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SPORT - FORCHHEIM UND UMLAND  

Schach ist wie eine Fremdsprache

Großmeister und Schachprofi Michael Prusikin: Das Kombinieren ist ganz wichtig
 Schach ist wie eine Fremdsprache
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FORCHHEIM — Schachspielen ist wie Reden in einer Fremdsprache, haben die Forscher herausgefunden. Zug für Zug müssen sich die Spieler die wichtigsten Stellungen merken und sie miteinander kombinieren. Bis zu 50 000 und 100 000 Schachkonstellationen können Großmeister in ihrer Großhirnrinde abspeichern. Sprachanalog bedeutet das: Erst Vokabeln büffeln, dann ganze Sätze damit bauen; je mehr abgespeichert ist, desto fließender parlieren wir im Ausland.

Vielleicht spricht Michael Prusikin deshalb flott fein geschliffenes Deutsch, als wären ihm nicht erst Worte wie Borschtsch oder Babuschka auf der noch jungen Zunge gelegen. Mit 18 Jahren zog der Ukrainer mit seiner Familie als Kontingentflüchtling von Charkow nach Nürnberg, seit rund einem Jahr nun ist der für den SC Forchheim startende 27-Jährige von Beruf Profi, Profi-Schachspieler und Großmeister.

Auf der Berufswunschliste deutscher Jugendlicher rangiert Profi-Schachspieler wahrscheinlich nicht unter den Top-Ten und wird dort wohl auch nie auftreten. Michael Prusikins Altersgenossen in der Drei-Millionenstadt Charkow dagegen haben mit keiner Braue gezuckt, als der Teenager verkündete Schach spielen zum Beruf machen zu wollen. „Mit Schach als Hobby warst Du in der Klasse respektiert“, erzählt Prusikin.

Mathe-Klischee stimmt nicht

Viktor Kortschnoi, Garri Kasparow, Anatoli Karpow, die Reihe der berühmten russischen Schachspieler ist enorm lang. Bewundert wurden sie. Und vor allem reisen durften sie. Ein lohnendes Ziel aus Michael Prusikins damaliger Warte. „Aber ich habe nicht geglaubt, dass ich es schaffe.“ Nicht weil er in Mathe und Physik eher durchschnittlich begabt ist — das Klischee vom Zahlen-Überflieger am Brett stimme eh nicht, sagt der schmale junge Mann. Man braucht ein sehr spezielles Talent, um die Figuren erfolgreich zu bewegen. „Schwer zu erklären, Schach-Talent eben.“ Mit zu großen Erwartungen kann man zu tief fallen. Lieber bahnte sich Prusikin auf dem Boden der Tatsachen seinen Weg, Schritt für Schritt.

In der Schachschule hat er fleißig getüftelt und Konstellation für Konstellation gelernt. 50 000 waren es damals noch nicht. Aber es reichte, um die U 12-Stadtmeisterschaften zu gewinnen, bei den ukrainischen Meisterschaften anzutreten und sich als hoffnungsfrohes Talent zu profilieren. Doch als Michael Prusikin 1996 nach Deutschland übersiedelte fehlten ihm nicht nur die deutschen Vokabeln. Er kam in den Westen ohne Elo. Das internationale Wertungssystem, benannt nach seinem Erfinder, dem Ungarn Arpad Elo, filtert durch eine komplizierte Rechnung die Spielstärke des Schachspielers heraus. Bei Amateuren der untersten Klasse zum Beispiel beträgt die durchschnittliche Elo-Zahl zwischen 1200 und 1399. Ohne Elo kein Profi-Dasein. Bei den Internationalen Open in Passau erkämpfte sich Michael Prusikin die erste Kennziffer seiner Leistungsstärke: 2340.

Quasi ein Studium

Es konnte passieren, dass sich Michael Prusikin Ende der 90er Jahre einfach für zwei Wochen in einer günstigen Pension in der Fränkischen Schweiz einmietete. Nur er, ein dicker Packen Bücher und der Laptop mit den unendlichen Schachdatenbanken. Zwischendurch ein wenig Spazierengehen und sonst nur Schach. Überlegen welche Konsequenzen welcher Zug nach sich ziehen könnten, und welche Konsequenz daraus folgt, und die Konsequenz daraus . . . „Das war unheimlich effektiv als Vorbereitung für Turniere.“ Für die nötige Bodenhaftung sorgte eine Ausbildung als Erzieher.

Heute würde es seine Freundin schon gar nicht erlauben, dass er sich für 14 Tage aus dem Staub macht. Ganz zu schweigen von seinen Schülern. Statt quer über den Globus zu reisen und bei internationalen Schachturnieren um hohe Preisgelder zu kämpfen, verdient Prusikin den größten Teil seines Unterhalts als Trainer. Zehn Jahre sind die jüngsten seiner Schützlinge, das bedeutet normalerweise fünfte Klasse, erste Fremdsprache. Eine Eins in Englisch sei ein sicheres Zeichen für eine rosige Schachzukunft, sagen die Forscher. BEKE MAISCH
11.3.2005
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