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Ein linkischer Leisetreter, schüchtern und verklemmt. Er weiß nicht wohin mit seinen Händen, also legt er sie artig an die Hosennaht. Tut mir nichts, ich bin ganz harmlos!, sagt seine demütig gebeugte Haltung.
Die Kunststudentin Evelyn sieht diesen leicht dicklichen Adam und wittert sogleich fette Beute. Der soll ihr persönliches Kunstwerk werden! Sie wird ihn völlig ummodeln, bis er ein Model-Typ ist, der aus jeder Modezeitschrift in Hochglanz grinsen könnte. Sie wird sein Leben total umkrempeln und das Ergebnis als Diplomarbeit, als lebende Skulptur präsentieren. Ihre Kunst ist die visuelle Kommunikation, welche die Welt verändert: Eine Welt, die ganz dem Oberflächenreiz, den schönen Bildern ergeben ist.
Von Evelyns Absichten weiß der Zuschauer zunächst nichts. Er ist ahnungslos wie Adam, der Aushilfs-Museumswärter. Hilflos versucht er die Studentin daran zu hindern, einen wertvollen antiken Torso mit Farbe zu besprühen. Sie lenkt überraschenderweise ein und sprüht statt dessen ihre Telefonnummer auf seine Jacke: Der Beginn einer scheinbar wunderbaren Liebe. Adam kann sein Glück kaum fassen, er macht alles, was Evelyn will, geht ins Fitnessstudio, kauft sich coole Klamotten, ändert die Frisur. Kurzum: er wird ein richtig heißer Typ.
Diese Wandlung in einer halben Stunde auf die Bühne zu bringen, bedeutet zunächst eine Herausforderung an die Kostümbildnerin Cornelia Kraske. Aber die größte Leistung vollbringt Constantin Lücke, der sich mühelos aus dem plumpen, leicht stotternden Klemmi herausschält und sich zum jugendlich strahlenden Frauenschwarm mausert.
Susanne Bormann, die bereits alle Voraussetzungen der hinreißenden blonden Traumfrau mitbringt, forciert ihre Evelyn anfangs noch etwas, überzeugt aber schnell als äußerst selbstbewusste, willensstarke Studentin und Geliebte. Weil das Stück, in dem sie spielt, von Neil LaBute, einem Amerikaner stammt, kennzeichnen die Denglisch-Begriffe smart und tough am besten ihre überlegene Haltung. Man traut Susanne Bormann zu, dass sie diesen Adam neu erschafft. Sogar eine Schönheitsoperation lässt er über sich ergehen, wenn sie ihm verspricht, dass er sie dafür auf der Behindertentoilette haben kann.
Die Neulinge spielen wie Profis
So weit schon einmal gut gespielt, aber jetzt wird die Sache vielschichtiger, denn Adams bester Freund Phil (Marco Steeger) und dessen Verlobte Jenny (Gina Henkel) treten auf den Plan. Wie stellt man unterschwellige Spannung und lastende Stimmung dar? Regisseurin Tina Geißinger, die bei derartigen Aufgaben bereits in der letzten Saison mit Lustgarten in der BlueBox Beachtliches leistete, schafft es hier genauso mit Absolventen der Schauspielschule.
Das heißt: Neulinge sind es eigentlich nur drei. Steeger kennen und schätzen wir schon länger. Der Athlet soll im Maß der Dinge nun seine charakterliche Eignung beweisen, hat die Regisseurin im NZ-Gespräch versprochen. Steeger als Charakterdarsteller? Tatsächlich: in seinem Gesicht geht ein ganzer Gefühls-Wasserfall nieder. Denn Phil versucht herauszufinden, was zwischen Jenny und Adam gelaufen ist. Früher hatte der Klemmi bei ihr keine Chancen, aber seit ihn Evelyn so aufgemotzt hat, ist Jenny nur allzu bereit. Und nicht nur sie. Auch Adam nutzt recht skrupellos seine neuen Zugriffsmöglichkeiten.
Wer ist also am Ende das Monster: Die kühl berechnende Evelyn oder ihr Kunstwerk? Wer ist Frankenstein? Die Inszenierung hält es geschickt in der Schwebe, bis am Ende der moralische Hammer kommt und auch auf die manipulierbare, dem Äußerlichen anhängende (Zuschauer-)Gesellschaft einschlägt. Den Schluss hätte Tina Geißinger etwas leichter gestalten können, aber ansonsten ist ihr, wie auch der begeisterte Premierenbeifall bewies, eine sehr gute Inszenierung gelungen. Und die Schauspieldirektion hat mit dem Engagement der neuen, jungen Ensemblemitglieder offenbar eine glückliche Hand gehabt.
Apropos Einkaufen: Hier noch eine kleine Verbraucherberatung. Das Maß der Dinge ist ab 11. Januar auch wieder in Christian Schidlowskys ebenfalls sehr gelungener Inszenierung in Fürth zu sehen. Welche Aufführung sollte man vorziehen? In Fürth sitzen die Besucher auf einer drehbaren Tribüne, es wird mehr Abwechslung und viel mehr fürs Auge geboten als in Nürnberg. Die spartanischen Kammerspiele können dagegen nur mit schauspielerischer Konzentration und Intensität punkten. Das allerdings tun sie. Hans-Peter Klatt |