 |
| Bitte Bild anklicken! |
|
Auf großes Interesse der älteren Generation stieß eine Diskussion mit dem Historiker Jörg Friedrich, Hermann Glaser und Ingmar Reither zum Bombenkrieg. Teilweise schlugen im Karl-Bröger-Zentrum die Emotionen hoch.
Jörg Friedrich bei einem Vortrag zuzuhören, ist ein Genuss. In freier Rede doziert der Historiker ohne sich zu verheddern, und konstruiert Sätze, deren Aussagen nicht in kunstvollen Verschachtelungen verloren gehen. Und dennoch wirkt nichts an seiner Rhetorik schlicht, geschweige denn populistisch. Nach jedem Satz setzt Friedrich eine kleine Pause, so gibt er seinen Zuhörern Zeit, seine Aussagen aufzunehmen.
Jörg Friedrich bei einem Vortrag über den Bombenkrieg zuzuhören, ist eine Qual. Denn da entrollt sich vor dem geistigen Auge des Zuhörers nicht nur ein infernalistisches Szenario, gespickt mit grässlichen Details. Es entsteht zudem, in aufreizender Nüchternheit vorgetragen, das Gedankengebäude einer Kriegsführung aus der Luft, die nicht mehr auf die Vernichtung von Industrieanlagen ab-zielt. Denn diese Angriffe sind auf die gezielte Vernichtung von Arbeitskräften, samt deren Anhang, nämlich Zivilisten, gerichtet.
Eine Taktik, die auf die Demoralisierung der Bevölkerung zielte, die auf den Sturz des Machthabers durch die Bevölkerung hinarbeitete. Eine Taktik, die nicht aufging, weder in England, noch in Deutschland. Eine Taktik jedoch, die sich verselbsständigte, und (laut Friedrich) "Feste der Zerstörung um ihrer selbst willen feierte.
Erinnerungen kommen hoch
Wenn Jörg Friedrich spricht, ist es mucksmäuschenstill im Saal. Im Mittelgang steht einsam ein Mikrofon und wartet auf Fragesteller. Ab und zu ist ein Seufzen zu hören. Die Gesichter der Zuhörer, vorwiegend Männer zwischen siebzig und achtzig, spiegeln anfangs hohe Konzentration wider. Im Laufe des Abends schweifen die Blicke in die Ferne, gehen die Gedanken in die Vergangenheit. 1943 waren diese gestandenen Großväter und -mütter Kinder und Jugendliche.
Jörg Friedrich ist nicht der einzige Redner. Ihm zur Seite stehen Ingmar Reither, Mitarbeiter des Vereins Geschichte für Alle" und der ehemalige Kulturreferent Hermann Glaser. Während Friedrich das große Ganze des Bombenkrieges skizziert, stellen Reither und Glaser den Bezug zu Nürnberg her. Reither erzählt von den Fragen amerikanischer Touristen:
Weshalb fiel die Innenstadt in Trümmer, nicht aber das Reichsparteitagsgelände? Vergleiche zum Ground Zero" in New York drängen sich angesichts der Ruinenbilder auf.
Vieles wurde verdrängt
Hermann Glaser berichtet von der Angst im Luftschutzkeller, vom Leben in den Trümmern und von der Verbissenheit des Wiederaufbaues. Er erzählt aber auch vom Stolz auf das Erreichte und von der Verdrängung. Einem älteren Zuhörer wird das zu viel. Hastig wickelt er ein Stück Schokolade aus und kaut zur Beruhigung darauf herum.
Die Podiumsgäste haben den Rahmen gezogen, nun stellen die Zuhörer ihre Fragen. Jetzt kommt Bewegung in den Saal. Eine Frau empört sich am Mikrophon. Bombenwerfer seien Bestien! Nie hätte man angesichts dieser Gräuel daran gedacht, sich zu ergeben. Hermann Glaser gibt dagegen zu bedenken, dass die Identifikation mit Bestien bereits ein paar Jahre vorher eingesetzt habe.
Über viele Jahre aufgestauter Wut wird endlich Platz gemacht. Einer aggressiven Zwischenruferin aus den Sitzreihen wird der Gang ans Mikrofon nahe gelegt. Davon macht sie aber keinen Gebrauch. Manche Zuhörer stellen gezielte Fragen - nach dem taktischen Wert des Bombenkriegs, über den Einsatz der Atombombe, nach der Konferenz von Casablanca und über Goebbel‘s Rede vom Totalen Krieg". Fragen auch zur Bombardierung Englands, Warschaus und Rotterdams. Manch ein anderer will aber gar keine Fragen stellen, sondern einfach nur erzählen wie es damals war.
Immer wieder werden in den Stellungnahmen Anspielungen auf den Irak-Krieg deutlich. Dennoch wird er nie explizit angesprochen. Doch zum Ausdruck kommt das Mitleid mit der Bevölkerung, die Wut auf die Machthaber, aber auch das Misstrauen gegenüber den Eroberern. Parallelen zwischen damals und heute bilden sich in den Köpfen der Menschen.
Wie soll es weitergehen? Ein junger Mann möchte gerne wissen, wie heute in England über den Luftwaffengeneral Arthur Harris und den Bombenkrieg gedacht wird. Ingmar Reither skizziert drei Haltungen: Die eine Fraktion rechtfertige den Bombenkrieg ohne Vorbehalt. Die andere halte ihn zwar für militärisch notwendig, moralisch aber für eine Katastrophe. Und eine dritte Fraktion schließlich leiste aktive Wiedergutmachung.
Jörg Friedrich dagegen sagt es mit der Lakonie des Historikers: Mit Arthur Harris sind die Engländer fertig geworden. Mit Churchill werden sie sich noch lange beschäftigen müssen." Reinhard Kalb |