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Hobbyschneidern in Nürnberg

Wir pfeifen auf die Mode und nähen alles selber

 Wir pfeifen auf die Mode und nähen alles selber
Foto: Joswig
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Hanne Gebhardt schwitzt. Der bunt geblümte Stoff will einfach nicht unter dem Nähfuß ihrer Maschine durch. Mal ist die Oberfadenspannung zu stark, mal klemmt der Unterfaden. Am Nebentisch kämpft Daniela Tischer mit einem Stoffsaum, den sie mit einem Zickzackstich versäubern möchte.

«Gerda, du musst helfen!», jammern beide unisono, als nichts mehr weitergeht. Und die Gerufene kommt sofort. Routiniert spult sie den Unterfaden an der einen Maschine neu auf, reguliert die Oberfadenspannung an der anderen. Schon rattern die Nadeln wieder.

Stepp-, Zier- und Blindstiche

Für Gerda Güßregen sind das nur Kleinigkeiten. Der Kampf mit Stepp-, Zier- und Blindstichen, Schneiderkreide und widerspenstigen Stoffen ist für die 47-Jährige schon vor mehr als zwanzig Jahren zu einer Leidenschaft geworden. Nach diversen Kursen am Bildungszentrum wurden erst die Tochter, dann die Nachbarskinder «benäht». Seit März betreibt die Hobbyschneiderin aus Passion selbst einen Laden, in dem sie nach eigenen Entwürfen oder gekauften Schnittmustern Kinder- und Puppenmode anfertigt und Nähkurse gibt: das «Nähfieber».

Aus gutem Grund. «Mit zwölf Leuten in einer Gruppe, wie im BZ, war mir zu stressig. Da kam man nie zu etwas Diffizilem», moniert sie. Ihre Kurse hält sie deshalb bewusst klein: Ein bis zwei Personen, was in dem winzigen 30er-Jahre-Häuschen im Schatten der mächtigen Bundesagentur auch aus Platzgründen gar nicht anders möglich wäre. Während im vorderen Teil des Ladengeschäfts knallbunt gemusterte Stoffballen und ebenso farbenfrohe, selbstgenähte Kinderkleidung die Passanten neugierig durchs Schaufenster spähen lässt, warten im hinteren Teil auf hellen Kiefernholztischen die Nähmaschinen auf Kursteilnehmer wie Daniela Tischler und Hanne Gebhardt.

Röckchen für die Nichte

Dass sie nur wenige Schritte um die Ecke wohnen, finden beide besonders gut: «Hier kann ich in Ruhe mal an einem Teil dran bleiben, während mein Mann auf unsere Tochter aufpasst», berichtet die Jüngere. «Weil ich mit meiner Nähmaschine daheim nicht zurecht komme, hab‘ ich sie mir hier erklären lassen», sagt die andere. Für Hanne Gebhardt ist wichtig, dass sie nach einem Abendkurs tatsächlich ein fertiges Teil mit nach Hause nehmen kann: ein aus zahlreichen Stoffbahnen genähtes «Redondo»-Wellenröckchen für die Nichte oder den besonderen Clou von Gerda Güßregen: eine flippige Tasche, zusammengenäht aus gereinigten, plastik- und alubeschichteten Kaffeetüten («Für den Kurs könnte ich sogar Nachtschichten einrichten!»).

Keine Frage - das Selbermachen ist wieder schwer im Kommen. Noch ist man hier zu Lande von Verhältnissen wie in den USA und Holland entfernt, wo Interessierte nach dem gleichen Konzept wie in Internet-Cafés für einen bestimmten Stundensatz an Leihmaschinen selbst Hand anlegen können. In Nürnberg kommt man aber diesem Muster mit Läden wie dem «Nähfieber» bereits ziemlich nahe.

Auch «Sabinas Nähstube» in der Nordstadt ist so ein Anwärter darauf. Wer hinter dem Namen eine altmodische Schneiderwerkstatt vermutet, liegt falsch: Ein lichtdurchflutetes Ladenlokal mit hohen Wänden und freundlichem Kieferlaminatböden, durch dessen raumbeherrschendes Schaufenster der Betrachter die üblichen schneiderlichen Deko-Utensilien - Schere, Ahle und antike Nähmaschinen - vergeblich sucht. Inhaberin Sabina Yildirim hat sich vor allem auf Kurse spezialisiert, in denen eigene Schnittmuster erstellt werden. «Viele Frauen bringen mir einen Illustriertenausschnitt mit einem bestimmten Versace-Kleid und fragen, ob ich ihnen zeigen kann, wie man sowas näht», berichtet sie. Wenn ein bestimmtes Modell für den jeweiligen Figurtyp jedoch unvorteilhaft ist, nimmt sie auch kein Blatt vor den Mund: «Ich werde einer 60-Jährigen sicher nicht zu einem Minirock raten, schließlich will ich meine Kundschaft noch länger behalten.»

