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Schillers „Räuber“ im Schauspielhaus

Die mit dem Feuer spielen

 Die mit dem Feuer spielen
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Nachdem die Räuber genug Allotria getrieben, Südfrüchte zermanscht, mit Wasser gespritzt, eine Torte in ein Zuschauergesicht geschmissen und mit dem Feuer gespielt hatten, rief Spiegelberg „Schluss mit dem Kinderfasching!“ und bekam prompt dafür Applaus. Denn das Publikum wollte endlich das Stück sehen, das auf dem Spielplan stand: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Und die lockeren, nicht immer flotten Zwischenszenen entfernten sich immer mehr von der Sache, die hier verhandelt wird.

Der Grundgedanke des Regisseurs Georg Schmiedleitner ist gut, ja geradezu genial: Die Räuberbande — was heißt hier Bande, es sind nur fünf — rückt dem Publikum gefährlich auf die Pelle, die Zuschauer geraten schutzlos mitten unter die Aufsässigen, die mit dem Feuer spielen. Das kann lebensgefährlich werden. Kann — nun ja, die Späße sind mehr harmlos als böse, können auch gar nicht so schrecklich werden, denn wer will schon sein Publikum aus dem Theater jagen.

Damit auch jeder merkt, wie aktuell Schillers Text ist, flicht das Regieteam (Dramaturgie Maren Zimmermann) allerlei Schlagworte hinein. Das berühmte „tintenklecksende Säkulum“ wird zum „Scheiß-Jahrhundert“, die Frage, was einer für sein Land tun kann, wird gestellt, und der Ruf „Du bist Deutschland!“ tut seine Wirkung.

Franz war im Secondhand-Shop

Die Akteure tragen meist Konfektion von heute, nur die Kanaille Franz hat sich offenbar im Secondhand-Shop bedient, und Amalia war wohl in der falschen Boutique (Bühne und Kostüme Florian Parbs). Doch Gegenwart ist offensichtlich auch der Siebenjährige Krieg, in dem Karl nach dem falschen Bericht Hermanns gefallen sein soll.

Das ist eine der glänzendsten Szenen: Hermann (Hartmut Neuber, bei dem wieder jeder Satz, jeder Ton, jede Bewegung sitzt) erzählt, abenteuerlich verkleidet, die erfundene Geschichte auf Französisch, und Franz übersetzt flott wie ein professioneller Simultan-Dolmetscher, während der alte Moor immer mehr ins Nichts zusammensinkt.

Das nach allen Seiten offene Bretter-Tableau, das hier die Welt bedeutet, hat seine Tücken. Gut, das Publikum ist nahe dran, doch damit ergibt sich ein akustisches Problem. Andreas Uhse behilft sich als Franz mit Sprechen in alle Richtungen, Kopf mal links, mal rechts, während sich Karl weniger um Verständlichkeit bemüht; Dirk Nocker hetzt in einem merkwürdigen Staccato-Stil undeutlich durch Schillers Sprache.

Die Schwierigkeiten werden ab und zu mit Hilfe eines Mikrofons überwunden, so bei der Erzählung vom Überfall aufs Cäcilienkloster, und wenn’s mal richtig krachen soll, dann helfen die drei Musiker Gert Kaiser, Stefan Nast-Kolb und Werner Treiber nach, die im Programmheft als „I Masnadieri“ bezeichnet werden, womit der Stücktitel auch ins Italienische übersetzt ist, wir sind ja so polyglott.

Gewiss, die Musiker können auch melancholische Töne anschlagen, und die fehlen in der Inszenierung keineswegs, etwa beim Sonnenuntergang in der „Gegend an der Donau“. Das muss allein mit der Sprache bewältigt werden, und in den glücklichsten Momenten der Aufführung gelingt das auch. Im Gedächtnis aber wird das Theaterbild von dem Räuber-Scharmützel mit „den Feinden“ sein: Hosen runter, Theaterblut über die Körper, andere Hosen an, und setzet ihr nicht das Leben ein, das sind Regie-Gesten, die als theatralische Metaphern durchaus genussfähig sind. Je mehr das Stück fortschreitet, desto weniger erhalten die Räuber Gelegenheit zum Entertainment. Da wird es ernst, da ergeben sich ergreifende, berührende Momente.

Karl, der „wähnete die Welt durch Gräuel zu verschönern“, gerät in Dirk Nockers Darstellung etwas kurzatmig, ohne den großen bramarbasierenden Gestus, einer, der seinen Groll und seine Eitelkeit in sich hineinfrisst. Als Franz spielt Andreas Uhse den Intriganten, er ist es nicht. Alles wohl kalkuliert, kalt dem Text entlang gespielt. Er bezeichnet sich selbst einmal als den „nackten Franz“, und das wird er auch, nicht nur, wenn er beim Versuch, Amalia zu vergewaltigen, jämmerlich versagt.

Frank Damerius ist von Natur aus nicht der „ärgerliche zähe Klumpen Fleisch“, dafür ist er als alter Moor viel zu vital, aber er kann Gebrechlichkeit und Greisentum trefflich spielen — als Pater, der den Räubern die Leviten liest, darf er dann seine Wut austoben. Und das Fräulein Amalia von Edelreich ist so problematisch wie immer, zumal Susanne Bormann (noch) nicht über die Geschmeidigkeit einer solchen Lichtgestalt verfügt.

Spiegelberg stellt unter den Räubern immer einen Sonderfall dar, und Rolf Kindermann nutzt das auch aus. Er macht sich mit der Bande nur gemein, wenn es zu seinem Vorteil ist, ein schlauer Kerl, durchtrieben, ganz der verhinderte Hauptmann. Unter den Räubern ist, wie neuerdings üblich, eine Frau: Nicola Lembach als Razmann, wendig, witzig, agil. An Präsenz stellt Stefan Lorch, der als Roller auch eine Abu-Ghraib-Folter erdulden muss, die anderen in den Schatten, was nicht gegen die Leistungen von Sebastian Hölz (Schweizer) und Constantin Lücke (Schufterle) spricht.

Die zu erwartenden Buhs für Georg Schmiedleitner waren ein Lüftchen gegen den Beifall, der allerdings wieder einmal sehr endenwollend ausfiel.

 Gustav Röder
19.12.2005
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