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Oscar füllt die Kassen |
| Wer ihn kriegt, hat ausgesorgt |
| Oscar füllt die Kassen |
Manche mögen’s deftig. Der berühmte amerikanische Filmregisseur österreichischer Herkunft Billy Wilder, immerhin 21 Mal für den wichtigsten Filmpreis der Welt, den «Oscar», nominiert und sechsmal Empfänger der vergoldeten Trophäe, meinte einmal zum anstehenden Thema: «Auszeichnungen und Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jedes Arschloch».
Die spöttische Altersdistanz des Schöpfers von «Manche mögen’s heiß» ist unüberhörbar. Und Billy Wilder konnte sie sich auch leisten: Nur wenigen Regisseuren der Filmgeschichte war es wie ihm vergönnt, für einen Film («Das Appartement», 1961) gleichzeitig den Oscar für den besten Film, die beste Regie und das beste Drehbuch erhalten zu haben.
Der Oscar ist im Filmgeschäft das Synonym für Ruhm schlechthin. Wer die Trophäe erlangt, hat den Kino-Olymp erreicht. Jahr für Jahr – diesmal zum 82. Mal – blickt nicht nur die Filmwelt Ende Februar/Anfang März hochgespannt nach Hollywood, wo im Kodak Theatre in einer dramaturgisch perfekten Zeremonie die versiegelten Briefumschläge geöffnet werden, um die Namen der Preisträgerinnen und -träger in etwa 25 Kategorien zu verkünden. In einem genau geregeltem Verfahren hat die «Academy of Motion Picture Arts and Sciences», wie sich die amerikanische Filmakademie mit ihren fast 6000 Mitgliedern nennt, ihre Entscheidungen für das zurückliegende Filmjahr gefällt.
Schätzungsweise eine Milliarde Menschen verfolgen weltweit die Oscar-Verleihung an den Fernsehschirmen und warten auf die fünf Worte, die sie und das Publikum im Kodak Theatre in einen elektrisierten Zustand versetzen: Eine Dame in großer Abendrobe und häufig mit nicht minder großem Dekolleté oder ein Herr im langweiligen Smoking öffnen, eventuell umständlich, das Kuvert, ziehen einen Zettel daraus hervor, warten einige Sekunden, die gefühlte Minuten sind, um dann zu verkünden: «And the Oscar goes to…»
Es folgt ein erlösender Name, und enthusiastische Beifallsstürme brechen los. Tränen fließen auf der Bühne wie im Auditorium, wenn die Geehrten vor dem Mikrophon zum großen Dankesgestammel ansetzen, wobei das Repertoire gewöhnlich von «Ich danke meinem Produzenten» über «Ich danke meiner Mum und meinem Dad» bis «Ich danke meinem Cocker Spaniel» reicht. Der inszenierte Kitsch scheint grenzenlos reproduzierbar.
Der Oscar – und die Form der Statuette mit einem Schwert haltenden Ritter scheint selbst schon darauf hinweisen zu wollen – gilt gemeinhin als Ritterschlag für einen Film. Doch für diese Kennzeichnung kommt es auf die Perspektive an, aus der heraus man sie trifft. Denn: Die Preisverleihung ist zunächst vor allem eine ziemlich US-amerikanische Angelegenheit und spiegelt die Filmstrukturen der Welt in ihrer Gesamtheit nicht wider. Hinter dem «Oscar» steht, wie Michael Kötz, Direktor des Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg, es formuliert, «die Logik des Prinzips Hollywood»: die Dominanz des Geldes und des Kaufmännischen über die eigentliche Kunst des Kinos». So ist der kleine Ritter mit dem Schwert vor allem auch ein Preis für die US-Filmwirtschaft, die schon vorher außerordentlich tatkräftig zumindest die Wege dafür ebnet, dass ein bestimmter Film es aufs höchste Podest schafft. Trocken hat es einmal Shirley MacLaine, 1984 als beste Hauptdarstellerin in «Zeit der Zärtlichkeit» ausgezeichnet, auf den Punkt gebracht – dass nämlich der Oscar ein paar Millionen mehr in der Kasse bedeutet.
Wobei «ein paar» natürlich eine nette Untertreibung war. Schon die Nominierung für eine Hauptkategorie ist Gold wert. So spülte Clint Eastwoods Streifen über den Aufstieg einer Boxerin, «Million Dollar Baby», allein in den fünf Wochen zwischen Nominierung und Oscar-Gewinn über 56 Millionen Dollar in die Kassen. In Deutschland sahen knapp 1,7 Millionen Zuschauer Florian Henckel von Donnersmarcks 2007 mit dem Auslands-Oscar belohnten Film «Das Leben der Anderen». Durch den US-Filmpreis öffnet sich weltweit die Tür zu neuen Märkten. Das Stasi-Drama spielte zum Beispiel insgesamt 50 Millionen Dollar an ausländischen Kinokassen ein.
