GUNZENHAUSEN (fa) – Es ist schon lange her, dass die FDP agarpolitisch die Strippen gezogen hat. Den populären Bayern Josef Ertl hatte Bundeskanzler Willy Brand 1969 in sein Kabinett geholt, weil er einen Fachmann wollte, der ihm den Rücken freihielt und der auch den Unwillen der Bauern auf sich zog. So unterschiedlich die Charakteure waren, so gut sollen sie miteinander ausgekommen sein. Immerhin war der FDPler Erlt 14 Jahre Landwirtschaftsminister in Bonn. Heute steht wieder ein Liberaler auf der agrarpolitschen Bühne: Hans-Michael Goldmann (64) aus dem norddeutschen Papenburg ist zwar kein Minister, aber er hat eine Position, die von ihm genau so viel Kompetenz fordert: Vorsitzender des Agarausschusses des Deutschen Bundestags. Als solcher gehört er zu den einflussreichsten Koalitionspolitikern. Der FDP-Kreisverband hatte ihn ins Fränkische Seenland gelotst, um ihm die kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft vorzustellen. Kreisvorsitzender (und Nebenerwerbslandwirt) Günther Hagenheimer aus Sammenheim, Landtagsvizepräsident Jörg Rohde (Erlangen-Heßdorf), MdB Rainer Erdel (Dietenhofen) und der Gunzenhäuser Ortsvorsitzende Jürgen Meyer begleiteten den Dialog mit den Landwirtschaftsvertretern aus dem Kreis. Und die waren hochkarätig präsent: Landwirtschaftsdirektor Günther Schülein, BBV-Kreisobmann Fritz Rottenberger, Friedrich Tröster und Michael Ortner vom Maschinenring, Erwin Börlein vom VlF, Klaus Schmidt von der Forstbetriebsgemeinschaft franken-Süd, Rainer Minnameier (Vorsitzender des BDM) aus Thannhausen und Bernhard Wolf von »agriKomp», einem potenten Biogasanlagenbauer der Region. Das Gespräch, das in einer ausgesprochen lockeren und kameradschaftlichen Atmospäre stattfand, endete mit einer fränkischen Brotzeit nach Art des »Moarhofes». Goldmann, der aus einer alten Tierarztdynastie stammt und vor seinem Einzug in den Bundestag (1998) alStudiendirektor an einer Berufsschule tätig war, ist kommunalpolisch ein alter Hase. In Papenburg, wo mehr Wiesenhof-Hähnchen produziert werden als sonstwo in der Republik und die weltbekannte Meyer-Werft ihre Luxus-Kreuzfahrtschiffe baut, ist er stellvertrtender Bürgermeister. Um den Termin mit den fränkischen Bauern einzuhalten, hat er die Plenardebatte in Berlin geschwänzt und ein Strafgeld in Kauf genommen. Der Niedersachse (»Ja, es gibt ein Sonderrecht der Landwirtschaft») sieht eine besondere Verpflichtung des Gesetzgebers und der Gesellschaft, denn: »Wenn wir die Kulturlandschaft und die Erhaltung des ländlichen Raume snicht mehr haben, dann bekommen wir Strukturen wie in den östlichen Bundesländern oder in Amerika.» Im Gespräch mit den Kreisvertretern erklärte der Liberale: »Wir haben für den Agrardiesel gekämpft wie die Löwen, aber bisher nicht viel erreicht, weil Schäuble sagt, dass da nichts läuft.» Als wichtiger deutschen Landwirtschaftspolitiker sieht er sein Kampffeld hauptsächlich in Brüssel: »Das EU-Geld für die deutsche Landwirtschaft darf nicht weniger werden.» Was in Sachen Pfalzenschutzmittel- und Tierschutzgesetz an Auflagen von der Kommission kommt, das ist seiner Ansicht nach von den Bauern nicht mehr einzuhalten. Seine Erkenntnis: »Wir können nicht alles regeln, sondern uns auch darauf verlassen, dass der Bauer ein ordentlicher Bauer ist.» Deshalb sein Credo: »Weg von Verboten, zurück zur Fachlichkeit.» Als »endgültig» wertet er den Ausstieg aus der Milchquote im Jahr 2015. Goldmann (»Die Bayern sind clever») hat durchaus Sympathie für jene, die Zweifel an der reinen Lehre der Brüsseler Bürokraten haben. Landwirtschaftsdirektor Günther Schülein konstatiert infolge der stark steigenden Konkurrenz um die Pachtflächen eine sinkende Kollegialität unter den Bauern. Er registriert »viel Frust bei den Betrieben, die nicht wachsen können», aber