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Hans Küng: streitbar, fromm und höchst präsent

Was George W. Bush mit dem Papst verbindet

 Was George W. Bush mit dem Papst verbindet
Foto: dpa
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NZ: Angenommen, die US-Regierung hätte sich eines Besseren besonnen und den Weltethos-Experten Professor Küng zu Rate gezogen, was hätte der in dieser Lage empfohlen? Saddam ist ja doch ein Blutsäufer, oder nicht?

KÜNG: Saddam Hussein ist ein Verbrecher großen Stils, der weg muss, keine Frage. Aber wenn man gegen alle Großverbrecher Kriege führen wollte, dann müsste man noch zwei Dutzend andere anzetteln, nicht zuletzt in Nordkorea. Ich hätte dem Präsidenten gesagt, dass er nun wirklich alles erreicht hat, was erreicht werden kann: Der Diktator hat keine Bewegungsmöglichkeit mehr, er ist keine Bedrohung für die Vereinigten Staaten, aber auch nicht für seine Nachbarn am Golf. Er ist entscheidend geschwächt. Ich hätte ihm das empfohlen, was der Präsident gemacht hat, den ich selber noch im Weißen Haus sprechen durfte, nämlich John F. Kennedy, der angesichts einer realen Bedrohung durch Raketen auf Kuba den Weg gewählt hat, die Bedrohung zu beseitigen, aber andererseits auf Bombardierung und Invasion verzichtet hat. Der Gegner lenkte dennoch ein.

NZ: Ist das jetzt der viel zitierte Zusammenprall der Kulturen; wenn man so will auch der Zusammenprall der Religionen?

KÜNG: Dieser Zusammenprall wird jedenfalls nicht von den Religionen provoziert; im Gegenteil: Die christlichen Kirchen sind sich selten so einig gewesen, vom Papst, dem Patriarchen von Moskau über den Erzbischof von Canterbury bis zum Weltrat der Kirchen. Es ist die Politik der Bush-Administration, welche die Gefahr eines Kampfes der Kulturen heraufbeschwört, weil gerade dieser sich so furchtbar christlich gebende Präsident in der muslimischen Welt den Eindruck erweckt, als ob hier das Christentum gegen den Islam antrete.

NZ: Sie haben die Kirchen erwähnt, aber Sie stehen auch im Kontakt mit den wichtigen Exponenten aller Religionen: Warum gelingt es Muslimen nicht, sich vom Image radikaler Krieger zu befreien?

KÜNG: Es hat genügend Stellungnahmen der ganzen muslimischen Welt gegeben, die sich von Bin Laden und seinen Terrorangriffen auf New York und das Pentagon distanziert haben. Auf der anderen Seite muss man fragen, warum es überhaupt zu solchen Taten des Terrors kommt. Hätte Bush-Senior damals wirklich eine neue Weltordnung heraufgeführt, was er versprochen hatte, hätte er endlich diesen palästinensisch-israelischen Streit beendet, indem er dafür sorgte, dass das furchtbare Besatzungsregime, das immer wieder gegen die Menschlichkeit verstößt, aufgehoben wird. Und hätte er auch für mehr Demokratie in den arabischen Staaten gesorgt, dann wäre es vielleicht auch nicht zu diesen Terrorangriffen gekommen.

NZ: Papst Johannes Paul II. hat im Fall des drohenden Kriegs die Weltmeinung verändert; verhält er sich in theologischen Fragen nicht eher wie Bush: einseitig, schlecht beraten, unnachgiebig?

KÜNG: Leider muss ich dem zustimmen, er hat zwei Gesichter. Nach außen ist er freundlich, tritt ein für Freiheit, Menschenrechte und Frieden, aber nach innen zeigt er ein finsteres Gesicht. Da übt er Inquisition gegen kritische Theologen aus, vertritt nach wie vor die Mindereinschätzung der Frau und eine rigorose Sexualmoral in Sachen Empfängnisverhütung. Er ist der Hauptverhinderer der Ökumene. Man kann nur hoffen, dass im nächsten Pontifikat die Innenpolitik und die Außenpolitik besser übereinstimmen.

NZ: Sie werden 75 Jahre alt, sind vital wie ein 50-Jähriger, dennoch wagen wir zu fragen: Denken Sie an Ihren Tod, und haben Sie eine Jenseitshoffnung?

KÜNG: Ich bin ein überzeugter Christ; rationale Beweise habe ich zwar keine, aber viele gute Gründe anzunehmen, dass mein Leben nicht absurd ist, dass ich nicht in ein Nichts hineinsterbe, sondern in eine letzte Wirklichkeit, in die „Dimension Unendlich“, die eben die Wirklichkeit Gottes selbst ist. Wenn man annehmen kann, dass aus einer Raupe ein Schmetterling hervorgeht, so kann man vielleicht doch auch annehmen, dass aus dieser Raupe Mensch und seinem toten Leib ein ganz anderes Leben in Freiheit und Schönheit möglich sein wird.

Anlässlich des Geburtstags von Hans Küng ist im Verlag Herder das Taschenbuch „Vertrauen, das trägt - Spiritualität für heute“ erschienen, 158 Seiten, 8,90 Euro.

RAIMUND KIRCH
18.3.2003
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