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Wo Europa nur »Schengen« heißt

18 Millionen Afrikaner drängen nach Norden

 18 Millionen Afrikaner drängen nach Norden
Foto: Hagen Gerullis
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NÜRNBERG – Wenn es nicht gelingt, Afrika an den Weltmarkt anzubinden, wird das Migrationsproblem in Europa weiter wachsen. 18 Millionen junge Männer aus den Ländern des Schwarzen Kontintents drängten ins gelobte Land, das in Afrika nicht Europa heiße, sondern nur »Schengen« – benannt nach dem Ort, wo das Abkommen zur Einschränkung der Reisefreiheit einst verabschiedet wurde. Der Journalist und Cap-Anamur-Grüner Rupert Neudeck erzählte dies, um die Dringlichkeit einer neuen Afrika-Politik des reichen Nordens einzufordern.

Beim NZ–Talk in Zusammenarbeit mit der Jesuitenmission diskutierte Neudeck im Caritas-Pirckheimer-Haus mit dem Leiter der Jesuitenmission, Pater Klaus Väthröder, und der FDP-Bundestagsabgeordneten und Afrika-Expertin Marina Schuster. Aber was heißt hier diskutieren. Die drei Fachleute auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe waren sich einig darüber, dass die bisherige Form der staatlichen Unterstützung alles andere als optimal ist.

Neudeck plädiert in seinem Buch »Die Kraft Afrikas« für einen anderen Blick auf Afrika. »Wir sind nicht die Herren der Welt und wir haben den Menschen nicht zu sagen, wie sie leben sollen.« Somalia zum Beispiel habe einst eine intakte Nomadendemokratie besessen mit einem ausgeklügelten Gleichgewicht der Macht und einem funktionierenden Ehrenkodex. Die Einflussnahme des Westens und die fatalen Waffenlieferungen hätten dieses komplizierte Gefüge zerstört und ein Land quasi von der Landkarte getilgt.

Mehr Geld für Afrika bedeutet für Rupert Neudeck nicht auch mehr Entwicklung. Oft bewirkten Partnerschaften zwischen Regionen und Gemeinden mehr als Millionen aus dem Steueraufkommen, die in dunkle Kanäle fließen. Die Kraft Afrikas sind für Neudeck seine Menschen, die trotz ausbeuterischer Eliten und trotz katastrophaler wirtschaftlicher Verhältnisse ihr Leben meisterten.

Marina Schuster versprach Reformen der schwarz-gelben Regierung. Danach würden die finanzielle und die technische Zusammenarbeit verbessert, Doppelstrukturen abgebaut, Vergabekriterien transparent gemacht und das Personal würde besser überprüft. Klaus Väthröder ist da jedoch eher skeptisch. Seinen Erfahrungen nach werde eher die Entwicklungshilfe erhöht, als an den Strukturen etwas zu ändern. Dann bleibe es aber beim System der Agrarsubventionen, aufgrund der die Länder Afrikas mit billigen Agrarprodukten aus Europa überschwemmt werden, gleichzeitig aber die Bauern des Landes auf ihren Produkten sitzen bleiben.

Einig waren sich die drei Referenten über den Wert kirchlicher Entwicklungshilfe. In dem von Präsident Robert Mugabe ruinierten Simbabwe seien es allein die Kirchen, die Krankenstationen für Arme und deren Versorgung gewährleisteten.

Bei der folgenden Diskussion wurde kritisch angefragt, warum Europa Afrika den Chinesen überlasse. Ein Student merkte an, dass die Missstände seit Jahrzehnten bekannt seien und sich nichts getan habe. Die aus Lesotho stammende Moderatorin für interkulturelle Kommunikation, Tiisetso Matete-Lieb, kritisierte: »Warum sitzt niemand von uns auf dem Podium? Ihr plaudert über uns, und wir dürfen wieder einmal nicht mitreden.«

Raimund Kirch
19.7.2010
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