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BAMBERG - Nach dem Bekanntwerden von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen ist der Hauptabteilungsleiter pastorales Personal beim Erzbistum Bamberg, Domkapitular Otto Münkemer, von seinem Amt zurückgetreten.
Nach Angaben von Erzbischof Ludwig Schick hatte der Priester gestern seinen Rücktritt von sich aus angeboten. Der Bischof nahm das Gesuch an.
Noch niemals in seiner sechsjährigen Amtszeit auf dem Domberg in Bamberg sah man Schick so niedergeschlagen, so bedrückt, wie gestern, als er sich den Fragen der Medien im Zusammenhang mit den Missbrauchs-Vorwürfen gegen einen seiner engsten Mitarbeiter, den Personalchef und Domkapitular Otto Münkemer stellte. Der Oberhirte sprach von «einer Situation, die mich sehr traurig macht«.
Gravierende Fälle
Während die Bistums-Pressesprecherin Elke Pilkenroth bekanntgab, dass es bisher vier Personen gibt, die bereit sind, über die Vorgänge auszusagen, meldeten sich in unserer Redaktion weitere Betroffene. Sie alle waren zwischen 1976 und 1991 Schüler im erzbischöflichen Knabenseminar Ottonianum und wollen eigenen Angaben zufolge sexuelle Übergriffe des damaligen Präfekten und Direktors Münkemer am eigenen Leib oder bei anderen miterlebt haben. Die Rede ist in den gravierenden Fällen immer wieder von sogenannten «Untersuchungen« oder «Doktorspielen mit dem Trend zum Unterleib«, also von unsittlichen Berührungen.
Die Erzdiözese will jedenfalls mit den Vorwürfen und der Situation «offen und ehrlich umgehen«, wie Erzbischof Ludwig Schick sagt. Allerdings verzichtete das Bistum bislang darauf, die Justiz einzubeziehen. Die Staatsanwaltschaft Bamberg schaltete sich nach dem Bericht in der gestrigen Ausgabe unserer Zeitung von sich aus ein. Leitender Oberstaatsanwalt Joseph Düsel gab bekannt, dass Ermittlungen wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen aufgenommen worden seien. Es werde nun geprüft, ob mögliche Taten nicht bereits verjährt sind.
Konferens von Staatsanwaltschaft und Bistum
Die Verantwortlichen der Erzdiözese indes sind bislang offenbar sicher gewesen, dass die Geschehnisse juristisch gesehen verjährt sind. Generalvikar Georg Kestel begründete nämlich die Zurückhaltung bei der Einschaltung der Justizbehörden so: «Es hat sich abgezeichnet, dass die Fälle nicht strafrechtlich relevant, also verjährt sind.« Das hätten die Juristen in der Arbeitsgruppe für Missbrauchsfälle so beurteilt. Kritiker stellen fest, dass eine solche Einschätzung äußerst ungewöhnlich erscheint, weil damit zu rechnen war, dass sich nach Bekanntwerden der ersten Fälle möglicherweise noch mehr Betroffene melden werden, die völlig neue Fakten aufzeigen könnten. Immerhin, das räumte auch der Generalvikar ein, waren in den 15 Jahren der Tätigkeit von Otto Münkemer im erzbischöflichen Knaben-Internat Hunderte von Buben dort untergebracht.
Gestern Abend jedenfalls stieg eine gemeinsame Konferenz von Staatsanwaltschaft und Bistum. Und vor den Medien rief Erzbischof Schick etwaige weitere Opfer eindringlich dazu auf, sich beim kirchlichen Untersuchungsführer, dem Bamberger Moraltheologen und Psychotherapeuten Dr. Georg Beirer, zu melden. Wir können nur reagieren, wenn wir entsprechende Hinweise erhalten«, so Schick.
Keine Erinnerung
Der Beschuldigte selbst hält sich weiter in einem Kloster auf. Ob er demnächst auch den Titel des Domkapitulars verliert, ist noch offen. Nach eigenem Bekunden kann er sich «an nichts mehr erinnern«, so Bistums-Pressesprecherin Elke Pilkenroth. Sie meinte: «Das mag an seiner Schock-Situation liegen.«
Aus Kreisen der Klageführer kommt indes Kritik an der Erzdiözese. Sie habe entgegen ihren eigenen Angaben schon weit vor dem vorigen Herbst von den Anschuldigungen eines der Betroffenen gewusst, diese aber offenbar nicht ernst genommen. Möglicherweise wäre die Lawine dann schon viel eher ins Rollen gekommen, heißt es.
In den Gemeinden und Dekanaten, in denen Otto Münkemer in seiner Zeit vor der Berufung ins Bamberger Ordinariat arbeitete, also in Höchstadt/Aisch und Schlüsselfeld, aber auch in Ansbach herrscht indes Entsetzen und tiefe Betroffenheit über die Entwicklung der Dinge. Erzbischof Ludwig Schick wandte sich mittlerweile in einem Brief an die Seelsorger dort und in der gesamten Diözese mit der Bitte, «das Geschehen wahrhaftig und sensibel mit den Gemeinden zu besprechen und aufzuarbeiten«. Seine Sorge gelte aber auch dem beschuldigten Priester. Schick bittet darum, «nicht zu vergessen, wie viel Gutes er in seinem priesterlichen Leben bewirkt hat«.
Ulrich Rach |