Einmal nur wird der alte Jude, ein Handlungsreisender, im Roman erwähnt. Wie er vor sich hinbrabbelt, die Zeiten verflucht und die Dummheit der Leute. Sie machen keine Geschäfte mehr mit ihm. Die einen weil sie fortgehen, aus ihrer Heimat flüchten. Die anderen, die schon Flüchtlinge sind, weil sie nicht bleiben. Die Leute wollen nicht begreifen, dass kein Ort besser als der andere ist.
Der Roman spielt um 1919, als die Roten und die Weißen und auch die Grünen – Guerillabanden, die in den Wäldern hausten – marodierend durch Russland zogen. Das Freiwild, die Gehetzten, waren die Juden. Ein Pogrom folgte dem anderen.
Eindringlich schildert Michel Matveev in seinem Roman »Die Gehetzten« die bleierne Stille, die über den Wohnvierteln der Juden liegt. Die Furcht lässt die Menschen verstummen. Ohne Geschrei werden sie ausgeplündert, aus den Häusern vertrieben. Lautlos zu Tode geprügelt, aufgeknüpft, vergewaltigt. Der jüngste Bruder des Ich-Erzählers verblutet mitten auf der Straße, auch seinen Vater verliert er durch ein Pogrom.
Wie im Film spulen sich die Szenen ab. Die Täter sind abmarschiert. Die Überlebenden verharren, gelähmt noch von der Todesangst, in ihren Verstecken. Der Ich-Erzähler wagt sich auf die gähnend leere Straße. Nur ein junger Mann schleicht sich auf der anderen Seite dicht an den Häuserwänden entlang. Plötzlich stürzen sich, wie aus dem Nichts, zwei Uniformierte auf ihn, verdrehen seine Arme. Der Ich-Erzähler sieht den weit aufgerissenen Mund des Überfallenen. Ein Schrei dringt nicht zu ihm.
Michel Matveev, 1892 als Sohn russischer Schiffsleute geboren, entkam selbst nur knapp den Pogromen der zaristischen Armee. Sein Vater und sein Bruder wurden 1919 während eines solchen erschlagen. Matveev studierte Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie von Odessa. Während der Revolution war er Kunstinspektor der Kindergärten und Arbeiterclubs in Moskau und Petersburg. 1923 verschlug es ihn nach Paris. Dort starb er 1969.
Durch seine Tierskulpturen wurde er bekannter als durch sein Schreiben. »Die Gehetzten« erschien 1933 in Frankreich. Dieser Band ist die erste deutsche Ausgabe. Michel Matveev gibt den Helden des Romans keine Namen, sie bleiben anonym, einem unkontrollierbaren, tödlichen Mechanismus ausgeliefert.
Der Ich-Erzähler und sein Bruder, beide Volkssänger, ihre Mutter, ihre Frauen und ein Kind wollen über Rumänien Palästina erreichen. Die Flucht nach Rumänien, einem Land, in dem man stolz ist, ein Spitzel zu sein, gelingt. Sie werden zum Spielball einer korrupten Bürokratie. In Städten, deren politische Verwaltungen alle Augenblicke wechseln und die jedes Mal von den Bürgern neue Papiere verlangen, ist ein gültiger Pass kaum zu bekommen. Eine Zeit qualvollen Wartens beginnt.
»Die Gesetzlosen« ist ein Roman über die Unmenschlichkeit des Menschen, ein Klagelied der Namenlosen. In einem Kapitel schildert Matveev das Bad in einem Badehaus. Ein Luxus, ein Labsal für die verlausten, ausgemergelten Flüchtlinge. »Hier ist man frei, nicht schön, nicht hässlich, man ist ein Bestandteil, man kann nichts unterscheiden, nichts abmessen, man ist frei sich zu bewegen... Man hört seine eigene Stimme nicht mehr, man weiß nicht, ob man schon hinüber ist. Wenn jemand sein Blut verliert, wenn er vor Ekstase, vor süßem und endlosem Schmerz schreit, wenn er langsam stirbt, wird man nicht wissen, wer dieser »er« ist, ich oder ein anderer«.
Geschrieben hat Matveev »Die Gehetzten« ohne das Wissen vom Holocaust. Lesen muss man es mit diesem Wissen.
Inge Obermayer
Michel Matveev: Die Gehetzten. Weidle Verlag, 230 Seiten, 23 Euro. |