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NÜRNBERG - Von wegen schöner Lebensabend: Für manche Menschen bedeutet das Alter vor allem Verzicht, denn ihre Rente ist so schmal, dass sie damit kaum über die Runden kommen. Ein Beispiel aus Nürnberg.
Dunkel ist‘s in der hübschen Zweizimmerwohnung, das Licht brennt nur dort, wo es nötig ist. An kalten Tagen läuft die Heizung allenfalls im Wohnzimmer auf Hochtouren, der Kühlschrank bleibt aus, weil die wenigen Vorräte auch in der Speisekammer und auf dem Fensterbrett frisch bleiben. Und zum Schutz vor der Zugluft liegen dicke Decken auf den Fensterbänken.
Lauter kleine Tricks, mit denen Rosemarie Gebhardt ihre festen Kosten ein wenig senken kann. Genauer gesagt: senken muss. Denn die Rente, von der die 83-Jährige leben muss, ist derart schmal, dass sie damit nur mit Mühe über die Runden kommt. »Selbst wenn man noch so spart, es langt nicht«, sagt die Nürnbergerin. »Das geht einfach nicht auf.« In dem langen Winter könnten die Heizkosten explodiert sein, fürchtet sie – und macht gleichzeitig Scherze über ihre Lage. »Wenn die Abrechnung kommt, dann gehe ich durch.«
Prospekte sind Pflichtlektüre
Gerade mal 239,29 Euro Rente hat sich Gebhardt in einem langen Arbeitsleben in der Fabrik, als Putzfrau, beim Autowaschen (»dafür gab‘s am meisten«) und als Hausfrau und Mutter verdient. Hinzu kommen die Witwenrente in Höhe von 360,87 Euro und ein Mietkostenzuschuss von 94 Euro. Zusammen sind das knapp 700 Euro, von denen regelmäßig mehr als die Hälfte, nämlich 385 Euro, für Miete, Heizung, Wasser und Strom abgehen. Weitere 60 Euro fließen in Versicherungen und Kosten fürs Telefon. Übrig bleiben rund 250 Euro im Monat.
250 Euro, die für Lebensmittel, Kleidung und alles Übrige reichen müssen. Wobei: Mehr als die Grundbedürfnisse lassen sich damit nicht erfüllen. Zur Pflichtlektüre für Marianne Gebhardt gehören die Prospekte der Discounter, die kostenlos im Briefkasten landen. Sieben Brötchen für 59 Cent, 100 Gramm Fleischwurst für 55 Cent, ein Eisbergsalat für 88 Cent – Gebhardt plant ihre Einkaufstour nach den Sonderangeboten der Supermärkte und steuert mit ihrem Gehwägelchen die jeweiligen Filialen an.
»Die Beine sind gesund, und das ist die Hauptsache«
Bis vor kurzem war sie noch mit dem Fahrrad quer durch die Südstadt unterwegs, »da war ich schnell«. Doch nach einem Beinahe-Sturz geht sie lieber zu Fuß. »Die Beine sind gesund, und das ist die Hauptsache.« Ein Päckchen Grießnockerlsuppe streckt sie auf zwei bis drei Tage, die Wienerle dazu sind für sie Luxus.
Tagebücher erzählen von einem Alltag, der von Verzicht geprägt ist. »Brötchen, Milch und eine Scheibe Seelachs gekauft, das war teuer«, hat Gebhardt vor einigen Wochen notiert. Und wenig später: »Regen, finster und starker Wind, Ofen Stufe fünf.« Im langen Winter stand gelegentlich noch etwas im Buch. »Allein, allein, immer allein.«
Neuigkeiten und Witze ausgetauscht
Jetzt im Frühjahr gilt das nicht mehr, da trifft sich Gebhardt, die schon seit 40 Jahren im Viertel lebt, gerne mit Nachbarn zum Plausch am Aufseßplatz. »Wir alten Leute, wir gehen aufeinander zu.« Dann werden Neuigkeiten ausgetauscht und Witze erzählt. Denn auch wenn sie sich so stark einschränken muss: Den Spaß am Leben hat Marianne Gebhardt nicht verloren. Sie sei mit allem zufrieden, sagt sie, verbittert wirkt sie nicht. Wenn man sie fragt, worauf sie verzichten muss, was sie vermisst, dann fallen ihr nur wenige Beispiele ein. Bei schönem Wetter mal in den Tiergarten zu gehen, das wär’ vielleicht was.
Ansonsten gibt es eigentlich nur zwei Dinge, die sie wirklich ärgern: dass ihre Witwenrente so niedrig ist, weil ihr Mann eine Zeit lang, ohne es zu wissen, von seinem Arbeitgeber nicht richtig versichert worden ist. Und dass sie, wenn sie eine Aufstockung ihrer Rente in Höhe der Grundsicherung beantragen würde, ihre Sterbegeldversicherung teilweise auflösen müsste. Nur 3000 Euro dürfen Menschen, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen, nach Angaben der Stadt für die sogenannte Bestattungsvorsorge behalten, hinzu kommt ein geschütztes Vermögen in Höhe von 2600 Euro. Alles Übrige muss verbraucht sein, bevor Staat und Kommune zahlen.
Niemandem zur Last fallen
Das, so sagt Gebhardt, möchte sie auf keinen Fall. Sie wolle es ihrem Sohn nicht zumuten, sich an den Kosten für Begräbnis und Wohnungsauflösung zu beteiligen. Bloß niemandem zur Last fallen, auch nicht nach dem eigenen Tod. Außerdem würde sie bei einer vorzeitigen Auflösung einen Teil des bereits eingezahlten Geldes verlieren.
Also rechnet sie lieber weiter, teilt ein, hofft, dass es bis zum Monatsende reicht, irgendwie. Manchmal könnte sie sich nicht mal einen Strick kaufen, sagt sie – und verrät damit, wie groß die Verzweiflung bisweilen sein muss. Doch lange hält sie sich mit solchen düsteren Gedanken nicht auf. Auch das Beten gebe ihr Kraft, sagt Marianne Gebhardt und schnappt sich ihr Gehwägelchen, um nach draußen zu gehen. Auch das gibt Halt.
Silke Roennefahrt |