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Es war im Jahr 1970, als Richard O’Barry die Seiten wechselte. Bis dahin hat er als Trainer der Delfine für die populäre Fernsehserie «Flipper» mächtig dazu beigetragen, dass die Großen Tümmler immer beliebter und für die Tiergärten zunehmend interessant wurden.
Dann jedoch starb eine der Flipper-Darstellerinnen, die Delfinkuh Cathy, in den Armen ihres Ausbilders. Das Tier atmete nicht mehr; O’Barry interpretiert den Tod seines Schützlings als Selbstmord: «Delfine sind sehr intelligente Tiere. Sie entscheiden selbst, ob sie leben wollen oder nicht», sagt der 67-Jährige. Seither ist der in Florida lebende US-Amerikaner konsequenter Gegner von Delfinarien und hat viele in menschlicher Obhut gehaltene Tiere ausgewildert.
Gestern gastierte er mit Dolmetscherin Karen Christenson vom Verein «Die Stadtführer» im Literaturhaus in der Luitpoldstraße und forderte dabei noch einmal ein Ende der Delfinhaltung in Tiergärten. Die geplante Lagune, sagt Flippers Coach, verdiene diesen Namen nicht, denn eine Lagune habe eine Verbindung zum Meer, die Tiere könnten rausschwimmen. Diese Perspektive habe kein in Gefangenschaft gehaltener Delfin. Was in Nürnberg geplant sei, sei ein «Betonloch».
Delfine in Gefangenschaft könnten weder weit genug schwimmen noch tief genug tauchen, sie dürften keine Fische jagen und würden als Arbeitskraft missbraucht, müssten die Tümmler doch wegen ihrer besonderen Intelligenz und Gelehrsamkeit sich in Shows ihre Nahrung verdienen. Den Tiergärten, so O’Barry, gehe es nur um den Profit, nicht um Ethik.
«Delfine sind Opfer, keine Heiler»
Das Argument, dass es Nürnbergs Delfinen so schlecht nicht gehen könne, da der Veteran Moby mit seinen 47 Lenzen die bei 25 Jahren liegende Lebenserwartung der Tümmler in freier Wildbahn weit übertrifft, lässt O’Barry nicht gelten: «Moby überlebt. Aber er lebt nicht», sagt O‘Barry über den Senior, der sich indes im Becken höchst vital zeigt und auch für einen Großteil der Trächtigkeiten im Delfinarium zuständig war.
Da die Tiere selber leiden, so O’Barry, könnten sie auch anderen nicht helfen: Die Delfintherapie, bei der die Tümmler dafür eingesetzt werden, die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen behinderten Kindern und ihren Eltern abzubauen, hält er für ebenso teuer wie ineffektiv: «Delfine sind Opfer, keine Heiler.»
Und die Tiere zu halten, um sie Kindern aus pädagogischen Zwecken zeigen zu können, beurteilt O’Barry als rücksichtslos den betroffenen Kreaturen gegenüber: «Diese Kinder werden nie einen Schneeleoparden sehen. Sollen wir deshalb einen aus dem Himalaya holen? Der Schlüssel des Problems ist, unsere Wünsche zu kontrollieren. Unsere Wünsche verursachen die Gefangennahmen.»
Lorenzo von Fersen, Delfinexperte des Tiergartens, hat hier eine ganz andere Position: «Wir Menschen haben sehr viel in der Natur kaputt gemacht. Wenn wir die Leute für die Belange der Tiere sensibilisieren wollen, müssen wir mehr über sie erfahren. Und das geht nur über den direkten Kontakt. Alles, was wir über Delfine wissen, wissen wir durch Forschungen, die in Delfinarien stattgefunden haben», sagte er der NZ.
Nachdem der Tiergarten zunächst eine Unterredung mit O’Barry wegen dessen umstrittener Auswilderungspraktiken abgelehnt hatte (die NZ berichtete), gab es gestern Nachmittag doch noch ein Gespräch. Bürgermeister Horst Förther hatte neben O’Barry und Simone Alberti vom Verein «Menschen für Tierrechte» auch von Fersen und den Tiergarten-Direktor Dag Encke eingeladen. Die Debatte verlief wenig fruchtbar: «Unsere Positionen sind zu weit auseinander», bilanziert von Fersen. «Unser Problem ist einzig die Aufzucht der Kälber, alles andere funktioniert. Herr O’Barry argumentiert mit Anekdoten und Erlebnissen, aber mit wenig wissenschaftlichen Fakten. Er kann uns nicht weiterhelfen.» Dass Delfinhaltung möglich sei, beweise das Beispiel USA, wo inzwischen 66 Prozent der Tümmler in Delfinarien eigene Nachzuchten sind - 1976, so von Fersen, seien es nur sechs Prozent gewesen. Der Spekulation, der Tiergarten werde bei Misserfolgen in der Zucht doch wieder Wildfänge holen, trat die Zooleitung entgegen: Laut Beschluss des Kulturausschusses von 2002 sind Wildfänge untersagt.
Bei einer - ebenfalls nicht-öffentlichen - Debatte mit Vertretern von CSU, ÖDP, Grünen, Guten und der Linken fand O’Barry am Vormittag mehr Anklang. Mit Ausnahme von CSU-Stadträtin Ulrike Hölldobler-Schäfer, sagte Alberti, seien alle gegen den Bau der Lagune gewesen. «Von den jetzigen Tieren», so Alberti, «könnten drei oder vier abgegeben werden, der Rest darf einen ruhigen Lebensabend im Delfinarium verbringen, das dann ausstirbt.» Der Tiergarten freilich argumentiert, dass die jüngsten der derzeitigen Tiere - Moby zum Maßstab genommen - noch 2046 leben könnten. Für diese lange Zeit bräuchten sie eine sinnvolle Perspektive, die ihnen die Lagune biete.
Marco Puschner |