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Warum sie böse sind |
| Die meisten Menschen, die sich an Kindern vergreifen, wollen vor allem ihre Macht ausleben |
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Die meisten Eltern sehen ihre Kinder als das Wertvollste in ihrem Leben. Sie wollen das Beste für sie. Die beste Geburtsklinik. Die besten Freunde. Die beste Schule. Die besten Lehrer.
Mütter und Väter, die ihre Kinder aufs Internat schicken, sehen sich dieses Ersatzelternhaus mit Argusaugen an. Doch nicht alles ist sichtbar. Sie löchern Direktoren mit Fragen. Doch nicht alles ist hörbar. Sie lassen sich Lernkonzepte erklären und besichtigen Schlaf- und Klassenräume. Doch nicht alles ist spürbar. Eltern wollen beruhigt sein. Sie wollen sich verlassen können auf Lehrer, die diese kostbaren kleinen Menschen zu wertvollen Erwachsenen formen. Wenn dieses Vertrauen so grundlegend missbraucht wird, ist das für die Eltern ein Schock. Und für die Kinder die Hölle.
Gerade in kirchlichen Internaten, die von Güte und Barmherzigkeit predigen, wurden Hunderte von Kindern missbraucht und regelrecht gefoltert. Die Folgen tragen sie als Erwachsene möglicherweise ein Leben lang. Und dennoch!
»Es sind nicht die Priester und Pädagogen, die sich an Kindern vergangen haben, sondern einzelne. Das dürfen wir nicht vergessen», betont Rita Steffes-enn. Sie ist stellvertretende Leiterin des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement, das Gewalt in Schule und am Arbeitsplatz untersucht und Konzepte anbietet, um Risiken zu erkennen und vorzubeugen.
»Menschen mit einer pädophilen Veranlagung neigen oft dazu, bewusst oder unbewusst Berufe mit Kindern zu wählen», stellt Steffes-enn fest. Entweder sie suchten gezielt den Kontakt zu potenziellen Opfern. Oder sie empfänden Schuld und Scham, wollten diesen Drang von sich abspalten und sich selbst beweisen, dass sie sehr wohl unbeschwerte Kontakte zu Kindern pflegen könnten. Eine Weile kann das auch funktionieren. Doch die Pseudosicherheit zerplatzt irgendwann, wenn ein Kind plötzlich begehrenswert erscheint. »Ein vorbeugender Schritt ist unter anderem getan, wenn Internate künftig Führungszeugnisse verlangen», rät die Expertin.
»Pädophile haben häufig einen sehr hohen Leidensdruck, weil sie von der Gesellschaft und sich selbst geächtet werden, und da kann die Wahl des Priesterberufs wie eine Erlösung erscheinen», stellt sie fest. Denn die katholische Kirche verspricht ihren Patres Hilfe bei der Überwindung sexueller Lüste durch mentale Konzentration auf einer höheren Ebene. »Doch ein Verzicht auf Sexualität ist ein wahnsinniger Kraftakt für jeden Menschen, egal welchen Sexualpartner er bevorzugt», sagt Steffes-enn.
Kinder verlangen nach Liebe, Umarmung, Trost. Und sicherlich brauchen Schüler, die weit weg von ihren Eltern aufwachsen dies auch von ihren Ersatzeltern, den Erziehern im Heim. Kommt es zu sexuellen Handlungen, so können sie nicht sofort erkennen, dass sie nicht Liebe bekommen, sondern nur zur Triebbefriedigung des anderen dienen. Und die Täter? Die Zyniker? Irgendetwas müssen sie falsch verstanden haben, wenn sie sich auf Jesus berufen, der sagte: »Lasset die Kinder zu mir kommen.»
»Viele flößen ihren Schützlingen Schuldgefühle ein und sagen: Du wolltest das doch. Du hast mich doch berührt. Du hast dich doch auf meinen Schoß gesetzt», berichtet der Psychiater Professor Manfred Cierpka von der Universität Heidelberg, der die Mechanismen von Gewalt gegenüber Kindern erforscht. Die Kinder sind abhängig. Die Täter zeigen sich rückblickend nur teilweise schuldig. Mehr als 30 Prozent, sagt Cierpka, wurden als Kinder selbst missbraucht und stehen auf dem Standpunkt: Mir hat es doch auch nicht geschadet. »Heime sind Stätten, wo es besonders leicht zu Übergriffen kommen kann, weil sie so hierarchisch und abgeschottet sind. Das muss sich ändern», sagt der Psychiater und fordert besonders für kirchliche Internate demokratische Strukturen, Transparenz und im übertragenen Sinne »möglichst viel Tageslicht in dunklen Bereichen.»
Das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité bietet seit Juni 2005 für pädophile Menschen ein freiwilliges Therapie-Programm an. Seither suchten rund 1000 Betroffene, aber nur ganz vereinzelt Priester dort Hilfe. »Wir würden uns wünschen, dass auch Geistliche, die merken, dass sich ihre Fantasien auf Kinder richten, sich frühzeitig bei uns melden», sagt Diplom-Psychologin Janina Neutze.
Betroffene nehmen an einer Therapie teil, bei der sie lernen, mit ihrer sexuellen Neigung zu leben, ohne sich an Kindern zu vergreifen. Nach bisherigem Kenntnisstand der Wissenschaft ist eine pädophile Veranlagung unveränderbar. »Die Neigung selbst kann nicht wegtherapiert werden», versichert Therapeutin Neutze. Aber Betroffene könnten Klarheit über ihre Verantwortung erlangen. Außerdem sollten sie üben, die Perspektive des Kindes einzunehmen und Mitgefühl zu erleben. Auch Medikamente, die die sexuellen Impulse dämpfen, kommen manchmal zum Einsatz.
