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WUNSIEDEL - Bayern wird bedrohlich fußlastig: Im Süden nimmt die Bevölkerungszahl in den nächsten Jahrzehnten zu. Im Nordosten des Freistaates dagegen schrumpft die Zahl der Bürger teils dramatisch. Was hat eine ganze Region in diese Krise gestürzt? Welche Strategien gibt es, erfolgreich gegen die Folgen anzukämpfen? Unsere Zeitung will mit einer Serie Antworten geben.
Die Statistik kennt scheinbar unbestechlich die Gewinner: Bis 2028 wird Oberbayern sieben Prozent mehr Menschen zählen. Der Landkreis Erding wächst sogar um über 15 Prozent. Die Verlierer-Region Nummer eins ist dagegen Oberfranken: Der Regierungsbezirk wird in knapp 20 Jahren jeden zehnten Bürger verlieren. Bei manchen Detailprognosen kann einem himmelangst werden. Die Stadt Hof: minus 14,8 Prozent. Der Landkreis Kronach: minus 15,4 Prozent. Der Landkreis Hof: minus 17,8 Prozent.
Ein optimistischer Kommunalpolitiker
Doch so wird es nicht kommen, ganz sicher nicht. Das meint jedenfalls der Wunsiedeler Landrat Karl Döhler (CSU): »Das kann nie so eintreffen, weil es sich die Politik nicht leisten kann.« Der Kommunalpolitiker muss in Optimismus machen: Sein Landkreis ist mit 21,7 Prozent Bevölkerungsrückgang bis Ende des nächsten Jahrzehnts weit abgeschlagen bayerisches Schlusslicht.
Ein ganzes Bündel von historischen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen ist für diese Entwicklung verantwortlich:
Die Geografie: Eine ganze Region war nach 1945 in Form eines gestürzten U vom Eisernen Vorhang der DDR und der CSSR umschlossen. »Ein psychologisches Problem«, so Landrat Döhler, das viele junge, qualifizierte, leistungsorientierte Menschen regelrecht aus der Heimat vertrieben hat. Und die Grenzöffnung 1989 brachte für den Landkreis Wunsiedel nur wenige Jahre einen leichten Bevölkerungszuwachs. Seit 1993 hat die Gegend um die Luisenburg rund 12000 Einwohner verloren. »Ganze Abiturklassen wandern ab, weil die Arbeitsplätze nicht da sind«, berichtet Reinhard Heublein, Kämmerer der Stadt Kirchenlamitz.
Die Globalisierung: Durch die weltweite wirtschaftliche Verflechtung haben die drei Schlüsselindustrien Oberfrankens eine mörderische Konkurrenz aus Osteuropa und Asien bekommen - Möbel, Textil, Porzellan. Der Vernichtungswettbewerb hat schlicht zu einem »Zusammenbruch der Leitindustrien« geführt, so die Bayreuther Wirtschaftsgeografin Prof. Anke Matuschewski.
Reihenweise Insolvenzen
Reihenweise haben sich Unternehmen fast zwangsläufig in die Pleite manövriert. Ein letzter Paukenschlag war die Insolvenz der Weltmarke Rosenthal in Selb 2009. »Das hat uns psychologisch ganz weit zurückgeworfen«, klagt Landrat Döhler. Immerhin macht eine Nachfolge-GmbH mit einem Bruchteil der alten Rosenthal-Belegschaft weiter. Der Landkreis Wunsiedel hat jedenfalls seit 1989 jeden vierten Arbeitsplatz verloren.
Das Gefälle bei Löhnen, Steuern und Fördermitteln: Durch die Auflösung des Ostblocks brachen für Oberfranken in wirtschaftlicher Hinsicht durchaus harte Zeiten an. Nach Jahrzehnten wohliger Grenzlandförderung musste die Region nun in Konkurrenz mit den neuen Bundesländern Thüringen und Sachsen sowie mit Tschechien treten. Die Nachbarn waren nun nicht nur neue Wettbewerber auf den Märkten. Sie bekamen auch noch viel lukrativere finanzielle Unterstützung des Staates und der EU, zum Beispiel bei Investitionen in Industrieanlagen - und sie konnten mit viel niedrigeren Löhnen und Steuersätzen locken.
Von einer Frustration in die nächste
Vom Strukturwandel gebeutelte Kommunen in Oberfranken wurden beim Buhlen um neue Firmen und Arbeitsplätze von einer Frustration in die nächste gestürzt. »Letztlich stechen die Stückkosten, sticht der kalkulatorische Preis«, sagt Bürgermeister Thomas Schwarz (SPD) aus Kirchenlamitz.
Mit den Arbeitsplätzen gehen die Menschen - mit der Folge, dass nicht wenige Unternehmen, die sich zum Bleiben entschlossen haben, nicht mehr genügend qualifizierte Mitarbeiter finden - ein fatales Wachstumshemmnis. Hightech-Firmen sind oft mit dem Latein am Ende, wie sie Top-Manager oder Ingenieure nach Hochfranken locken sollen. Der Nachwuchsmangel trifft das produzierende Gewerbe, die Alten- und Krankenpflege hart. Pfarrer und Ärzte gehen in Ruhestand. Häufig ist kein Nachfolger in Sicht.
Ein Horrorszenario reiht sich an das andere. Auf den Immobilienmärkten gehen Nachfrage und Preise in den Keller. Viele Häuser zwischen Naila und Marktredwitz sind praktisch unverkäuflich. Zeitweise standen in der Hofer Innenstadt 3000 Wohnungen leer. Die Wirtschaftsgeografie-Professorin Anke Matuschewski spricht von einer beängstigenden »Erosion des sozialen Lebens«: Viele Einzelhändler haben für immer zugesperrt; in Gastwirtschaften versiegen die Zapfhähne; Gemeindeverwaltungen brechen die Steuereinnahmen weg; Schulen gehen die Kinder aus. »Aber das muss nicht zwangsläufig eine Spirale nach unten sein«, gibt die Wissenschaftlerin Hoffnung.
Wolf-Dietrich Nahr |