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»Parsifal« als Triumph von Geist und Fantasie

Neue Fördergesellschaft sorgt in Bayreuth für Irritationen -
 »Parsifal« als Triumph von Geist und Fantasie
Foto: dpa
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BAYREUTH - Etliche Neubesetzungen sorgen für Gesprächsstoff, aber auch welchen Einfluss die neue Fördergesellschaft »taff«, das Team aktiver Festspielförderer, auf das Geschehen am Grünen Hügel hat, wird am Rande der Bayreuther Festspiele heftig diskutiert. »taff« wirbt mit einer größeren Nähe zur Festspielleitung, hat mit Christian Thielemann ein sehr prominentes Mitglied in seinen Reihen und verspricht, nicht nur ein Forum für den Geldadel zu sein - eine Breitseite gegen die traditionsreiche »Gesellschaft der Freunde Bayreuths«.

»Freunde kann man nie genug haben«, bestreitet Festspielleiterin Katharina Wagner derzeit sibyllinisch die atmosphärischen Störungen zwischen ihr und jener 60 Jahre alten Mäzenatengesellschaft, die zu einem Teil eben auch ihre Arbeitgeberin ist. Die Gesellschaft, die in der Vergangenheit Millionen in Sanierung, Restaurierung und den Ausbau der Infrastruktur auf dem Festspielhügel investierte, fühlt sich düpiert, weil es in den beiden Jahren, in denen die Halbschwestern Wagner die Festspiele nun leiten, keine der Damen geschafft hat, auf der Mitgliederversammlung zu erscheinen (wir berichteten). Für Wolfgang Wagner war das ein Pflichttermin, dem er sich selbst gesundheitlich angeschlagen stets unterzog.

Mehr als atmosphärische Störungen haben Licht- und Schwarzalben und vor allem deren Clan-Chefs Wotan und Alberich miteinander auszufechten: Letzte Runde für Tankred Dorsts Einrichtung vom »Ring des Nibelungen«, bevor 2013 zum 200. Geburtstag Richard Wagners eine neue Tetralogie das Bühnenlicht im Festspielhaus erblicken soll.

Vierer- oder Solo-Lösung?

Die Auswahl an Regisseuren, die für diese in einer einzigen Spielzeit zu stemmende Mammutaufgabe in Frage kommen, ist rar gesät, zumal überall in Deutschland neue »Ring«-Projekte laufen. Die Spekulationen darüber schießen ins Kraut: Wagen Eva und Katharina Wagner tatsächlich die Stuttgarter Vierer-Lösung oder besteht Christian Thielemann auf einer Handschrift? Wer die Bayreuther Produktionsbedingungen kennt, dürfte von einer Solo-Lösung ausgehen. Mein Favorit ist Stefan Herheim.

Der Norweger liefert mit dem »Parsifal« die derzeit geistreichste, fantasievollste und theatralischste Inszenierung auf dem Hügel. Wie er es schafft, drei Ebenen (die mythologische Handlung, die Festspiel-Geschichte vor dem Hintergrund der deutschen Entwicklung vom Kaiserreich bis zur unmittelbaren Nachkriegszeit und einen religionskritischen Ansatz) in eine Konzeption zu gießen, ist ungemein virtuos und spannend zugleich. Mit der Amerikanerin Susan Maclean stellt sich eine neue Kundry vor, die die zwei Seelen in ihrer Brust – hier die dämonische Gehilfin Klingsors, dort die Anhängerin des bei Herheim am Ende jesusartigen Parsifal – mit großem Furor auflädt.

Selten hat man auch einen »Parsifal« erlebt, in der die unendlichen Gurnemanz-Monologe, die von Kwangchul Youn facettenreich aufgeschlüsselt werden, so kurzweilig präsentiert werden: Im 1. Akt kommentiert der Regisseur die Passagen derart reichhaltig, dass Erstseher ob der Überfülle an Eindrücken oft verzweifeln.

Stringenz und Gedankentiefe

Im Gegensatz zu Christoph Schlingensiefs Deutung zuvor, überzeugt Herheim aber durch Stringenz und Gedankentiefe. Seine Bilder regen an, sind im positiven Sinn doppeldeutig und beziehungsreich. Allerdings neigt Dirigent Daniele Gatti, der immer wieder genannt wird, wenn es um die Münchner Nagano-Nachfolge geht, dazu, die Tempi allzu zelebral auszudehnen.

Was leider auf den aktuellen Bayreuther »Ring« in keiner Weise zutrifft. Je mehr sich das Ehepaar Ursula Ehler und Tankred Dorst auf die reine Bebilderung der Handlung zurückzieht, umso mehr drängt sich die Frage auf, welche Aussage dahinterstecken soll. Heutige Menschen flanieren durch die Szenen und nehmen keine Notiz von den Händeln zwischen Göttern, Riesen und Zwergen. Spielt sich also das Weltuntergangs-Drama vor unserer Nase ab und wir merken es einfach nicht?

Schwergewichtiger Siegmund

Gemerkt hat die Festspiel-Gemeinde, dass sich mit dem Südafrikaner Johan Botha ein schwergewichtiger Vertreter des Siegmunds angenommen hat. So wenig sich der Drei-Zentner-Mann auch bewegt und damit den ersten »Walküre«-Akt fast zur konzertanten Veranstaltung degradiert, so sehr überzeugt er doch durch seine Stimmkultur. Nach ihren Einsätzen als 3. Norn, Gutrune und Freia hat sich Edith Haller nun zur Sieglinde hochgesungen, bleibt den Ansprüchen dieser Partie (gerade auch in der Höhe) jedoch einiges schuldig. Eine sichere Bank sind wie immer Mihoko Fujimora (Erda, Fricka), Linda Watson (Brünnhilde), Kwangchul Youn (Fasolt, Hunding) und Wolfgang Schmidt (Mime), aber auch sie zeigen Schwächen in der Wortverständlichkeit. Hierin hat allerdings Albert Dohmen sein größtes Manko. Zudem bleibt sein Wotan seltsam leidenschaftslos und schemenhaft.

Weniger kantig und akzentuiert geht auch Christian Thielemann ans Werk. Er bleibt der führende deutsche Wagner-Interpret am Pult, wird von den Festspielgästen frenetisch gefeiert, aber seine deutlich entschleunigte Anlage lässt den Ehler/Dorst-»Ring« noch langatmiger erscheinen, als er ohnehin schon ist.

Information: BR-Klassik überträgt »Die Walküre« am 3. August, »Parsifal« am 7. August, jeweils ab 18.05 Uhr.

Jens Voskamp
31.7.2010
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