auch viel Mut bei den jungen Landwirten, die bei den Investitionen »gut dabei sind». (Schülein »Biografie der Landwirtschaft» bringt der AB im nebenstehenden Kasten). Fritz Rottenberger, der Kreisvoristzende des Bauernverbands aus Pfofeld, erkennt in den massenhaft präsenten Graugänsen am Altmühlsee (»Die Gelege müssen raus») auch eine Last für die Landwirtschaft, denn neben dem Verlust an Futter gebe es ein Problem mit der Futtermittelhygiene. Sein Zahlenspiel: 1500 Gänse verkoten am Tag die landwirtschaftlichen Flächen (und die Badestrände) mit drei Tonnen. Auch die Algenplage am see führt er nicht nur auf die Landwirtschaft zurück: »Es gibt mehr Problemfelder.» Alle müssten miteinander arbeiten, denn: »Wenn der Tourismus ein Probme hat, dann haben es auch wir Bauern.» Eingreifen müsse der Staat auch dann, wenn die Biberpopulation zu stark werde. Als ein »Bürokratiemonster» sieht Rottenberger das Erosionskataster. Wörtlich: »Man will uns am Reißbrett eklären, wann wir unsere Böden zu pflügen haben. Das ist ein dicker Hund.» Flächen für Uferrandstreifen, Blühweisen, Fotovoltaik und Biogas (verstärkter Maisanbau) führten zu einer Zunahme der Flächenkonkurrenz. Der Bauernverbandsrepräsentant: »Biogas kann Fluch und Segen sein.» Die Bioasanlagenbetreiber würden das Doppelte an Pacht zahlen wie die Lebensmittelerzeuger. Mittelfristig hätten sei bei dieser Konstellation keine Chance mehr. Unverständliche Regelungen Widersprüche in der Gesetzgebung sehen Fritz Tröster und Michael Ortner vom Maschinenring, wenn es beispielsweise um den Transport vom Feld zur Biogasanlage geht. In diesem Fall handele es sich entsprechend der behördlichen Auflagen nicht mehr um einen landwirtschaftlichen, sondern gewerblichen Vorgang. Die Ausuferungen gingen soweit, dass diese Transporte nicht mehr mit Schleppern mit grüner Nummer erfolgen dürften, außerdem würden Fragen zur Führerscheingültigkeit aufgeworfen. Ortner s Unverständnis: »Auch wenn der Bauern die Rückstände von der Biogasanlage zurück auf sein Feld bringt, wird das als ein gewerblicher Transport eingestuft.» »Wie die Ausbildung abläuft, damit können wir gut leben», sagt zufrieden der Vorsitzende des Verbands für landwirtschaftliche Fortbildung (VlF), Erin Börlein aus Stopfenheim. Dank der Nähe zu Triesdorf mit seinen vielen Einrichtungen hätten die jungen Leute alle Möglichkeiten. Klaus Schmidt, der Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft Franken-Süd, hofft, dass das in der letzten Bundesregierung gescheiterte Umweltgesetzbuch dort bleibt , wo es jetzt ist: in der Schublade. Waldwegebau müsse weiterhin möglich sein und der Naturschutz dürfe einfach nicht überbewertet werden. Dass sich die Wertschöpfung im Wald erhöht hat, das gefällt ihm. Sorge macht ihm allerdings der Borkenkäfer, der allein in den jahren 2005 bis 2007 hierzulande an die 1000 Hektar kahlgefressen hat. »Es gibt Bauern», so Schmidt, »die haben ihren ganzen Fichtenbesand verloren. Bis die wieder einen Nutzen von ihrem Wald haben, vergehen zwei Generationen.» Rainer Minnameier vom Bund Deutscher Milcherzeuger klagt: »Die Milcherzeuger konnten in den letzten zwei Jahren ihre Kosten nicht mehr decken. Nicht einmal die Besten haben wirtschaftlich arbeiten können.» Überdies fragt er sich, ob die Rapsprodukton zertifiziert werden muss. Wie der FDP-Bundestagsabgeordnete Rainer Erdel den landwirtschaftlichen Vertretern versicherte, will er nah am Berufsstand bleiben und die Kontakte zu allen Verbänden intensivieren. Er sieht auf die Landwirte »ein böses Erwachen» zukommen, wenn in özwei Jahren die Strukturen der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften in Deutschland geändert werden. Er bezweifelt, dass es in Bayern zwei davon geben muss, wo es in ganz Deutschland nur neun gibt. |