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Die Liebe zum Geschriebenen

Erna Hofmann leitet den Nürnberger Spätlese Verlag

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Als ihr die Geschichte mit den blauen Buntstiften wieder einfällt, bricht ein Lachen aus Erna Hofmann. Damals saßen sie zu viert an dem hellen Holztisch, auf dem nun Kaffee und Schokokekse stehen. Auf den Farbdruck der 400 Exemplare eines Gedichtbands hatte sie verzichtet. Zu teuer. Daher malte Hofmann mit ihrem Mann und einem Künstlerpaar die Zeichnungen in den Büchern aus. Nicht viel – auf einigen Seiten ein paar kleine Kreise, auf anderen schmale Streifen – genug aber, um schon morgens mit der Arbeit zu beginnen. Am Abend waren die Buntstifte kürzer.

Erna Hofmann blättert durch den Gedichtband, als würde sie weitere Erinnerungen suchen. Sie trägt eine Bluse, ein Seidenschal wärmt den Hals. In ihr dickes schwarzes Haar haben sich graue Fäden gemischt. Wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man grüne Gärten und in der Ferne die Kaiserburg.

Hinter Hofmann, auf einem Holzbrett angeordnet, stehen weitere Bücher. Auch diese hat sie verlegt. Auf ihren schmalen Rücken ist das Zeichen von Hofmanns Spätlese Verlag zu sehen – zwei Us, die jemand umgeworfen und übereinandergelegt hat.

»Man muss schon großes Stehvermögen haben«, erzählt die 72-Jährige. »Es zählt ja nur noch das Geld.« Vor über 30 Jahren hat sie den Verlag gegründet und mit ihren Büchern eine Nische besetzt. Hofmann veröffentlicht vorwiegend Gedichte und Geschichten fränkischer Autoren wie Inge Obermayer, L.A. Camponova oder Inge Meidinger-Geise. Andere Werke beschäftigen sich mit Malern in Franken, ein Buch erzählt von der Nürnberger Weingeschichte. Auch Romane hat Hofmann bereits verlegt, doch sie bevorzugt andere Gattungen.

Oft kommen Künstler mit ihren Werken in der Hand auf Hofmann zu. Manche stehen auch vor der Tür ihres Wohnhauses in der Pirckheimerstraße, in dem gleichzeitig der Verlag sitzt. Dass in dem Haus aus dem 19. Jahrhundert Bücher entstehen, könnten noch die Autofahrer mitbekommen. Denn vor dem Gebäude steht eine Ampel, neben ihr ein Elektrokasten. Auf den hat Hofmanns Ehemann ein Bücherregal mit Werken des Verlags gezeichnet und ein Buch mit dem Titel Pippi Schlamsumpf.

Hofmann ist als Quereinsteigerin zum Verlagswesen gekommen. Da eine späte Ernte eine bessere Qualität ergibt, hat sie den Verlag Spätlese getauft. Früher arbeitete sie als Fremdsprachenkorrespondentin. Später sorgte sie für die Kinder. Ihnen ist zu verdanken, dass Erna Hofmann heute Verlegerin ist: Die Kinder wollten ans Meer, und Hofmann und ihr Mann fuhren mit ihnen nach Rumänien. Ihre Eindrücke hielt Hofmann in Texten fest: ein Rezept über Siebenbürger Kraut oder die Kirchenburg, in die man streitende Ehepaare einsperrte und sie so lange in einem Bett schlafen und von einem Teller essen ließ, bis sie sich vertrugen. Ehemann Hans Herbert malte die Orte in Tusche, und seine Frau fand, dass es schade sei, die Zeichnungen in der Schublade verschwinden zu lassen.

Den »Transsylvanischen Skizzenblock« ließ das Ehepaar bei einem befreundeten Galeristen drucken. 50 Exemplare. Das Buch verschenkten sie an Freunde. »Warum macht ihr das nicht öfter?«, fragte einer. Warum eigentlich nicht, dachte Erna Hofmann. Die Kinder machten gerade Abitur und sie hatte Zeit. »Die waren ganz froh, die Mutter ist versorgt«, sagt sie.

Hofmann will Texten ein schönes Kleid geben

Mittlerweile hat die gebürtige Altöttingerin 25 Bücher verlegt. In jedes hat sie viel investiert: unzählige Stunden vor dem Computer, grübelnd über geeignete Schriftarten, lange Gespräche mit Autoren und Grafikern, und vor allem Liebe. Bis auf ein Buch sind alle Werke Hardcover. Einige umhüllt Leinen. Den Texten will Hofmann ein schönes Kleid geben. In einem Gedichtband von Inge Meidinger-Geise findet sich auf zwei Seiten manchmal nur ein kurzes Gedicht. Auf den nächsten sind Illustrationen, die aus wenigen Strichen bestehen. Die Augen sollen auf den Zeilen und Zeichnungen ruhen und sie vor allem genießen.