Mit einer objektiven, gewissermaßen in die Ritterstatue gegossenen Feststellung von höchster künstlerischer Qualität sollte man den Oscar nicht verwechseln. Dazu gibt es zu viele Filme in der Oscar-Geschichte, die bei der Verleihung leer ausgingen und es teilweise nicht mal zur Nominierung geschafft haben, obwohl sie zweifellos das Zeug dazu hatten: Man denke an «Vertigo – Aus dem Reich der Toten» oder «Das Fenster zum Hof», beide von Alfred Hitchcock, an «Im Zeichen des Bösen» von Orson Welles, «Wege zum Ruhm» von Stanley Kubrick oder «Manche mögen’s heiß» vom schon erwähnten Billy Wilder. Alle diese Filme mussten letztlich auf die höchsten Weihen durch die Akademiemitglieder (allesamt Angehörige der Film-Branche) verzichten – und dabei handelt es sich nur um eine kleine Auswahl.
Schauspielerei und Film sind eben «kein Hunderennen, wo man genau beziffern kann, wer als erster angekommen ist», wie der Filmexperte Peter Kreglinger es ausdrückt: Es gibt kein Zielfoto und keine objektiven Parameter, mit denen sich schauspielerische oder andere Leistungen einordnen lassen. Und es gibt, wen wundert’s, auch allerhand Schmutz hinter den Kulissen – bisweilen in solchen Mengen, dass Whoopie Goldberg ihre Moderation der Verleihung von 2002 mit der ironischen Bemerkung würzte, im Vorfeld der Oscar-Verleihung sei so viel Dreck aufgewirbelt worden, dass alle Wettbewerbsfilme schwarz aussähen.
Gibt es den «idealen» Oscar-Anwärter? Abgesehen davon, dass der Streifen im Vorjahr der Preisverleihung mindestens sieben Tage lang in einem öffentlichen Kino im Bezirk von Los Angeles gegen Entgelt gezeigt worden sein musste, sollte er bereits kommerziellen Erfolg gehabt haben, ohne dabei allzu einfältig daherzukommen. Von Vorteil sind innovative Elemente, der Film kann auch neue Wege in der Vermarktung beschreiten. Und: Die «Academy» legt sehr großen Wert darauf, solche Filme auszuzeichnen, die etwas mit der jeweiligen Zeit zu tun haben. «Dass ‚Vom Winde verweht‘ im Jahr 1940 mit zehn Oscars bedacht wurde, hatte sicher mit dem Zeitgeist zu tun», meint Herbert Spaich, Filmkritiker beim Südwestrundfunk. Der Film reflektiert den Untergang einer Zeit, aber auch Kommunikationshemmnisse, die Veränderung der Geschlechterrollen. Und auch «Casablanca» (1942) zielt in die gleiche Kerbe: Der Film zeigt laut Spaich ganz deutlich Amerika als das gute Gewissen, das Emigranten eine Heimat gibt – viele mitwirkende Schauspieler mussten emigrieren.
Ein unbekannter Film hat noch nie einen «Oscar» bekommen. Deshalb fließt bereits im Vorfeld einer Nominierung viel Geld für die Publicity. Es werden massenhaft DVDs von dem Preis-Anwärter verschickt, und die Produzenten schmeißen jede Menge Partys. Die Werbung für den eigenen Film ist gnadenlos. «Wenn Sie da eine Party machen und es kommt keiner, können Sie gleich schon mal einpacken», weiß Herbert Spaich. Das ist auch für ausländische Filmemacher wichtig, denn die Mitglieder der «Academy» lassen sich durchaus darauf ein.
Immer ist der Oscar auch ein Spiegel der aktuellen Befindlichkeit der amerikanischen Gesellschaft. Schon deshalb kann man ihm keineswegs nachsagen, dass er unpolitisch sei. Während der repressiven McCarthy-Ära zwischen 1947 und 1956 gab es offizielle schwarze Listen, auf denen «kommunistische» Schauspieler und Regisseure geführt wurden, die folglich nicht Oscar-preiswürdig waren. Vor fünf Jahren blieben solche Schauspielerinnen und Schauspieler von der Zeremonie ausgesperrt, die auf deutliche Weise Präsident George W. Bushs Pläne für den Angriffs-Krieg gegen den Irak kritisiert hatten. Francis Ford Coppolas Anti-Vietnamkriegsfilm aus dem Jahr 1979, «Apocalypse Now», erhielt zwar Oscars für Kamera und Ton, ging aber in den Hauptkategorien leer aus.
Und der Preis blieb lange Zeit ein Privileg der Weißen: Erst 1963 erhielt der erste Schwarze einen Oscar. Sidney Poitier bekam ihn als bester Hauptdarsteller in «Lilien auf dem Felde». Der Filmpreis ist, wie der Filmkritiker Georg Seeßlen einmal schrieb, «nach wie vor eine Institution von Imagebildung, Manipulation und Kontrolle».
Das Schöne am Oscar ist, dass er so gut voraussagbar ist – im Positiven wie im Negativen. Wenn nichts schief geht, dürfte in diesem Jahr das 3D-Abenteuer «Avatar» von James Cameron unter den Siegern sein, oder Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds», wobei sich auch der Wiener Schauspieler Christoph Waltz für den Nebenrollen-Oscar eine Chance ausrechnen kann. Frauenliebling George Clooney in «Up in the Air» sollten wir auf der Rechnung haben, und «Das weiße Band» des österreichischen Regisseurs Michael Haneke besitzt reale Chancen für den ausländischen Oscar. Betrübt werden wir allerdings feststellen müssen, dass es auch dieses Mal ein mittlerweile schon legendärer Streifen wieder nicht zum besten Dokumentarfilm geschafft hat: der Tagesthemen-Strömungsfilm.
Arndt Krödel |
| 6.3.2010 |
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