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72 Prozent sind das Ziel

 72 Prozent sind das Ziel
WEISSENBURG (ste) – Ab kommender Woche bis Mai finden die gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsratswahlen statt. Das Gremium, das gegenüber den Arbeitgebern die Mitarbeiterinteressen vertritt, hat zwar mehr Macht als ein Gemeinderat, dafür aber ein relativ schlechtes Image, hat die hiesige IG Metall bemerkt. Und lud deshalb zu einer Pressekonferenz, um auf die bevorstehenden Betriebsratswahlen hinzuweisen, die jetzt über die Bühne gehen.

»Demokratie hört nicht am Werkstor auf!», eröffnet Franz Spieß, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Schwabach, im kämpferischen Gewerkschafts-Jargon die Pressekonferenz im Weißenburger Büro der IG Metall in der Nördlichen Ringstraße. Mit ihm am Tisch sitzen die Betriebsratsvorsitzenden Siegfried Stöbich (Krauss Maffei in Treuchtlingen), Werner Adacker (Hermann Gutmann Werke), Werner Eisen (Leoni Draht Weißenburg) und Hermann Beißer (Schaeffler Technologies Gunzenhausen).

Die fünf Gewerkschaftler sind sich in einem einig: »Noch nie waren Betriebsratswahlen so wertvoll wie heute.» Denn: Die Wirtschaftskrise habe auch vor Ort gezeigt, dass nur in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten Arbeitsplätze gesichert werden konnten. »Für uns ist es wichtig, dass alle Beschäftigten weiterhin unbeschadet die Krise überstehen, ohne dass es Kündigungen gibt», sagt Adacker. Und sichert seinen Kollegen bei HGW, die alle in der IG Metall Mitglied sind, zu: »Hierfür wollen wir uns weiterhin einsetzen.»

Flexibilität ist gefragt

Die jetzige Flaute im Bausektor nimmt der Betriebsratsvorsitzende als gottgegeben hin: Für HGW als Bauzulieferer ist schlechtes Wetter Schicksal, dem man flexibel begegnen muss – vor allem bei den Arbeitszeiten. »Die Krise hat gezeigt, wie wertvoll unsere Arbeitszeitkonten sind», fügt Spieß an. Die flexible Arbeitszeitregelung, die sowohl der Auftragslage als auch höheren Gewalten wie dem Wetter angepasst werden kann, ist für den IGM-Bevollmächtigten einer der größten Erfolge der Betriebsratsarbeit.

Spieß ist seit 38 Jahren Betriebsrat, lange Zeit übte er die Tätigkeit nur ehrenamtlich aus. Dem Bevollmächtigten der IG Metall merkt man an: Hier spricht ein Gewerkschafter mit Leib und Seele. Der sich vor den anstehenden Wahlen vor allem gegen ein weitverbreitetes Image wehren will: »In der Gesellschaft nimmt man häufig nur die fahnenschwenkenden und trillerpfeifenden Gewerkschafter vor den Werkstoren wahr, aber nicht unsere tägliche, kompetente Arbeit, die von ruhigen Verhandlungen geprägt ist.»

Zwar muss auch Spieß eingestehen: Auch heute noch werden Betriebsräte in der Regel vom Arbeitgeber »nicht geliebt» – obwohl selbst der durch den Betriebsrat profitiere. »Der Betriebsrat regelt den Ablauf für alle im Betrieb Beschäftigten, zum Beispiel die Arbeitszeit, die Verteilung, die Überstunden, und vermeidet es dadurch, dass der Arbeitgeber mit jedem einzelnen Arbeitnehmer zigfache Verhandlungen führen muss.» Sein Kollege Beißer ergänzt: »Der Betriebsrat hat ein absolutes Mitbestimmungsrecht, zum Beispiel bei sozialen Angelegenheiten, bei der betrieblichen Lohngestaltung, der Arbeitszeit oder dem Gesundheitsschutz.» Insofern müsse jeder Betriebsrat vor allem zwei Eigenschaften mitbringen, findet Spieß: »Konfliktfähigkeit und Kompromissfähigkeit.»

In den vergangenen Monaten hätten auch die Betriebsräte in der Region bewiesen, dass durch ihre Mitarbeit in vielen Fällen ein größerer Beschäftigungsabbau verhindert werden konnte, machte Franz Spieß deutlich. Wie zum Beispiel bei Schaeffler in Gunzenhausen. »Durch die enge Zusammenarbeit mit der IG Metall ist es uns gelungen, über einen Ergänzungstarifvertrag, durch eine Erhöhung
der Arbeitszeit auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich neue Produkte zu bekommen und den Standort bis 2013
zu sichern», bilanzierte Hermann Beißer die Erfolge. Ohne einen Betriebsrat, der die Einhaltung von Gesetzen und Tarifverträgen überwacht, hätten die Beschäftigten dagegen die denkbar schlechteren Karten gehabt.

49 Mitarbeiter entlassen

Sein Kollege Werner Eisen von Leoni Draht Weißenburg musste zwar miterleben, wie jüngst 14 Mitarbeitern gekündigt wurde und bei vielen anderen befristete Arbeitsverträge ausliefen, sodass 2009 insgesamt 49 Mitarbeiter das Weißenburger Werk verlassen mussten. Durch den Stellenabbau wird sich künftig auch die Anzahl der Betriebsräte von bislang elf auf neun reduzieren. Deshalb will Eisen sich in den nächsten Wochen mit all seinen Kollegen der IG Metall noch eimmal gewaltig ins Zeug legen und für die Betriebsratswahlen die Werbetrommel rühren.

Nachwuchssorgen braucht sich die IG Metall in Weißenburg indes noch nicht zu machen: Bei HGW gibt es beispielsweise für die elf zu wählenden Betriebsräte 24 Bewerber. Das ausgerufene Ziel für die kommenden Betriebsratswahlen lautet: 70 Prozent plus X. Die Wahlbeteiligung von 2006 soll damit noch einmal gesteigert werden. Denn alle fünf Gewerkschafter wissen: »Je größer unser Rückhalt ist, desto größer ist auch unsere Macht.»
9.3.2010 15:54 MEZ
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