Hemden sind am schwierigsten

Männliche Klientel wagt sich dagegen meist nur an Herrenhemden. Gerade die sind jedoch besonders schwierig, wegen der vielen Teile wie Kragen, Knopflöcher und Taschen: «Gut zum Üben, aber furchtbar zu machen», klärt die 29-jährige gelernte Bekleidungstechnikerin und Modedesignerin auf. Und weil Näh-Neulinge häufig mit schiefen Nähten zu kämpfen haben, lässt sie diese erst mal meterweise Linien auf kariertem Papier nachnähen. Und zwar ohne Faden.

Auch Sabina Yildirims Kurse sind relativ klein: Fünf Teilnehmer, die an vier bereitgestellten Nähmaschinen Platz haben. «Eine schneidet sowieso immer zu oder macht was anderes», weiß sie. Für den regulären Nähkurs müssen neben Schnitt und Stoffschere auch Stoffe selber mitgebracht werden.

Kunden können sich jedoch vor Kursbeginn telefonisch erkundigen, welcher Stoff für Rock, Hose oder Jacke am besten geeignet ist. Die Anfänger haben am meisten Angst vor dem Zuschneiden, weil das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Anders ist es beim Auftrennen. «Manche trennen mehr auf, als sie nähen», lacht Yildirim, während sie an einer in türkisblauen Satin gehüllten Schneiderpuppe mit Stecknadeln letzte Abnäher fixiert - eine Auftragsarbeit für einen Kunden. «Seide ist besonders gemein, weil sie einem förmlich unter den Händen davonschwimmt», erzählt sie.

Von den Tücken im Umgang mit Stoffen und Garnen weiß auch Tanja Bauer, Juniorchefin eines entsprechend wohl sortierten Fachgeschäfts im Stadtnorden ein Lied zu singen. Oft seien es nur kleine Kniffe, die - wenn sie fehlen - Nähanfänger fast verzweifeln ließen. Ausgesprochene Nähkurse bietet die Schneiderin und Textilbetriebswirtin zwar nicht. Kommen jedoch Näh-Novizen mit schwierigen Werkstücken zu ihr, springt sie schon mal persönlich ein, um den Problemfall noch zu einem guten Ende zu bringen.

Genau wie Gerda Güßregen («Nähen ist etwas für Individualisten und Kreative») und Sabina Yildirim («Die Leute haben einfach keine Lust mehr auf die Mode von der Stange») registriert auch sie neuerdings wieder verstärkt einen Trend zum Selbernähen.

Auch im Internet angebotene Nähkurse - vom Yogakissen mit Dinkelspelzen, Patchworkdecken und Teddybären bis hin zum BH in Übergröße - spiegeln diesen Trend wieder. Kostengünstiger ist die neue Lust am Nähen allerdings nicht, wie Tanja Bauer zu bedenken gibt. «Wenn sie ein T-Shirt selber machen, kostet allein schon der Meter Stoff 20 Euro. Gegen das Billig-Angebot der großen Modeketten rechnet sich das nicht!»

Sabinas Nähstube,

Pirckheimerstraße 133, 5 81 56 27

Internet: www.sabinas-naehstube.de

Montag: Schnittkurs

Mittwoch und Donnerstag:

Nähkurs jeweils 8 mal 2,5 Stunden

Samstag: Nähkurs, 5 mal 5 Stunden

Nähfieber, Boelckestraße 36,

2 75 00 19, www.naehfieber.de

Termine: jeweils Dienstag von 18 bis 20 Uhr, ansonsten individuell nach Absprache, außerhalb der regulären Öffnungszeiten

Stoff Bauer, Kirchenweg 14,

33 78 28, www.stoff-bauer.de

Bildungszentrum, Gewerbe-

museumsplatz, 2 31 / 25 56

www.bildungszentrum.de

Kurse ab 24. September:

jeweils Montag, Dienstag, Mittwoch

und Donnerstag; vormittags,

nachmittags und abends.

12 Termine à 3 Stunden


Kerstin Joswig
3.7.2007
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