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NÜRNBERG - Was denkt ein Metzger über die Seelenlage von Schweinen? Was hält ein Schulleiter von Grenzen? Jeden Samstag steht im Lokalteil ein Nürnberger Rede und Antwort zu einem Thema, das man nicht gleich mit ihm verbindet. Heute im Gespräch: Bestatter Olaf Stier über Schönheit.
Herr Stier, Sie haben sich ja nicht gerade einen schönen Beruf ausgesucht.
Olaf Stier: Bestatter ist bei uns Familientradition. Ich konnte mir auch andere Berufe vorstellen, habe aber nebenbei immer im Familienunternehmen mitgeholfen und gemerkt, das macht mir Spaß.
Bestattungen und Spaß? Das müssen Sie mir erklären.
Stier: Mein Beruf ist abwechslungsreich. Ich habe viel mit Menschen zu tun, auch wenn dieser Satz sicher für den einen oder anderen Schmunzler sorgt, weil die meisten im Zusammenhang mit dem Bestatter erst einmal den Verstorbenen sehen. Aber ich habe ja auch mit Angehörigen zu tun, mit Pfarrern, Rednern, Musikern, mit Ämtern, Floristen, Steinmetzen. Dadurch ist es ein sehr lebendiger Beruf.
Der Anlass ist trotzdem traurig.
Stier: Ja, ich sehe es als Herausforderung, die Menschen in der Zeit zwischen Tod und Bestattung so zu begleiten und den Abschied so zu gestalten, dass sie im Nachhinein sagen können: Das war eine schöne Abschiedsfeier, auch wenn es sehr traurig war.
»Eine schöne Leich’!« Ist das das größte Kompliment für Sie?
Stier: Die Angehörigen tun sich schwer, das so zu formulieren, weil es so widersprüchlich klingt. Meistens sagen sie: Das hat gutgetan. Oder: Es war schön, ihn noch einmal zu sehen.
Raten Sie Angehörigen, sich den Verstorbenen noch mal anzuschauen?
Stier: Ja, ich hatte ein prägendes Erlebnis, als wir unseren ersten eigenen Aufbahrungsraum hatten. Ich habe Kerzen angezündet, mich hingesetzt und die Verstorbene einfach nur angeschaut. Die Tote hat so eine Ruhe und einen so großen Frieden ausgestrahlt, dass mein Puls ganz ruhig wurde. Das war ein schönes Gefühl. Ich wünsche den Angehörigen, dass sie dieses Gefühl mitnehmen können.
Kann Ihnen der Tod noch etwas anhaben?
Stier: Für mich ist das etwas vollkommen Normales. Der Tod ist so natürlich wie das Geborenwerden. Was sollte mich daran ängstigen?
Gibt es Bestattungen, die Sie berühren? Oder ist da immer der distanzierte Profi am Werk?
Stier: Wenn jemand alt oder lebenssatt stirbt, ist das leichter annehmbar. Bei Kindern oder bei Unfällen ist das schwerer. Das berührt mich auch. Manchmal bekomme ich feuchte Augen, wenn Angehörige erzählen. Das ist in dem Moment so, aber dann kann ich mich auch wieder distanzieren.
Spüren Sie Berührungsängste, wenn Leute ihren Beruf erfahren?
Stier: Ich habe das nie wahrgenommen. Wenn ich mit Freunden auf eine Feier komme oder in einen Kreis von Leuten, die meinen Beruf noch nicht kannten, dann ist da oft erst mal betretenes Schweigen, aber irgendwann kommen dann die Fragen. Es gibt in dem Bereich viel Unsicherheit und Unwissenheit.
Als Laie weiß man ja auch nicht genau, was Sie mit den Verstorbenen eigentlich machen.
Stier: Die Toten werden komplett ausgezogen, von Kopf bis Fuß unter fließendem Wasser gewaschen. Dann ziehen wir sie an, föhnen die Haare und bereiten sie für die Aufbahrung vor.
Haben Sie schon einmal Verletzungen entdeckt, die übersehen wurden und auf einen Mord hindeuteten?
Stier: Mir ist das noch nicht passiert, Kollegen allerdings schon.
Es gibt ein Spezialgebiet, die Thanatologie. Was ist das genau?
Stier: Da wird im Dialyseverfahren das Blut gegen eine Formalinlösung ausgetauscht. Das sind konservierende und kosmetische Maßnahmen. Damit kann man zum Beispiel Totenflecken wieder wegbekommen. Das wird unter anderem bei Katastrophen eingesetzt, damit die Verstorbenen länger nach dem Tod noch identifiziert werden können.
Spielt Schönheit eine Rolle im Tod?
Stier: Ja. Wir haben neulich einer älteren Dame, die zu Hause gestorben ist, die bereitgelegten Kleider für die Aussegnung am Sterbebett angezogen. Später meinte die Familie, dass die Verstorbene wohl doch andere Kleidung gewählt hätte. Für die Aufbahrung im Sarg haben wir dann die Sachen angezogen, die uns die Familie noch mitgegeben hat.
Kennen Sie die US-Serie »Six Feet Under - Gestorben wird immer«, in der es um eine Bestatterfamilie geht?
Stier: Ich habe einige Folgen gesehen. Die waren sehr realistisch. Aber ein deutlicher Unterschied ist, dass die Amerikaner auf Schönheit noch viel mehr Wert legen. Da wird viel mehr geschminkt. Wir versuchen lediglich, den Zustand zu erhalten, wie er unmittelbar nach dem Tod war. Bei den Amerikanern wird der Tote noch mal aufgepeppt. Wenn wir allerdings eine Frau haben, die immer roten Lippenstift getragen hat, dann machen wir die Lippen auch rot.
Was macht Schönheit für Sie aus?
Stier: Schön ist das, was mich berührt. Das muss nicht immer nur glatt und gerade und eben sein. Das können auch Ecken und Kanten sein, die im Gesamten aber stimmig sind.
Sabine Stoll |