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Sei doch vernünftig

Philosoph Hans-Joachim Niemann im Porträt
 Sei doch vernünftig
Foto: Harald Hofmann
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«Die Philosophie muss endlich heraus aus ihrem Elfenbeinturm», betont Hans-Joachim Niemann, der mit seiner Frau Dagmar am Ortsrand von Poxdorf wohnt. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Kritischen Rationalismus, entwickelt den Ansatz von Karl Popper und Hans Albert weiter.

POXDORF - Im antiken Griechenland hatten die Philosophen einen viel stärkeren Einfluss auf die Menschen und die Politik als heute. Wenn sich der Marktplatz von Athen langsam füllte, dann mischte sich auch Sokrates unter die Leute, diskutierte mit ihnen, hielt Reden, hörte zu.

«Dabei sind wir alle Philosophen, aber meist schlechte», zitiert Niemann Karl Popper. Er plädiert dafür, all die bewussten und unbewussten Ideen zu prüfen, die unser Leben zu bestimmen. Prüfen bedeutet für ihn auch empirisches Prüfen wie in den Naturwissenschaften: Was sind die Folgen einer Einstellung und einer Handlung? Was funktioniert nicht in der Theorie, sondern in der Praxis am besten - auch innerhalb der Gesellschaft, auch bei den Beziehungen der Staaten untereinander?

Wie die antiken Philosophen sieht er Natur- und Geisteswissenschaften nicht als eigenständige Bereiche, sondern plädiert auch hier für eine stärkere Zusammenarbeit - um über die Erkenntnis das Leben der Menschen schrittweise zu verbessern. Hans-Joachim Niemann studierte ab 1962 in Kiel, München, Marburg und Tübingen denn auch beides : Naturwissenschaften und Philosophie. Promoviert hat er in Chemie, ging 1973 zur KWU in Erlangen.

Die Wende

Hier erforschte er vor allem die Möglichkeiten, über Laser Kernkraftstoff anzureichern: «Zum Glück hat das nicht geklappt, sonst könnte das heute wahrscheinlich jeder in seiner Garage durchführen.» 1984 hörte er bei Siemens auf und stürzte sich in die Schriften besonders von Karl Popper und des Heidelberger Philosophen Hans Albert - nach der naturwissenschaftlichen begann seine philosophische Karriere. Zahlreiche Vorträge und Aufsätze über Kritischen Rationalismus folgten. 1994 gründete Niemann die Gesellschaft für kritische Philosophie und die Zeitschrift «Aufklärung und Kritik» mit. Zudem hielt er Vorlesungen und Seminare an den Universitäten Passau und Bamberg.

Der Poxdorfer hat auch zwei Bücher von Popper, die nur auf Englisch vorgelegen waren, ins Deutsche übersetzt: «Die Quantentheorie und das Schisma der Physik» sowie «Realismus und das Ziel der Wissenschaft». 1993 veröffentlichte er dann sein erstes eigenes Buch: «Strategie der Vernunft - Rationalität in Erkenntnis, Moral und Metaphysik».

Das Manuskript schickte er auch an Popper. Dieser zeigte sich so begeistert, dass er den gebürtigen Kieler in sein Haus einlud, das sich in der Welcome Road von Kenley bei London befand. Popper war bereits 92 Jahre, gesundheitlich angeschlagen, aber geistig hellwach, sauste ständig in seinem Studierzimmer herum, um etwas nachzuschlagen, erzählte wenig von sich, sondern interessierte sich intensiv für Niemanns neue Gedanken.

An die Begrüßung erinnert sich der Poxdorfer, als wäre sie gestern gewesen: «Höflich, wie ich erzogen bin, versuchte ich allerlei Small Talk. Als mir langsam die Floskeln ausgingen, stöpselte Popper sein Hörgerät ein und rief freudig: So, jetzt reden wir etwas Gescheites!»

Eines hasste Popper wie die Pest: Rechthaberei und das Festhalten an Fehlern. Räumte ein Student einen Denkfehler nicht ein, flog er schnell aus der Vorlesung.