Und welche Schuld trägt nun die Ehelosigkeit der Priester an den Missbräuchen an kleinen Jungen? »Ob der Zölibat das Risiko eines sexuellen Übergriffs auf Kinder beeinflusst, ist meines Wissens nach nicht untersucht», sagt Neutze. Von Studien mit inhaftierten Sexualstraftätern sei jedoch bekannt, dass nur etwa die Hälfte aller Taten an Kindern von Pädophilen begangen wird. Alle anderen würden sich an Kindern vergreifen, obwohl sie sexuell von voll entwickelten Männern oder Frauen angezogen werden. Experten sprechen deshalb von »Ersatzhandlungs-Tätern».
Doch in den Internaten waren nicht nur Päderasten am Werk. Schüler wurden mit Ruten und Kleiderbügeln vertrimmt, bis ihnen die Haut aufplatzte, oder mit Stühlen und Kommunionschalen beworfen. Mag sein, dass sie frech waren. Mag sein, dass die Erzieher sich nicht anders zu helfen wussten. Eine Rechtfertigung darf das nicht sein. »Gewalt verschafft uns oft Vorteile, weil wir Dinge erreichen können, die wir mit Worten nicht oder nicht so schnell erreichen würden», konstatiert Rita Steffes-enn.
Der Hirnforscher Gerhard Roth, der gemeinsam mit Psychologen und Psychotherapeuten Gewalttäter untersucht, geht sogar einen Schritt weiter: »In jedem von uns schlummert die Gewaltneigung bis hin zur Mordlust. Es ist ein Ur-Instinkt.» Vor allem Männer hätten diesen Antrieb, Gewalt auszuüben. Nicht die Verletzung sei das primäre Ziel, sondern die Macht. »Diese Ausübung von Macht ist die stärkste Lust, die Menschen empfinden können, noch stärker als Sexualität. Sie gibt einen ganz besonderen Kick», erklärt der Biologe.
Sobald Menschen eine Rechtfertigung dafür erhielten, andere zu quälen oder zu töten, würden sie dies tun, betont Roth. Und er verweist auf die Experimente der Psychologen Stanley Milgram und Philip Zimbardo, die beide in den 1960er Jahren auf spektakuläre Weise in Experimenten vorführten, wie normale Menschen zu Gräueltaten bereit sind, wenn ihnen die Begründung dafür einleuchtet.
Doch Hirnforscher Roth betont: Der Ur-Instinkt macht einen Pädagogen noch nicht zum Monster. Es müssen andere Umstände dazukommen. Wer unter alltäglichen Bedingungen Kinder misshandelt oder sexuell missbraucht, sei oft selbst in frühester Jugend Opfer von Gewalt geworden. Und es müsse eine ausgeprägte Neigung zum Sadismus hinzukommen. »Wenn nun noch die Vorgesetzten und Kollegen wegschauen oder sogar dasselbe tun, und wenn keine unmittelbaren Strafen drohen, dann gibt’s kein Hindernis mehr», weiß Roth.
Ohrfeigen? Na und. Im Jahr 2005 gaben bei einer statistischen Umfrage 53,7 Prozent der befragten Erwachsenen an, sie fänden es völlig in Ordnung einem Kind ein paar Backpfeifen zu verpassen. Dabei haben Kinder seit dem Jahr 2000 ein gesetzliches Recht auf gewaltfreie Erziehung.
Prügel? Was soll’s. Während das Bayerische Kultusministerium den Lehrern das Recht zur körperlichen Züchtigung im Jahr 1973 absprach, zeigte sich die Justiz im Freistaat noch lange uneinsichtig. Das Oberste Landesgericht verkündete im Dezember 1978: »Ein Lehrer . . . kann wegen einer maßvollen Ausübung des ihm . . . gewohnheitsrechtlich zustehenden Züchtigungsrechts nicht bestraft werden.» Erst am 1. Januar 1983 trat das Bayerische Erziehungs- und Unterrichtsgesetz in Kraft, das eine Züchtigung von Schülern verbot.
Endlich! Denn die Körperstrafe hat eine viel zu lange Tradition. Im Alten Testament wird die Züchtigung immer wieder empfohlen, beispielsweise im Buch der Sprichwörter. Dort heißt es: »Wen der Herr liebt, den züchtigt er, wie der Vater seinen Sohn, den er gern hat». Das Neue Testament sagt ebenfalls an einer Stelle: »Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er . . . » Und auch Martin Luther empfahl, »neben den Apfel eine Rute zu legen».
Viele nicht mehr ganz junge Erwachsene kennen die Prügelrituale aus eigener Erfahrung. Da wurden Schläge auf die Finger als »Pfötchen» oder »Tatzen» verharmlost. Lehrer droschen mit Rohrstöcken oder Linealen, verteilten Kopfnüsse und Ohrfeigen. Pädagogen zogen an Haaren und Ohren oder ließen Kinder auf einem Holzkant knien.
Gott sei Dank hat sich die Einstellung zur Erziehung geändert. Gott sei Dank geht die Forderung nach lückenloser Aufklärung der grausigen Fälle durch alle Gesellschaftsbereiche. Gott sei Dank auch durch die Kirche.
Birgit Heinrich |
| 20.3.2010 |
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