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NÜRNBERG - Bereits in der zweiten Klasse werden Grundschüler mit Nachhilfestunden auf den Übertritt an höhere Schulen vorbereitet; in der neunten Klasse des Gymnasiums braucht jeder dritte Schüler Extra-Unterricht, um das große Stoffpensum zu bewältigen. Den Eltern beschert der Nachhilfebedarf Kosten von monatlich 300 Euro und mehr – ein wachsender Markt.
Michael Metzner hat eine 48-Stunden-Woche. Er ist allerdings kein vielbeschäftigter Top-Manager, sondern besucht die elfte Klasse am achtjährigen Gymnasium (G8). Zu den wöchentlich 38 Stunden Schulunterricht kommen dabei noch zehn Freistunden, die der 17-Jährige als »Zwangspausen« an seiner Schule absitzen muss. Vor 15.30 Uhr endet der Unterricht nie, nicht mal freitags.
»Das G8 ist für uns mit ziemlich viel Stress verbunden, weil wir kaum noch Zeit haben, für uns selbst zu lernen«, erzählt Metzner, »ohne Nachhilfe schafft das nur, wer wirklich schon von der fünften Klasse an voll dabei ist.« Seit eineinhalb Jahren paukt der Nürnberger ein- bis zweimal pro Woche Physik in einem Nachhilfeinstitut. Für je 90 Minuten Einzelunterricht werden dabei 25 Euro fällig.
Start nach dem Übertritt
Ein Einzelfall? Mitnichten. Die Landeselternvereinigung der Gymnasien in Bayern hat im Mai die Ergebnisse einer Elternumfrage veröffentlicht. Diese sind erschreckend: Jeder achte Fünftklässler braucht bereits kurz nach dem Übertritt Nachhilfestunden, ein Jahr später, in der 6. Klasse, sind es schon doppelt so viele.
In der 9. Klasse nimmt dann sogar jeder dritte Gymnasiast professionelle Hilfe in Anspruch. Im Vergleich zu 2007 hat der Nachhilfebedarf um fast 13 Prozent zugenommen.
Die meisten Probleme haben die Schüler mit Mathematik, gefolgt von Latein und Englisch.
»Dieses Problem wird von unserem Staat schlichtweg totgeschwiegen«, klagt Thomas Lillig, Vorsitzender der Landeselternvereinigung, »dabei ist der Lehrplan des G8 einfach viel zu überfrachtet, die Inhalte sind so komplex, dass sie ohne zusätzlichen Unterricht gar nicht vermittelt werden können. Die Lehrer müssen die Schüler sich selbst überlassen, die Kinder müssen sich Inhalte allein erarbeiten.«
Damit ihr Nachwuchs das schafft, investieren bayerische Eltern im Schnitt zwischen 50 und 300 Euro monatlich in Nachhilfestunden. Kein Wunder, dass immer neue Lerninstitute und private Anbieter wie Pilze aus dem Boden schießen.
»In den letzten sechs Jahren ist die Nachfrage bei uns massiv gestiegen«, bestätigt Renate Maier, Gebietsleiterin der Schülerhilfe Nordbayern in Schwabach. »Allerdings sollte Nachhilfe immer nur eine Übergangslösung sein und keine Langzeiteinrichtung.« Ins Nachhilfestudio kommen die Schüler durchschnittlich ein knappes Jahr lang zweimal pro Woche, für die Betreuung in Kleingruppen werden monatlich gut 150 Euro fällig.
Verbesserung nicht erwünscht
Allerdings ruft der wachsende Markt auch »schwarze Schafe« auf den Plan, denn um ein Nachhilfestudio aufzumachen, muss man keinerlei Qualifikationen nachweisen - und bei manchen Anbietern scheint eine Verbesserung der Schulnoten sogar unerwünscht zu sein.
»Ich habe mich mal bei einem Institut vorgestellt und wurde gefragt, ob sich die Noten meiner Nachhilfeschüler merklich verbessert haben«, erzählt Larissa K., Lehramtsstudentin im 8. Semester und erfahrene Nachhilfelehrerin. »Als ich gesagt habe, dass viele um zwei Notenstufen besser wurden, reagierten die eher verhalten.« Dass die Kundschaft länger am Ball bleibt, wenn die Noten im Keller bleiben, kann sich die 23-Jährige aber nicht vorstellen: »Bei meinen Lateinschülern machen auch viele weiter, die inzwischen auf einer Zwei oder Drei stehen.«
Frühe Weichenstellung
Und wenn die Qualität des Unterrichts stimmt, dann kommen von ganz allein neue Schüler hinzu. Bis zu zwölfmal pro Woche unterrichtet die Erlangerin Neuntklässler in Latein und Griechisch, 20 Euro verlangt sie dabei für 90 Minuten Unterricht, die Nachfrage steigt.
Als »besonders schlimm« bezeichnet Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV), den starken Anstieg bei Nachhilfeunterricht von Grundschülern. »Dieses Phänomen haben wir seit zehn Jahren, damals wurde die sechsstufige Realschule eingeführt. Die Weichen für die Schullaufbahn werden seitdem schon in der vierten Klasse gestellt«, so Wenzel.
»Die Eltern haben Angst, dass ihr Kind später keine Chance auf eine höhere Bildung mehr bekommt, und man kann ihnen deshalb auch keinen Vorwurf machen.« Der Schnaittacher ist überzeugt: »Unser Schulsystem verlässt sich darauf, dass die Eltern im Zweifelsfall immer bereit sind, für den schulischen Erfolg ihrer Kinder zu bezahlen. Das darf aber nicht sein, sonst bekommen wir in Bayern amerikanische Verhältnisse. Das Recht auf Bildung darf aber nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.«
Rudolf Himpel, Rektor der Grundschule Cadolzburg (Kreis Fürth), hat allerdings seine Zweifel, ob Schüler, die den Sprung auf die höhere Schule nur mit Nachhilfeunterricht schaffen, dort auf Dauer gut aufgehoben sind. »Einige Eltern üben einen überaus großen Druck auf ihre Kinder aus und vergessen dabei, dass sich die Schüler am besten entwickeln, wenn sie ohne Nachhilfe an einer Schule lernen, die ihren Fähigkeiten entspricht.«
Mit Hängen und Würgen
Nach der aktuellen Regelung müssen Grundschüler an Gymnasium und Realschule angenommen werden, wenn sie im dreitägigen Probeunterricht in Deutsch und Mathematik jeweils mit einer Vier benotet werden. Schulleiter Himpel sieht mit Besorgnis, dass selbst Schüler, die in der 4. Klasse in Mathematik auf einer Fünf stehen, dennoch mit Hängen und Würgen den Sprung auf die Realschule schaffen.
Zumindest für den ohnehin schon boomenden Nachhilfe-Markt dürfte das eine gute Nachricht sein.
Verena Pohl |