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Wie eine richtige Familie

 Wie eine richtige Familie
EMETZHEIM – Der Landkreis sucht dringend Pflegefamilien für Kinder in Not. Denn wenn ein Kind in Gefahr
ist, muss das Kreisjugendamt schnell handeln. Die Sozialpädagogen rücken dann aus und holen, zum Teil mit polizeilicher Unterstützung, das gefährdete Kind aus seiner Familie ab. Untergebracht werden die Kinder dann erst einmal bei einer von landkreisweit
zwei Bereitschaftspflegefamilien. Wir haben die Pflegeeltern Ruth und Jürgen Kamm aus Emetzheim besucht, die seit 2002 auch Bereitschaftspflege machen. Eine verantwortungsvolle und nicht immer leichte Aufgabe.

Denn wenn das Jugendamt einschreitet, dann muss es schnell gehen. Oft werden Ruth und Jürgen Kamm ganz kurzfristig informiert, dass ein neues Pflegekind zu ihnen kommt. Manchmal vergehen zwischen dem Anruf des Jugendamtes und der Ankunft des Kindes gerade einmal 30 Minunten. Dann holt Ruth Kamm ein Kinderbett und Kleidung vom Dachboden und richtet in dem großen
Bauernhaus ein Zimmer her.

Seit 1999 nimmt das Ehepaar, das selbst keinen eigenen Nachwuchs hat, Pflegekinder bei sich auf. Nachdem ein Adoptionsantrag beim Jugendamt nach ein paar Jahren Wartezeit keinen Erfolg brachte, entschlossen sich Ruth und Jürgen Kamm, es einmal mit Pflegekinder zu probieren. Auf die Idee brachte sie damals Hildegard Staudinger, die die Pflegeeltern im ganzen Landkreis betreut.

Und die Kamms, die damals die erste Pflegefamilie ohne eigene Kinder im Landkreis war, haben ihren damaligen Mut nicht bereut. Ihre drei ständigen Pflegekinder im Alter von sieben, acht und 13 Jahren sagen alle »Mama» und »Papa» zu ihnen. Kein Wunder, der Älteste ist seit seinem zweiten Lebensjahr in Emetzheim. Und auch Ruth Kamm findet: »Im Alltag macht das keinen Unterschied, ob das Pflegekinder oder eigene Kinder sind.»

Die 46-Jährige hat sich immer Kinder gewünscht und bekennt: »Ein Leben ohne Kinder konnte ich mir nie vorstellen.» Anfangs sei ihr Mann zwar noch skeptisch gewesen, ob Pflegekinder der richtige Weg für sie
seien, aber längst kann sich auch Jürgen Kamm ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Auch wenn er weiß, dass die Kinder jederzeit wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können.

»Man muss sich immer bewusst sein, dass man mit dem Kind nur eine Beziehung auf Zeit eingeht», betont Jugendamtsmitarbeiterin Hildegard Staudinger. Aus diesem Grund dürfe und könne man ein Pflegeverhältnis nicht mit einer Adoption gleichsetzen. Denn im Durchschnitt liegt die Unterbringungsdauer bei etwa drei Jahren. Deshalb rät die Sozialpädagogin Familien, die sich überlegen, ob sie ein Pflegekind aufnehmen, zu folgenden Eigenschaften: »Ein breites Kreuz, stabile Familienverhältnisse, zeitliche Flexibilität und Mut zum Abenteuer.»

Ruth und Jürgen Kamm können Staudinger da bloß beipflichten. Denn vor allem im Umgang mit den leiblichen Eltern kann es immer wieder einmal zu Differenzen über die Erziehung kommen. Schließlich soll am Ende der Pflege im Idealfall die Rückführung des Kindes in die leibliche Familie stehen. »Man muss sich immer bewusst sein, dass die Kinder wieder gehen», weiß Jürgen Kamm. »Deshalb muss man auch psychisch und in seiner Beziehung gefestigt sein.»

Seit 2002 hatten die Kamms alleine 34 Kinder in Bereitschaftspflege. Und zu den meisten hält die Emetzheimer Familie noch regelmäßigen Kontakt. Wie lange sie jene Pflege noch machen wollen, kann keiner so genau sagen. Denn eigentlich wollte Ruth Kamm mit 45 Jahren aufhören. Heute ist sie 46. Und, wie es aussieht, wird sie wohl noch einige Zeit gerne Pflegemutter bleiben, weil die Kinder unter dem Strich für ihr Leben »eine große Bereicherung» sind.
Ihr Mann drückt das etwas anders aus: »Ein gewisser Egoismus spielt da sicher auch mit.» Wie er das meint, erklärt seine Frau: »Es ist einfach schön, wenn manchmal bis zu sieben Kinder mit am Tisch sitzen und alle gemeinsam essen.»

Falls Sie neugierig geworden sind und sich auch überlegen, Pflegekinder bei sich aufzunehmen, können Sie sich beim Jugendamt unter der Telefonnummer 0 91 41 / 90 24 31 an Hildegard Staudinger wenden.


MARKUS STEINER
25.6.2010 17:00 MEZ
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