 1640er Jahren wurde er in Venedig angeboten. Dass die Türken den Kaffee erstmals 1683 nach der Belagerung Wiens hinterließen, ist falsch.

Im Jemen spielt der Kaffeeanbau heute keine Rolle mehr, wohl aber in Äthiopien. Tadesse Meskela vertritt die Oromia Kaffeebauern-Kooperative auf der BioFach. Angeschlossen: 150000 Kaffeebauern vom Stamm der Oromo, die auf organischen Anbau setzen. Sie ernteten 2009 etwa 130000 Tonnen - 43 Prozent der Erzeugung in Äthiopien. In Nürnberg sucht Meskela Vertriebspartner.

Insgesamt erreicht die Produktion von Rohkaffee im Jahr etwa 120 Millionen Sack à 60 Kilogramm. 63 Prozent kommen aus Lateinamerika, 25 Prozent aus Asien und 12 Prozent aus Afrika. Nach dem Erdöl ist Kaffee damit weltweit die wichtigste Handelsware. Organischer Anbau und «fair trade«, das sind Attribute, die im Markt immer mehr zählen.

Dass solche Ware mehr kosten muss als «Industriekaffee«, muss sich allerdings erst weiter in den Köpfen der Verbraucher durchsetzen, sagt Langen. Solidarität mit den Bauern ist gefragt. Dass das funktioniert, erfährt man am Stand der Firma Gepa - The Fair Trade Company. Dahinter stehen kirchliche Organisationen von Misereor bis Brot für die Welt.

Eine Bohne der Revolution

«30 Jahre die Bohne der Revolution« steht auf den Packungen. Der Kaffee stammt aus Nicaragua, und viele kauften ihn damals aus Sympathie mit den Revolutionären im Lande, «obwohl der Kaffee damals mangels Qualitätsmanagement fast ungenießbar war«, wie es bei der Firma im Rückblick heißt. Inzwischen habe der Kaffee «Top-Bio-Qualität«.

Um 1960 gab es rund 3000 Röstereien in Deutschland, viele wurden Opfer des Verdrängungswettbewerbs durch die Großen und den Vertrieb über die Supermarktketten. Langen ist überzeugt von der Renaissance der Kleinen. Tatsächlich tauchen neue Röster wieder im Markt auf.

Die Firma mybeans, erst im Juli 2009 gegründet, ist nur eines der Beispiele. Es ist nicht das einzige Unternehmen, bei dem man über das Internet eine individuelle Mischung («Deine eigene Kaffeemarke«) aus verschiedenen Ländersorten zusammenstellen lassen kann. Im Standard-Programm: Marke Morgenmuffel, durchaus kräftig, oder Nachteule - ein «Koffeinhammer für die Nachtschicht oder kurz vor dem Ausgehen«, wie am Stand zu hören ist.

Die teuerste Kaffeemarke, Kopi Luwak aus Indonesien, suchte die Redaktion auf der BioFach übrigens vergebens. Dabei frisst eine Schleichkatzenart die Bohnen und scheidet sie wieder aus. Alle Bitterstoffe werden den Bohnen im Darm entzogen. Der Preis in Europa pro Kilo: Rund 1000 €.

Wolfgang Mayer
18.2.2010
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