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Von Eiseskälte gezeichnet

Ein faszinierender Bildband präsentiert Foto-Porträts der Polarforscher von 1845 bis heute
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Was waren das doch für heroische Zeiten, als Männer loszogen, um am gottverlassenen Ende der Welt ihr Leben zu wagen. Getrieben von Abenteuerlust, Forscherneugier und der Aussicht auf Ruhm und Ehre ließen diese Pioniere die Annehmlichkeiten der Zivilisation hinter sich, um die lebensfeindlichsten Wildnisse dieser Erde zu erkunden, die Eiswüsten hoch im Norden und tief im Süden. Die Ära der spektakulären Pioniertaten in den Polar-Regionen begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis heute ist sie nicht abgeschlossen.

Im neuen Geo-Bildband «Abenteurer im Eis» (Frederking & Thaler, 49,90 Euro) schauen wir in die wettergegerbten, ausdrucksstarken Gesichter von Menschen, die sich der Faszination Kälte ergeben haben. Der Engländer Huw Lewis-Johns, Historiker am Scott Polar Research Institute der Universität Cambridge entdeckte bei Archiv-Recherchen in diesem ältesten Institut für Polarforschung zum Teil noch nie veröffentlichte Szenen früher Expeditionen und einige der weltweit ersten Polaraufnahmen. Die historischen Fotos kombinierte er mit aktuellen Aufnahmen des Fotografen Martin Hartley, der Frauen und Männer fotografiert, die heute in den Gebieten der Arktis und Antarktis forschen und leben. So kamen etwa hundert bemerkenswerte Foto-Dokumente zusammen, die einerseits für sich sprechen, aber auch den radikalen technischen Wandel in der Polarforschung deutlich machen.

Gleich auf den ersten Seiten sehen wir eine Szene vom 18. Januar 1912, dem Tag, der als einer der niederschmetterndsten in der Polarforschung Geschichte machte: Captain Scott und seine Männer haben es nach unsäglichen Qualen geschafft. Sie stehen am Südpol. Aber die fünf Engländer haben soeben feststellen müssen, dass der Norweger Amundsen ihnen beim Wettlauf zum Pol zuvorgekommen war. Die Männer wirken nicht nur erschöpft, sondern auch völlig gebrochen. 1200 Kilometer schleppten sie sich vom Basislager aus durch das Inferno eines wütenden Schneesturms – vergeblich. Den Rückweg überlebten die entkräfteten Männer nicht. Briefe und Foto-Dokumente, die man später bei ihren Leichen fand, zeigen das Ausmaß ihrer schrecklichen Enttäuschung.

Zu den bemerkenswertesten Bildern gehört auch eines, das den schneidigen Scott als jungen Seeoffizier kurz vor seiner ersten Polarexpedition zeigt – voller Optimismus an Bord der Discovery. Hinter ihm steht ein junger, nicht weniger keck und forsch drein blickender Schiffsoffizier mit Namen Ernest Shackleton. Er sollte als Leiter einer gescheiterten Antarktisexpedition Geschichte schreiben, weil er es mit seinem bravourösen Einsatz, seiner inneren Stärke und seiner Klugheit unter widrigsten Bedingungen schaffte, alle Teilnehmer zu retten.

Dass die Menschheit packende Fotodokumente von diesen und anderen frühen Abenteurern besitzt, ist dem Umstand zu danken, dass bei den meisten frühen Expeditionen Kameras und Fotografen dabei waren. Schließlich waren Fotos die besten Beweise für den Heldenmut der Eispioniere. Außerdem konnte man mit den Bildern viel Geld verdienen. Nur sie garantierten öffentliche Erfolge. Nicht zuletzt trugen sie auch dazu bei, das Interesse an der Polarforschung wach zu halten und Sponsorengelder locker zu machen. Vom ersten Buch mit Aufnahmen aus der Polarregion «Arctic Regions», erschienen 1873, konnte man gerade mal 350 Exemplare käuflich erwerben – sie galten als sensationelle Raritäten.

Natürlich entdecken wir in diesem Bilderbuch auch den legendären John Franklin, dessen Konterfei als erstes Foto-Porträt eines Polarabenteurers überhaupt gilt. Sir John Franklin suchte wenig später nach einer schiffbaren Nordwestpassage im Irrgarten aus Inseln, Meerengen und Eisbergen in der kanadischen Arktis.

Zuletzt wurden seine beiden mit Vorräten, wissenschaftlichen Geräten und Tausenden Büchern beladenen Schiffe in der Baffin Bay gesichtet, bevor sie und mit ihnen 129 Menschen zunächst spurlos verschwanden. Nach vielen verzweifelten, auch von Franklin-Gattin Lady Jane finanzierten hochgefährlichen Suchexpeditionen fand man schließlich Überreste und schriftliche Aufzeichnungen, die vom tragischen Ende des Franklin-Unternehmens künden. Demnach froren die Schiffe zwei Jahre nach Beginn der Expedition im Packeis vor der King-William-Insel fest. Hier starb am 11. Juni 1847 Sir John Franklin vermutlich an einer Vergiftung durch bleiverseuchte Konservenkost. Im Jahr darauf gaben die Überlebenden ihre festsitzenden Schiffe auf und versuchten, sich zu Fuß zu einem 350 Kilometer entfernten Posten einer Firma durchzuschlagen. Keiner schaffte es.

In diesem Buch begegnen uns Roald Amundsen, Rosie Stancer, Reinhold Messner und Fridtjof Nansen. Aber wir sehen auch Pioniere, die die Geschichtsschreibung längst vergessen hat, nicht zuletzt, weil ihre Fotoalben nie zuvor veröffentlicht wurden. Und wir betrachten Menschen, die in unserer hoch technisierten Welt die Polargebiete erforschen. Dabei führt uns die Kamera von Martin Hartley, der 18 Reisen in Polarregionen unternahm, ganz besondere Typen vor. Etwa Matty McNair. Diese Frau legte Tausende Kilometer mit Hundeschlitten auf Baffin Island zurück. Und dann schaffte sie es auch noch mit einer Pioniertat ins Guinness Buch der Rekorde. Sie leitete die erste Frauenexpedition zum Nordpol – das war im Jahr 1997. Später führte sie ihre Kinder ganz allein und problemlos zum Südpol.

Das Vorwort für dieses faszinierende Buch schrieb Sir Ranulph Fiennes. Er gilt als größter lebender Entdecker. Fiennes war der erste Mensch, der beide Pole zu Fuß erreichte und den antarktischen Kontinent ohne fremde Hilfe durchquerte. Dieser moderne Held leitete über 30 Expeditionen, darunter die erste Reise von Pol zu Pol – ein Unterfangen, das in Shackletons Tagen undenkbar gewesen wäre. Nicht verändert hat sich seither wohl die Magnetwirkung der Pole auf Abenteurer aller Art.

Evelyn Scherfenberg
20.2.2010
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