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GRÄFENBERG - Am vergangenen Freitag in Gräfenberg zeigte sich: Das Landratsamt Forchheim irrt, wenn es glaubt, dass es in der kleinen Stadt möglich ist, zwei Veranstaltungen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, zeitgleich stattfinden zu lassen. Wie berichtet hatte das Bürgerforum Gräfenberg sein Friedensfest gerade angemeldet, als die Neonazis zu einer ihrer monatlichen Kundgebung nahezu zur gleichen Uhrzeit aufriefen. Das Landratsamt genehmigte auch die Nazidemo, Konflikte waren damit vorprogrammiert.
Von 19.15 Uhr bis 19.30 Uhr durfte das Bürgerforum Gräfenberg den Tiszaföldvar-Platz am Bahnhof in Beschlag nehmen, danach stand der Platz, der nach der ungarischen Partnerstadt Gräfenbergs benannt ist, den Neonazis und ihren fremdenfeindlichen Parolen zur Verfügung. So lautete die Anweisung aus dem Landratsamt Forchheim. Währenddessen sollten das Bürgerforum und ihre Anhänger bereits auf ihrem Friedensspaziergang über die Bahnhofstraße und zum Marktplatz sein. Danach wollten die Nazis ebenfalls über die Bahnhofstraße zu ihrem Kundgebungsgelände am Fuß des Michelberges marschieren. Mit dieser kleinen zeitlichen Verzögerung ließe sich die Konfrontation vermeiden, glaubten die Entscheidungsträger im Landratsamt. Doch die Gräfenberger Bürger machten den Nazis einen Strich durch die Rechnung.
Nicht provozieren lassen
Anlass für das Friedensfest war die Verleihung des Würzburger Friedenspreises an das Bürgerforum Gräfenberg vor knapp zwei Wochen. «Der Preis gehört all jenen, die uns im Kampf um Demokratie und gegen die fremdenfeindliche Haltung der Neonazis seit Jahren unterstützen«, so Michael Helmbrecht vom Bürgerforum. Und er rief auf, «dass auch dieses Fest friedlich verlaufen und man sich nicht durch die Entscheidung des Landratsamtes provozieren lassen soll«.
Zwar verließen die rund 150 Bürger den Platz am Bahnhof pünktlich auf die Minute, nachdem zuvor Silvia Hofmann, Dritte Bürgermeisterin von Gräfenberg, die Friedensspaziergänger begrüßt und Schauspieler Werner Müller mit Gedichten von Berthold Brecht und Erich Kästner auf das Fest eingestimmt hatte, doch auf der Bahnhofstraße kam der Zug ins Stocken und schließlich zum Stillstand.
Zuerst die Mitglieder der Antifa, dann aber auch immer mehr Gräfenberger Bürger ließen sich auf der Straße nieder und waren nicht bereit, sie für den Aufmarsch der Neonazis zu räumen. Rasch schwoll der Demonstrationszug vom Marktplatz her an und rund 300 Bürger leisteten Widerstand gegen die Entscheidung des Landratsamtes.
Auch der dreimaligen Aufforderung der Polizei, die Sitzblockade aufzuheben und zum Marktplatz weiter zu gehen, kamen die Friedensspaziergänger nicht nach.
Kurze Tumulte
Zu kurzen Tumulten kam es lediglich, als die Polizei das Megaphon eines Bürgers konfiszierte. Ansonsten harrten die Bürger friedlich eineinhalb Stunden aus, lasen Comics, vertrieben sich die Zeit mit Jojospielen oder bliesen Seifenblasen in die Luft. Sogar die Versorgung vom Marktplatz mit Steakbrötchen und Getränken klappte nach einer Weile.
Christine Stahl, Landtagsabgeordnete der Grünen, und Dekanin Christine Schürmann setzten sich bei der Polizei dafür ein, dass diese ihre Drohung, die Straße notfalls mit Gewalt zu räumen nicht wahr machten und stattdessen die Nazis über den Friedhofsweg umleiteten.
Bürger eingekesselt
Zwischenzeitlich hatte die Polizei den Bürgern den Weg nach oben auf den Marktplatz mit zwei Polizeifahrzeugen blockiert, so dass diese kurzfristig eingekesselt waren. Erst nach erneuter Intervention durch Bürgerforum und Dekanin wurde wenigstens den Kindern der Weg zum Marktplatz und den Toiletten frei gegeben.
Erst als die Nazis ihre Kundgebung fast beendet hatten, durften auch die Anhänger des Bürgerforums auf ihren Marktplatz und das Friedensfest weiter feiern.
«Die hatten das heute eindeutig nicht im Griff«, so der Kommentar von Dekanin Schürmann zum Einsatz der Beamten, die sich darüber ärgerte, dass die Polizei die Nazis über den Kirchplatz lotste, ohne sie als Hausherrin zu fragen. Zumal im evangelischen Gemeindehaus gegenüber der Kirche an diesem Abend eine Kinderübernachtung stattfand.
Manuela Meyer |