Gerade in der Politik wären wir schon viel weiter, wenn Fehler als selbstverständlicher Teil eines Prozesses akzeptiert und einfach korrigiert werden würden, hebt Niemann hervor. Wie sein Vorbild Popper hat er an zwei Dingen enormen Spaß: Unlogisches Denken aufzuspüren und Probleme zu lösen.

Mit dem Licht der Vernunft werden die Absurditäten angestrahlt, zu denen der homo sapiens neigt: Warum soll die Hautfarbe das entscheidende Kriterium sein, ob jemand in einem Kammerorchester mitspielt oder nicht? Stimmt es wirklich, dass ältere Menschen in einem Unternehmen weniger leistungsfähig sind als junge?

Das permanente Hinterfragen der Annahmen im Denken und Handeln gehört zu den zentralen Anliegen des Kritischen Rationalismus. Wichtig ist Niemann, dass die Menschen zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. Das Internet bietet dafür die ideale Plattform.

Der Poxdorfer hat so genannte PS-Wikis entworfen, Regeln zum Lösen von Problemen, wobei sich PS von «problem solving» ableitet. Hier geht es um die systematische Beseitigung von Fehlern, das Abspeichern und ständige Weiterentwickeln des Erreichten, die Konfrontation der Vorschläge mit Alternativen und die laufende experimentelle Erprobung. Stets muss eine mögliche Lösung aus Sicht aller Betroffenen unter die Lupe genommen wird.

Zweierlei Maß

Gerade in der Politik ist Niemann Haltungen auf der Spur, die zwar die Aktionen bestimmen, aber nie so formuliert werden: «Keiner würde sagen, dass das Leben eines Europäers oder Amerikaners mehr wert sei als das eines Bewohners der Dritten Welt. Geht es aber um einen Krieg, dann akzeptieren nicht wenige den Tod von 300 000 Irakern, bei 300 000 Amerikanern gäbe es einen Aufschrei!»

Der Poxdorfer entwickelt aus der Kritik positive Leitideen, zum Beispiel, dass alle Menschen wirklich gleich gezählt werden: «Würden wir dies in die UN-Charta aufnehmen und sich die Staaten daran orientieren, gäbe es statt Krieg viel häufiger andere Konfliktbewältigungen.» Möglichst die Lösung mit dem geringsten Gewalteinsatz zu wählen, wäre eine weitere Leitidee, die sowohl zwischen Staaten als auch Individuen viel verbessern würde, so Niemann.

Im «Lexikon des Kritischen Rationalismus hat der Poxdorfer sehr anschaulich herausgearbeitet, wie mit der Vernunft Probleme wie Überbevölkerung, Globalisierung oder Rassismus angegangen werden könnten. Immerhin hat die Philosophie Poppers so unterschiedliche Politiker wie die Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) oder den FDP-Vordenker Ralf Dahrendorf beeinflusst.

Auch drei Wiki-Books legte Hans-Jochim Niemann an: Studienführer zu Hans Albert und dem provokanten Rechtsphilosophen Norbert Hoerster sowie den Crash-Kurs «Sei doch vernünftig». Bei Wiki-Books können wie bei der Enzyklopädie Wikipedia alle Internetnutzer an einem Buch mitschreiben, es erweitern, aber auch korrigieren.

Zurzeit beschäftigt sich Niemann mit der Beeinflussung der Zukunft durch die Orientierung an Wahrscheinlichkeiten sowie dem Auftreten von glücklichen Zufällen in der Wissenschaftsgeschichte wie bei der Entdeckung der Ringstruktur des Benzols, der Röntgenstrahlung oder des Penicillins, für das ein vom Bakteriologen Alexander Fleming zuvor mehrfach verfluchter Schimmelpilz die Basis bildete.

Eigentlich wäre der heute 67-Jährige schon längst im Ruhestand, doch mit dem Forschen will Hans-Joachim Niemann auf keinen Fall aufhören: «Ich würde mich schnell langweilen. Und das wäre sicher nicht sonderlich vernünftig.» SCOTT JOHNSTON

www.kritischer-rationalismus.de
23.8.2008
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