Der Spätlese Verlag ist ein Eine-Frau-Ein-Mann Betrieb. Angestellte gibt es nicht. Nur Ehemann Hans Herbert hilft. »Meine Frau ist der Verlag.« Er ist der »Verlagsgatte«. Hans Herbert Hofmann trägt eine Nickelbrille und einen weißen Bart. Sein Alter lässt sich nur schätzen, da er es nicht verrät. Er sitzt im großen Flur vor seinem Büro. Draußen vor dem Fenster leuchtet das Rot einer Blutpflaume. An den Wänden hängen Bilder verschiedenster Künstler.

Früher war Hans Herbert Hofmann Architekt. In seiner Freizeit zeichnete er viel, meistens Gebäude und Landschaften. In seinem Büro stapeln sich Bücher mit Zeichnungen, die Israel, Sizilien, Griechenland oder Kreta heißen. 20 000 Bilder hat er gemalt, das hat er im letzten Jahr einmal gezählt. Einige Zeichnungen und Illustrationen in den Büchern seiner Frau stammen von ihm. Manche entwirft er am Computer, wie den Stadtplan von Manhattan, der »Manhattan Stakkato« von Inge Obermayer bebildert.

Schon früher hat das Ehepaar Bücher gesammelt

Dass sie nach der Zustimmung der Freunde weitere Bücher verlegten, war für ihn rückblickend »naheliegend« und »selbstverständlich«. Schon früher hatten sich Hofmanns für Bücher begeistert. Erna Hofmann liebt es, mit der Hand über die Bücher zu fahren und die eingedrückten Buchstaben zu spüren. Hans Herbert Hofmann sammelte Werke über Franken und Nürnberg.

»Es macht Spaß, mit anderen Leuten gemeinsam etwas zu machen«, sagt er. Sich mit neuen Themen zu beschäftigen und sie in Buchform zu bringen. In das Verlagswesen ist Erna Hofmann »ziemlich blind reingehupft«. Buchhaltung, Vorbereitung des Drucks, eine geeignete Anordnung der Texte und Grafiken, Finanzierung und Vertrieb des Buchs – alles musste sie peu à peu lernen.

Nach dem »Transsylvanischen Skizzenblock« verlegt sie den Gedichtband »Bodensätze« von Richard Dill. Mit ihrem Mann fährt sie zu einem Nürnberger Buchhändler. Er wartet im Auto, während sie das erste Verkaufsgespräch führt. Das ist heute noch so. An das Gespräch kann sich Erna Hofmann gut erinnern. Sie bietet dem Händler 25 Prozent Rabatt auf den Verkaufspreis. Er will 35. Eine gängige Zahl.

Am Anfang ist sie ziemlich blauäugig, 30 Jahre später ist sie es nicht mehr. Sie hat sich einen Namen gemacht. Jetzt sind die Buchhändler freundlicher, und manchmal legen sie die Bücher ihres Verlags auch auf den Stapel am Eingang. Dort sind die Chancen größer, gesehen und verkauft zu werden. Im Regal, Buchrücken an Buchrücken, stehen die Chancen dafür schlecht.

Auch um die Werbung muss sich Erna Hofmann kümmern, sie kommt in Cafés, in Bibliotheken oder auch ins Tucherschloss. Erna Hofmann wollte nie »im großen Stil« Bücher verlegen oder Angestellte haben. Das gibt ihr die Freiheit zu entscheiden, wann sie welches Buch wie oft verlegt.

Von vielen ihrer Bücher gibt es nicht mehr als ein paar hundert. Qualität vor Quantität steht auf der Internetseite des Verlags. Und auch dann werden nicht alle verkauft. Die »große Kohle zu machen«, war nie ihr Ziel. »Das muss man sich von vornherein abschminken.« Manchmal wollte sie als Verlegerin aufhören, »Frustrationsperioden« nennt sie diese Zeiten. Aber dann kommt wieder etwas Interessantes, und sie macht weiter. Viel Gewinn gibt es nicht. Und wenn, dann steckt ihn Erna Hofmann in das nächste Buch.

Im Büro im ersten Stockwerk des Hauses surrt der Computer. Das Faxgerät ist permanent an, für Bestellungen von Buchhändlern, für Anfragen. In dem Regal an der Wand liegen Umschläge, Rechnungen und Angebote von Druckereien. An der Pinnwand hängt ein Zettel mit den ISBN-Nummern, Titeln und Preisen der Bücher: Für Hofmanns Tochter, die die eingehende Post abruft, wenn Erna und Hans Herbert Hofmann verreist sind. Erna Hofmann sieht sich nicht als Künstlerin, eher als Kunstvermittlerin.

Die nicht verkauften Bücher stapelt Erna Hofmann in mehreren braunen Kartons im Dachgeschoss. Neben- und übereinander stehen sie. Sie erinnern die Verlegerin daran, in ihrer Liebe zu Büchern eine wichtige Balance zu wahren – die zwischen Idealismus und Realismus.

Christiane Fritz (Text) und Hagen Gerullis (Fotos)
3.5.2010
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