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Hartz-IV-Karriere darf sich nicht vererben

»Tandem« soll Familien in Nürnberg/Fürth aus der Hilfebedürftigkeit herausführen
 Hartz-IV-Karriere darf sich nicht vererben
Foto: dpa
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NÜRNBERG - Drei Jahre lang wollen die Städte Nürnberg und Fürth vormachen, dass man die eingetretenen Pfade bei der Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit verlassen muss. 800 Familien sollen von dem Modellprojekt »Tandem« profitieren, das von einer engen Verzahnung der Jobcenter mit den Jugendämtern gekennzeichnet ist.

Aus der Sicht von Reiner Prölß ist die Symptomatik eindeutig. Wenn Jugendliche ihre Zukunftsaussichten »hartzen« nennen, sage das im Grunde alles, meint der Nürnberger Sozialreferent. Kinder würden verlottern, obwohl sie in ihren Familien oft die einzigen seien, »die es morgens auf die Reihe kriegen, aufzustehen und in die Schule zu gehen«, vereinfacht Prölß die Lage und nennt Beispiele: Wenn sich Eltern wenig kümmerten, zögen Schüler selbst im Winter in Sandalen los, ohne Frühstück oder Vesper im Rucksack. Die Zahl solch drastischer Familienverhältnisse nehme stark zu, sagt Prölß.

»Gute Absicht, limitierter Erfolg«

Und weil die Arbeitslosigkeit nicht das einzige Problem ist, mit dem arme Familien zu kämpfen haben, ist ihnen mit einer einseitigen Betreuung auch nicht geholfen. »Gute Absicht, limitierter Erfolg«, sagt der Chef der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit (BA), Ralf Holtzwart. Aus diesen Erfahrungen ist er überaus angetan von dem »ganzheitlichen Ansatz«: Je ein Mitarbeiter der Jobcenter und des Jugendamts bilden ein Tandem - daher der Projekttitel.

Sie helfen den Eltern bei der Kinderbetreuung, bieten Erziehungsberatung, Schulung in Haushaltsführung oder berufliche Qualifizierung. Nach einer Orientierungsphase, während die Hürden aus dem Weg geräumt werden, können die Eltern Ein-Euro-Jobs aufnehmen, um den Arbeitsrhythmus zu trainieren. Nach zirka sechs Monaten kann ihnen eine sozialversicherungspflichtige Stelle mit »tarifnaher Bezahlung« angeboten werden, so dass die Eltern aus der ewigen Rolle der Hilfeempfänger herauskommen.

Es gibt Wege aus der Krise

Das Gute für die Kinder: Sie können durch die Berufstätigkeit ihrer Eltern ein positives Bild von der Arbeitswelt erhalten und erfahren, dass es Wege aus der Hilfebedürftigkeit gibt.

Finanziert wird »Tandem« mit insgesamt über 18 Mio. €. Zehn Mio. € davon schöpft der Freistaat aus dem 115-Millionen-Euro-Strukturprogramm für Nürnberg und Fürth, das das Land maßgeblich auf Drängen des mittelfränkischen DGB nach der Quelle-Pleite aufgelegt hatte. 7,5 Mio. € bringt die Bundesagentur für Arbeit auf, den Rest die Kommunen. Von den entlassenen Quelle-Mitarbeitern sind derzeit noch rund 800 auf Jobsuche. Zwei Drittel der Erwerbslosen in der Stadt Nürnberg insgesamt sind Langzeitarbeitslose.

Leuchtturm der Region

Bayerns Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) sagte bei der Vorstellung des Projekts in Nürnberg: »Wir dürfen nicht zulassen, dass Hartz IV ein Lebensstil und in die nächste Generation vererbt wird.« Die Mitarbeiter der Jobcenter sollen »vernetzter an die Familien herantreten«. Die Teilnahme an dem Programm zur Integration in den Arbeitsmarkt ist freiwillig.

Nürnbergs DGB-Chef Stephan Doll lobte das Modell als »Leuchtturm für Langzeitarbeitslose« und kritisierte zugleich, dass ein Großteil der übrigen 105 Mio. € Strukturhilfen für ehrgeizige Hightech-Vorhaben, nicht aber für die »abgehängten« Menschen der Region ausgegeben würden. Deshalb bleibe die »Forderung nach einer substanziellen Aufstockung der Mittel für den Sozialbereich« auf der Agenda. Doll: »Zehn Millionen vom Freistaat reichen für die Probleme nicht.« Gestartet ist das Projekt dieser Tage vergleichsweise bescheiden: In Fürth sind 25 Teilnehmer angetreten, in Nürnberg zwölf.

ag
29.7.2010
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