Vielleicht hat es ja dieses Paukenschlags noch bedurft, um der CSU endlich zu zeigen, wie es derzeit um sie bestellt ist. Dass in der Politik stets mit harten Bandagen gekämpft wird, ist nicht neu. Wenn Bespitzelungsaffären ans Tageslicht kommen, persönliche und familiäre Dinge in die Öffentlichkeit gezogen werden, nichts mehr heilig ist - dann sollten alle Alarmglocken läuten.
Horst Seehofer, derzeit wenig ausgelasteter Bundeslandwirtschaftsminister und aussichtsreicher Kandidat auf einen der begehrtesten politischen Posten in Bayern, ist seit gestern in der Versenkung verschwunden. «Baby mit heimlicher Geliebter» lautete die Schlagzeile auf Seite eins der Bild-Zeitung. Die Republik hatte ihr Tagesgespräch.
Das gehört zur Strategie des deutschen Leitmediums - ja, Leitmediums (soweit ist es gekommen): Themen bestimmen, im Gespräch bleiben, einen alten Hut neu aufbereiten, um ihn wieder auf den Müll zu schmeißen, wenn ein lohnenderes Thema gefunden ist.
Wie war das mit den Bundeswehrsoldaten, die sich - zugegebenermaßen dumm und unbedarft - mit Knochen von einem Gräberfeld (nicht von einem islamischen Friedhof) in Afghanistan fotografieren ließen? Die Bild-Zeitung hat mit Skandalberichten darüber fundamentalistische Übergriffe auf Soldaten förmlich herbeigeschrieben. Die betreffenden Soldaten sind dienstlich bestraft, aber ansonsten juristisch nicht belangt worden. Geblieben sind hingegen ein Haufen zerschlagenen Porzellans und eine diskreditierte Truppe, die einen denkbar schweren Job erledigt.
Fragt sich eigentlich in den betreffenden Redaktionen niemand, was solche Schlagzeilen wie die über Seehofer in den Familien anrichten? Kann sich eine Ehefrau noch auf die Straße wagen, ohne ein mitleidiges Getuschel hinter ihrem Rücken zu spüren? Wer hat ein Interesse daran, Seehofer abzuschießen? Die Zeitung, die scheinheilig die Moral so hoch hängt? Konkurrierende Politiker, die ihr eigenes Süppchen kochen wollen?
In der Bibel heißt es: Wer das Schwert wählt, kommt damit um. Will sagen: Denunziantentum bestraft sich oft selbst, was jüngst schmerzhaft ein Berater aus dem inneren CSU-Zirkel erfahren musste. Übrigens: Die Boulevard-Zeitung, von der hier die Rede ist, hat seit geraumer Zeit eine schwindende Auflage. Aber sie ist immer noch hoch. Das hinterlässt einen bitteren Geschmack: dass nicht Qualitätsjournalismus belohnt wird, sondern das Bedienen von Instinkten unter Ausschaltung des Gehirns. RAIMUND KIRCH |