BERLIN - Hunderttausende Versicherte haben den ersten Krankenkassen mit Zusatzbeiträgen den Rücken gekehrt.
Nach Informationen aus Branchenkreisen gab es im ersten Halbjahr eine deutliche Kündigungswelle bei den ersten 16 betroffenen gesetzlichen Kassen. Die DAK verließen bis 1. Juli rund 241 000 Mitglieder, wie ein DAK-Sprecher bestätigte. Inklusive beitragsfrei Mitversicherten gibt es sogar 307 000 weniger Menschen mit dem orangefarbenen DAK-Kärtchen.
Die KKH-Allianz verlor 147 000 Versicherte, davon 116 000 Mitglieder. Erstmals hätten auch viele Rentner und Hartz IV-Empfänger gewechselt, sagte eine Sprecherin. Früher zogen fast nur jüngere Gutverdiener zu Kassen mit niedrigeren Beitragssätzen.
Die BKK Gesundheit musste einen Aderlass von 20 Prozent ihrer Mitglieder hinnehmen. »Wir können das eindeutig auf den Zusatzbeitrag zurückführen«, sagte eine Sprecherin. Marktführer Barmer GEK verzeichnete dagegen ein Plus von 69 000 Versicherten, die Techniker Krankenkasse sogar von 238 000. Knapp 511 000 Versicherte gewannen die 14 AOKen seit Januar dazu. Diese Kassen brauchen keine Zusatzbeiträge.
Die KKH-Allianz äußerte sich optimistisch, 2011 wieder ohne Aufschlag auszukommen. »Die angesprungene Konjunktur führt im kommenden Jahr auch zu einer Entspannung in der gesetzlichen Krankenversicherung«, sagte Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU). Außerdem sollen die Beiträge dann von 14,9 auf 15,5 Prozent steigen.
Vermehrt Zusatzbeiträge und Sozialausgleich dürften aber ab 2012 die Kassenlandschaft weiter durcheinanderwirbeln. »Die Unterschiede bei der Liquidität der einzelnen Kassen sind groß«, sagte der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Wer mehr zahlen muss, dürfte dahin wechseln, wo es weniger kostet. Viele Kassen dürften unter Druck geraten. Wasem meinte, absehbar werde die Zahl der Kassen von derzeit 163 auf 100 sinken.
Mit Spannung erwarten Kassen und Koalitionsfraktionen den Gesetzesentwurf von Minister Philipp Rösler (FDP) nach dem Sommer. Die bisher auf maximal ein Prozent des Einkommens begrenzten Zusatzbeiträge sollen künftig unbegrenzt steigen können. Ein Ausgleich aus Steuern soll aber verhindern, dass Versicherte mehr als zwei Prozent ihres Einkommens zahlen. dpa
(Kommentar S. 2) |